10. Februar 2020

Leningrad-Jahrestag – Drei Millionen Zivilisten von deutschen Truppen eingeschlossen

Klawdija Kuleschowa erinnert sich am Jahrestag des Endes der Blockade von Leningrad, wie sie das Brot für die Familie teilte und vor Dieben flüchtete. 

Am 27. Januar 1944 wurde der von der deutschen Wehrmacht errichtete Blockadering um die Stadt Leningrad von der Roten Armee durchbrochen. Es ist der wichtigste Gedenktag in St. Petersburg. Auch dieses Jahr kamen Tausende mit roten Nelken und Kränzen zum Piskarjowskoje-Friedhof im Nordosten der Stadt, wo in großen viereckigen Massengräbern eine halbe Million Opfer der Blockade begraben liegen (Reportage vom Gedenken). Von Ulrich Heyden, St. Petersburg.

Insgesamt starben während der 872 Tage dauernden Blockade eine Million Bürger der Stadt an der Newa an Hunger, Krankheiten und Kälte. Einen Tag nach der Gedenkfeier traf ich eine der Überlebenden der Blockade, Klawdija Kuleschowa. Sie ist 103 Jahre alt und noch rüstig. 77.000 „Blokadniki“, so nennen die St. Petersburger die Überlebenden der Blockade liebevoll, leben heute noch in der Stadt.

Das Gespräch fand im Wohnzimmer von Klawdija statt. Ihre Wohnung, in der sie mit Kindern und Enkeln lebt, liegt in einem über 100 Jahre alten Haus, in der Innenstadt von St. Petersburg, in der Kolomenskaja-Straße, südlich vom Newski-Prospekt. Klawdija hatte sich zum Treffen schön gemacht. Sie hatte schlohweiße Locken und ein elegantes schwarzes Kleid mit Spitze.

Nachricht vom Krieg am Badestrand

Klawdija wurde noch vor der Oktoberrevolution geboren, am 4. Juni 1917. In einem Dorf nicht weit von Leningrad, was damals noch Petrograd hieß, erblickte sie das Licht der Welt. Der Vater von Klawdija war Lokomotivführer. Wie sie von dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 erfahren hat, will ich wissen. Die alte Dame erzählt, sie habe das in einem Park auf der Krestowski-Insel, nördlich des Stadtzentrums von Leningrad, aus einem Lautsprecher gehört. „Ich hatte gerade meine Kleidung abgelegt und wollte schwimmen. Da wurde die Rede von Molotow (sowjetischer Außenminister) übertragen. Er sagte, der Krieg hat angefangen.“

Die Nachricht vom Kriegsbeginn habe die Menschen nicht sehr überrascht, sagt Klawdija, die damals in der Leitzentrale des Seeschiffverkehrs arbeitete. „Wir waren alle vorbereitet. Wir hatten keine Angst vor dem Krieg. Wir hatten die Losung, dass wir niemanden angreifen, aber unsere Erde niemandem geben werden. Wir sind starke Leute.“

160 Kilometer vor Leningrad Panzergräben ausgehoben

Im Juli 1941, wenige Tage nach Kriegsbeginn, wurde die damals 24-jährige Klawdija zusammen mit anderen Arbeiterinnen und Arbeitern zum Bau von Gräben gegen deutsche Panzer in das Frontgebiet südwestlich von Leningrad abkommandiert. Mit dem Zug brachte man sie in die Nähe der Hafenstadt Ust-Luga, 160 Kilometer südwestlich von Leningrad. Dort gruben die Arbeiter und Arbeiterinnen mit Spaten mehrere Tage Gräben zur Abwehr der deutschen Panzer. Es sei moorig dort gewesen, erzählt sie. Mücken hätten sie gestochen und sie habe irgendwann Malaria bekommen.

Schon bei diesem Arbeitseinsatz war alles spontan organisiert. Die Ernährung spärlich. „Es gab Linsensuppe mit Brot und Tee. Wir schliefen, so gut wir konnten. In unserer Kleidung arbeiteten, aßen und schliefen wir. Stellen Sie sich vor, wie hübsch wir aussahen!“ Plötzlich kam die Meldung, die Deutschen hätten die südlich von Leningrad gelegene Stadt Gatschina eingenommen. An eine Rückkehr der Arbeiter und Arbeiterinnen nach Leningrad war nicht zu denken, denn der Zug in die Newa-Stadt fuhr über Gatschina.

Doch später kam der Zug dann doch noch. „Man hatte die Deutschen aus Gatschina verjagt“, erzählt Klawdija mit einem so strahlenden Gesicht, als ob es gestern gewesen wäre.

„Russen, die überall Verbrechen begehen“

Leningrad befand sich damals von drei Seiten in der Zange feindlicher Truppen. Vom Norden stieß die finnische Armee vor. Vom Südwesten kam die 18. deutsche Armee und vom Süden kam die deutsche Panzergruppe 4 und die 16. deutsche Armee. Die beiden letztgenannten Kampfverbände kappten am 8. September 1941 östlich von Leningrad, bei Schlisselburg, die Verbindung von Leningrad zum sowjetischen Territorium.

Die Befehle der deutschen Militärs an die deutschen Truppen waren eindeutig. Am 13. Dezember 1941 schrieb der Kommandeur der 1. Infanterie-Division Phillip Kleffel in einem Befehl, „dieser Kampf fordert, dass wir nicht das kleinste Mitleid mit der hungernden Bevölkerung haben, auch nicht mit Frauen und Kindern.“ Man werde sie nicht durch die Front lassen. Die Frauen und Kinder seien Russen, die „überall wo es möglich war, Verbrechen begangen haben.“

Die Bombardierung der Stadt

Klawdija kam schließlich zurück vom Arbeitseinsatz nach Leningrad, wo sie von ihren Eltern, ihrem elfjährigen Bruder Jurij und ihrer 16 Jahre alten Schwester Irina erwartet wurde. An den ersten Beschuss der Stadt kann sich die alte Dame noch gut erinnern. Nicht weit von ihrem Wohnhaus fiel eine Bombe in ein hohes Haus. Als das Gebäude zusammenbrach, entstand eine riesige Staubwolke. „Vor unserem Haus hatten wir einen halben Meter tiefen Graben gegraben. So konnten wir uns vor dem Luftdruck der Bombardierungen schützen“, erinnert sie sich.

Klawdija arbeitete eigentlich in der Leitzentrale der Seeschifffahrt. Weil sie aber durch den Hunger schon sehr geschwächt war und kranke Beine hatte, wechselte sie den Arbeitsplatz und ging von nun an in die Fabrik „Junger Seemann“, die sich nicht weit von ihrer Wohnung befand. In der Fabrik wurden Barkassen und Schiffe repariert.

Der Weg von der Arbeit nach Hause war während der Luftangriffe wie ein Spießrutenlaufen. „Um 17 oder 18 Uhr verließ ich die Arbeitsstelle. Ich ging zusammen mit meinem elf Jahre alten Bruder nach Hause. Er half in der Fabrik den Elektromonteuren. Aber zuhause kamen wir erst um sieben Uhr morgens an, obwohl es von der Arbeit zu uns nach Hause nur zwei Haltestellen weit war. Kaum bist du ein kleines Stück gegangen, heulten schon wieder die Sirenen und du musstest wieder Schutz suchen. Heute denke ich, was für ein Glück, du legst dich schlafen und weißt, dass du am nächsten Morgen aufwachst. Und was ist es für ein Glück, dass du über den nächsten Tagen nachdenken kannst. Damals lebten wir nur für eine Minute.“

Der Hunger und die ständige Anspannung blieben nicht ohne Folgen. „Einmal hatte ich schon Probleme mit dem Kopf. Ich konnte mich an meinen Familiennamen nicht erinnern. Ich bekam Angst. Es dauerte zehn Minuten. Zum Glück wiederholte sich das nicht.“ Klawdija erzählt, dass sie an Dystrophie litt, einer Mangelkrankheit mit psychischen Auswirkungen. Nach der Blockade machte ihr auch noch Erythema, eine sehr schmerzhafte Erkrankung im Unterhautfettgewebe der Unterschenkel zu schaffen.

„Als Komsomolzin wollte ich mich nicht evakuieren lassen“

Leningrad hatte vor dem Zweiten Weltkrieg 1941 3,2 Millionen Einwohner. Bis zum Februar 1943 wurden 1,7 Millionen Menschen evakuiert.

Ob sie auf eine Evakuierung gehofft habe? „Wie kann ich mich als junge Komsomolzin evakuieren lassen? Wir hatten einen Koffer. Granaten waren da nicht drin, aber eine Flasche mit brennbarer Flüssigkeit. Wir konnten uns schützen. Ich, meine Mutter, meine Schwester und mein Bruder dachten nicht daran, die Stadt zu verlassen. Wir haben aber meinen Vater zur Evakuierung überredet. Er arbeitete als Jurist. Er war damals 60 Jahre alt. Nach einer Lungenentzündung war er als Schwerbehinderter eingestuft worden. Er kam in das Gebiet Swerdlowsk im Ural. Nach der Evakuierung starb er.“

Die Familie von Klawdija lebte in der zweiten Etage eines Mehrfamilienhauses. Während der nächtlichen Bombardierungen flüchtete die Familie in den Keller. „Dort standen Betten aus Stahlgestellen. Mein Vater schaffte es nicht bis in den Keller. Er stand bei den Bombenangriffen in der Küche. Er versuchte, nicht vor einem Fenster zu stehen.“

Wenn die Mitglieder der Familie von der Arbeit kamen, gab es immer die gleiche Zeremonie. „Das heiße Wasser mit Graupen kochte schon. Ich teilte immer das Brot auf. Natürlich bekamen alle die gleiche Menge. Für jeden gab es 125 Gramm. Eine Waage gab es nicht. Doch wie Du auch schneidest. Für mich blieb immer das kleinste Stück über. Ich war eigentlich die Kräftigste, aber es kam so, dass ich die am meisten Ausgezehrteste war und als erste krank wurde.“

Die Menschen fielen auf der Straße um

Klawdija erzählt, dass die Menschen vor Hunger und Kälte auf den Straßen umfielen und starben. Der erste Blockade-Winter im Jahre 1941 mit Temperaturen von Minus 30 Grad sei der schlimmste gewesen.

Der Weg zur Arbeit verlangte fast Unmögliches von Klawdija und ihrem Bruder. „Wir mussten über einen Platz gehen, um zu unserer Fabrik zu kommen. Der Schnee lag dort so hoch wie das Dach einer Straßenbahn. Und durch diesen hochaufgetürmten Schnee gab es nur einen kleinen Pfad.“

Mitten auf diesem Pfad lag der Länge nach ein gefrorener Leichnam. „Wir wussten nicht, was wir machen sollten. Wir mussten über den Leichnam gehen. Ein Fuß auf dem Leichnam, ein Fuß daneben. Große Schritte konnten wir nicht machen. Das war schmerzhaft. Mein Brüderchen weinte.“ In dem Moment, in dem Klawdija erzählt, kommen auch der alten Dame die Tränen.

Frikadellen auf dem Markt

Die Frage fällt mir schwer, aber ich ringe mich durch und frage die alte Dame, ob es Menschen gab, die das Fleisch von Toten aßen. „Ich habe das nicht gesehen. Aber wir hörten, dass auf den Markt Sülze und Frikadellen verkauft wurden. Man bezahlte dort mit Kleidungsstücken, später mit Gold. Ich weiß nicht, ob das Banditen waren. Man sagte, die Sülze sei aus Menschenfleisch gemacht.“

Die Stadt war nicht sicher. Es gab Überfälle. Klawdija erzählt. „Um Mitternacht hatte ich eine Lebensmittelkarte bekommen. Das Geschäft hatte noch auf. Am Eingang stand ein junger Mann. Ich ging mit den Karten für mich und meinen Bruder zu der Verkäuferin. Die Frau fragte mich, siehst Du, wer da steht? Ich sagte, ja. Die Verkäuferin ließ mich dann durch einen anderen Ausgang nach draußen. Ein Glück! Dieser Mann war gefährlich. Er wollte wohl Brot von den Leuten klauen.“

Eine Nachbarin, die ein staatliches Lebensmittelgeschäft leitete, habe ihr dann das Leben gerettet, erinnert sich die alte Dame. Die Nachbarin habe sie mit nach Pargolowo genommen, einem Dorf nördlich von Leningrad.

„Ich war kurz davor zu sterben. Auf dem Dorf heizte sie ein. Ich erinnere mich, dass ich die ganze Zeit Wasser trinken wollte. Aber sie gab mir nicht genug zu trinken. Aus einer Militäreinheit lud sie nachts einen Arzt ein. Ich erinnere mich nur, dass er sagte, ´Gebt ihr so viel zu trinken, wie sie will.´ So kehrte ich zurück ins Leben.“

Als ich aufstehe und mich zum Abmarsch fertig mache, sagt Klawdija – wie zur Versöhnung – dass sie keinen Groll auf die Deutschen habe. Ich umarme und küsse sie, wünsche ihr Glück und Gesundheit und gehe hinaus in die feuchtkalte Nacht. Von Ferne ist Verkehrslärm zu hören. Die Stadt an der Newa lebt und will keinen Krieg. Nie wieder!

Ulrich Heyden

Titelbild: © Ulrich Heyden

veröffentlicht in: Nachdenkseiten

 

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