Nach Maduro-Entführung: Russisches Fernsehen ändert Ton gegenüber Trump (Globaldbridge.ch)

08. Januar 2026 Von: Ulrich Heyden in Medienkritik, Politik
Hauptthema in den Nachrichtensendungen des russischen Fernsehkanals Rossija 1 ist seit Tagen die Entführung des Präsidenten von Venezuela, Nicolas Maduro, durch US-Militärs. Über die Lage in Venezuela und die politischen Folgen berichtete Rossija 1 – einer der wichtigsten russischen Nachrichtensender – in den letzten Tagen ausführlicher als über den Krieg in der Ukraine. Seit dem Amtsantritt von Trump und insbesondere seit dem Treffen von Trump und Putin auf der US-Militärbasis in Anchorage (Alaska) wurde im russischen Fernsehen über den US-Präsidenten in einem hoffnungsvollen Ton berichtet. Doch seit dem 3. Januar hat sich das geändert. Positiv berichtet Rossija 1 jetzt nur noch über die Demonstranten in Washington, die gegen den Krieg in Venezuela protestieren und US-Kongressabgeordnete der Demokraten, die Trump vorwerfen, er stifte Chaos.
Ähnlich wie zu Sowjetzeiten, als die schwarze Menschenrechtsaktivistin Angela Davis ein großer Star im sowjetischen Fernsehen war, wird jetzt im russischen Fernsehen über die Demonstranten berichtet, die vor dem Weißen Haus und vor dem Untersuchungsgefängnis demonstrieren, in dem Nicolai Maduro und seine Frau Cilia Flores einsitzen. Das „gute Amerika“ ist für das russische Fernsehen jetzt nicht mehr Trump, es sind jetzt die Demonstranten, die in den USA mit Plakaten „Kein Blut für Öl“ demonstrieren.
Ausführlich kommen bei Rossija 1 auch US-amerikanische Abgeordnete zu Wort, die scharf kritisieren, dass der Präsident einen Krieg gegen Venezuela führte und dass er diesen Militäreinsatz nicht im Kongress zur Abstimmung stellte. Im russischen Fernsehkanal sah man den US-Kongressabgeordneten Chack Schumer, der zu der Maduro-Entführung erklärte, „kein Plan, nur Chaos“. Trump habe die Büchse der Pandora geöffnet. Die Lage werde „außer Kontrolle“ geraten.
Auch „das gute Europa“ kommt bei Rossija 1 zu Wort. Das sind europäische Politiker, wie der französische Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon, der mit seiner Kritik an dem Rückfall der USA in die Interventions-Politik am 4. Januar ausführlich zu Wort kam. Am 3. Januar war in der Nachrichtensendung des Fernsehkanals ein kurzer Ausschnitt aus einem Auftritt des deutschen Journalisten Patrik Baab über die Politik der EU-Eliten gesendet worden.
Über die AfD herrscht im Kanal Rossija 1 derzeit Funkstille. Denn von dieser Partei gibt es kein eindeutiges Signal gegen den US-amerikanischen Gewaltakt in Caracas.
Das Wiederaufleben des Internationalismus
Viele Russen hofften, dass Trump es ehrlich meint mit den Friedensverhandlungen in der Ukraine. Putin persönlich erklärte, der US-Präsident sei ernsthaft an einem Frieden in der Ukraine interessiert. Doch jetzt, wo Trump sich in Cowboy-Art versucht, Venezuela unterzuordnen, leuchten in den russischen Medien die roten Warnlampen auf. Jetzt erinnert man sich plötzlich an die Zeit, als die Sowjetunion und Kuba, dem ersten sozialistischen Land in der westlichen Hemisphäre, eng zusammenarbeiteten.
Am 4. Januar zeigte Rossija 1 Bilder von Maduro in verschiedenen Positionen – gehend, begleitet von Sicherheitskräften und sitzend mit erhobenen Daumen. Man sah die Vizepräsidentin von Venezuela, Delcy Rodriguez, sagen, Maduro sei auch weiterhin der Präsident von Venezuela.
Rossija 1 berichtete über Plünderungen in Geschäften von Venezuela und man sah Schlangen von Menschen vor Lebensmittelgeschäften. Aber Hinweise auf ein Wanken der Macht in Venezuela gibt es in den russischen TV-Nachrichten nicht. Man zeigte Generäle des Landes, die an einer Karte etwas beratschlagten. Eine Zivilistin in Caracas berichtete über die US-Bombardements.
Die Frage, wie es soweit kommen konnte, dass US-Militärs in einer nächtlichen Aktion den Präsidenten entführten konnten, wurde nicht behandelt. Auch die Frage von möglichem Verrat, wie er im russischen Internet auftauchte, wurde in dem Fernsehkanal nicht thematisiert. Ausgeklammert wurde auch die Frage, warum die Luftabwehr in Caracas nicht funktionierte. Die russische Nachrichtenagentur Ria Novosti zitierte immerhin den russischen USA-Experten Viktor Hejfez, der nicht ausschließen wollte, dass es Absprachen zwischen Trump und Personen in der Führung Venezuelas gegeben hat.
Russisches Internetportal: Neue Strafexpedition nicht ausgeschlossen
Wie das russische Internetportal Vsglyad berichtete, waren an der US-Militäraktion am 3. Januar 150 US-Flugzeuge beteiligt. Die US-Spezialeinheit Delta, welche Maduro entführte, habe in den USA an einem Gebäude trainiert, welches eine Kopie der Residenz von Maduro war und in den USA nachgebaut worden war.
Die Leibwächter des Präsidenten, darunter 32 Kubaner, seien getötet worden. Die Entführung des Präsidenten habe zwei Stunden gedauert. Insgesamt starben bei der US-Attacke am 3. Januar über 80 Menschen. Trump entschuldigte sich auf einer Pressekonferenz am 6. Januar für die Toten.
Nach Angaben des Portals Vsglyad wurde ein US-Hubschrauber und ein US-Flugzeug beschädigt. Außerdem habe es unter den US-Soldaten Verletzte gegeben.
Im Internet war ein zerstörtes hochmodernes russisches Luftabwehrgeschütz vom Typ Buk-M2Э zu sehen. Nach der Prognose des russischen Internetportals sind die USA nicht an Chaos in Venezuela interessiert. Wenn Venezuela aber sein Öl nicht an die USA abtrete, werde es die nächste militärische Strafoperation geben. Die geschäftsführende Präsidentin von Venezuela habe das erkannt. Deshalb habe sie den USA eine Zusammenarbeit angeboten.
Das Internetportal resümiert, um der US-Armee etwas entgegenzusetzen, brauche man sehr gute und unter Kriegs-ähnlichen Bedingungen ausgebildete Soldaten, einen ausgezeichneten Zustand der eingesetzten Waffen und eine hohe Kampfmoral. Offenbar hat es den Streitkräften von Venezuela – trotz russischer Waffenhilfe – an all diesem gemangelt. Die USA – so das Internetportal – setzten die Tradition des römischen Imperiums fort, das alles eroberte, was ihm gefiel, und sogar Verbündete okkupierte.
Am 6. Januar war in den Abendnachrichten von Rossija 1 der Nachrichten-Block von Reportagen über Venezuela 22 Minuten lang. Es ging los mit Bildern, auf denen gezeigt wurde, wie Nicolas Maduro und seine Frau Cilia Flores mit einem Hubschrauber vom Untersuchungsgefängnis in New York in die Nähe des Gerichts geflogen wurden. Offenbar wollte die Polizei nicht das Risiko eingehen, dass der Transport mit den Entführten in einem Verkehrsstau steckenbleibt, meinte der Nachrichtensprecher.
Dann brachte der Sender Bilder von Demonstrationen vor dem Untersuchungsgefängnis, in dem Maduro und seine Frau inhaftiert sind. Die Demonstranten trugen Schilder mit der Aufschrift „Kein Blut für Öl“. Ein älterer Demonstrant sagt dem russischen Sender ins Mikrofon: „Die Kapitalisten hören nicht auf, bevor sie die ganze Welt erobert haben.“
Weiter zeigte man einen Ausschnitt aus einer US-Nachrichtensendung, in der US-Außenminister Rubio gefragt wurde, ob Kuba das nächste Ziel sei. Rubio sagte „wahrscheinlich“. Kuba sei „ein großes Problem“. Schließlich kam in der Sendung Trump zu Wort, der erklärte, Rodriguez werde „einen hohen Preis zahlen“, wenn sie den Anordnungen aus den USA nicht Folge leiste.
Aus Venezuela wurden von Rossija 1 Videos von einer großen Maduro-Solidaritätsdemonstrationen gezeigt. Der Kommentator machte aber klar, dass vor allem die „Chavisten“, also überzeugte Anhänger des früheren Präsidenten Chavez und seines Nachfolgers auf die Straße gegangen waren, nicht aber das ganze Volk.
Weiter wurde berichtet, dass sich die lateinamerikanischen Staaten nicht auf eine gemeinsame Protestresolution gegen die Entführung von Maduro einigen konnten.
Dann kamen Bilder von der Sondersitzung des UNO-Sicherheitsrates am Montag. In seiner Rede verurteilte der russische Gesandte Wassili Nebensja die Entführung Maduros als „ein zynisches Verbrechen, das nicht zu rechtfertigen ist“. Der chinesische Gesandte Sun Lei verurteilte die USA. Er erklärte, die militärische Intervention der USA in Venezuela stelle eine Bedrohung für den Frieden und die Sicherheit in der Region dar. Nach Angaben russischer Experten beträgt das Handelsvolumen zwischen China und Venezuela 600 Milliarden Dollar. Bei einem Machtwechsel in Caracas sind die Handelsbeziehungen und chinesische Investitionen in Gefahr.
Linkswende unter Hugo Chavez
Ausführlich berichtete Rossija 1 über die Tradition des Anti-Kolonialismus in Lateinamerika. Dieses Thema wurde lange nicht im russischen Fernsehen behandelt. Und so musste man viel erklären. Erwähnt wurde die ständige – auch militärische – Einmischung der USA in die Angelegenheiten der südamerikanischen Staaten in den letzten hundert Jahren. Berichtet wurde über den von den USA organisierten Militärputsch 1973 gegen den sozialistischen Präsidenten in Chile, Salvador Allende. Weiter wurde berichtet, dass es in der Zeit von Hugo Chavez eine Linkswendung in Lateinamerika gab. Über korrupte Eliten versuchten die USA in Lateinamerika ihren Einfluss zu sichern. Erwähnt wurde der Sturz des US-hörigen Diktators Batista auf Kuba 1959 und die enge wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit, die es nach der Revolution in Kuba zwischen der „Insel der Freiheit“ und der Sowjetunion gab. Erwähnt wurde der Besuch von Che Guevara 1961 in der Sowjetunion. 1963 war Fidel Castro 40 Tage lang zu einem Besuch in Moskau, Sibirien, Usbekistan, Georgien und in der Ukraine.
Lawrow: „Wir sind solidarisch mit Venezuela“
Der russische Außenminister Sergej Lawrow hatte unmittelbar nach dem Angriff der US-Einheiten in Caracas mit Delcy Rodriguez telefoniert und erklärt, Russland sei mit Venezuela solidarisch. Das russische Außenministerium forderte von den USA, Maduro und seine Frau, Cilia Flores, freizulassen.
Am 6. Januar veröffentlichte das russische Außenministerium eine Erklärung, in welcher der jetzt geschäftsführenden Präsidentin von Venezuela, Delcy Rodriguez, Erfolg gewünscht wurde. Rodriguez hatte am 5. Januar in der Nationalversammlung von Venezuela ihren Eid auf die Verfassung abgelegt und ihr Amt als geschäftsführende Präsidentin der Bolivarischen Republik Venezuela angetreten. Das russische Außenministerium erklärte, es sei weiter bereit, Venezuela zu unterstützen. Man begrüße die Anstrengungen der Macht in Venezuela, „die Souveränität und die nationalen Interessen“ des Landes zu schützen.
Jeder Russe mit Verstand spürt heute, dass der Angriff auf Venezuela ein Angriff auf alle Staaten ist, die sich der US-Hegemonie nicht beugen wollen. Trump, der durch seine pragmatische Politik für eine Friedensregelung in der Ukraine Sympathien von Russen gewann, wird man jetzt wohl nicht mehr trauen.
Bisher gibt es keine Anzeichen dafür, dass die USA von ihrem Friedensplan für die Ukraine abrücken. An einer militärischen Friedenssicherung in der Ukraine durch Militärkontingente aus der EU werden sich die USA, wie das Medium Politico am 7. Januar berichtete, aber nicht beteiligen und auch keine Aufklärungsdaten und Logistik dafür bereitstellen. Das ist kein Wunder, denn unter Trump sind die USA entschlossen, nur noch für die eigenen Interessen zu kämpfen. Die „eigenen Interessen“ bedrohen inzwischen sogar militärische Verbünde wie Dänemark, dem Trump die Hoheitsrechte über Grönland absprechen will.
Quellen
- Nachrichtensendung Rossija 1, 04.01.26, https://smotrim.ru/video/3066011
- Internetportal Vsglyad https://vz.ru/world/2026/1/5/1385381.html
- Nachrichtensendung Rossija 1, 06.01.26, https://smotrim.ru/brand/58500?utm_source=internal&utm_medium=channel&utm_campaign=tvplist
veröffentlicht in: Globalbridge.ch














