11. Oktober 2019

Oktober 1941: Letzter Erfolg der Wehrmacht vor Moskau

Mit dem Kessel von Wjasma fügt die Wehrmacht der Roten Armee schwere Verluste zu. Doch der Winter naht und der Angriff auf Moskau kommt ins Stocken. Die schrecklichen Vorgänge von 1941 müssen bis heute als Mahnung dienen. Eine Reportage vom historischen Schauplatz von Ulrich Heyden.

Wir gehen im Gänsemarsch über eine Wiese. Es ist Juli. Über uns ein hellblauer Himmel mit weißen Wolken. Um uns ist hohes Gras. Die Erde ist feucht und weich. Immer wieder müssen wir über umgefallene Stämme von Büschen klettern. Es ist Juli. „Zum Glück gibt es keine Mücken“, sagt eine Frau hinter mir. „Der Sommer war heiß. Für Mücken ist das nicht gut“.

Ich bin unterwegs mit 50 Angehörigen n Freiwilligen, die hier im Oktober 1941, 220 Kilometer südwestlich von Moskau vor der Stadt Wjasma als Unterstützung der Roten Armee gegen die deutsche Wehrmacht kämpften. Wir besuchen eine Stelle, wo in der Nacht vom 11. auf den 12. Oktober 1941 sowjetische Freiwillige aus einem Kessel ausbrachen. „Als sie ausbrachen, wurde sie von beiden Seiten von deutschen Panzern beschossen“, erzählt Igor, ein Mann mittleren Alters. Igors Hobby ist die Erforschung der Schlacht vor Wjasma. Er trägt eine Tarnuniform.

Am 7. Oktober war es der 4. und 9. Armee der deutschen Heeresgruppe Mitte von Süden und Norden kommend gelungen, die Stadt Wjasma zu besetzen. Damit schloss sich ein Kessel um große Teile der Roten Armee, welche den Deutschen bis dahin den Vorstoß nach Moskau versperrt hatten. Nur kleine Gruppen – insgesamt 85.000 Sowjetsoldaten und Freiwillige – schafften es, die Umzingelung zu verlassen.

Hämische Siegesmeldung

Den Kessel von Wjasma feierte die deutsche Militärführung als Triumph. Die Zeitschrift „Die Wehrmacht“ veröffentlichte das Bild eines offenen Güterzuges mit stehenden, eng aneinander gepferchten Gefangenen aus dem Kessel, die „ins Reich“ transportiert wurden. Die Bildunterschrift klang protzerisch-hämisch: „1.000 von 657.948“. So viele Gefangene hatte die Wehrmacht im Kessel von Wjasma gemacht. Der „Völkische Beobachter“ titelte am 10. Oktober 1941 in maßloser Übertreibung: „Der Feldzug im Osten ist entschieden. Heeresgruppen Timoschenko und Woroschilow eingeschlossen“.

Hitler hatte sich gegen einen Vorstoß auf Moskau zunächst gesperrt. Er hielt die Besetzung der Ukraine und das Aushungern von Leningrad für wichtiger. Doch die deutschen Generäle überredeten ihn. Sie argumentierten, je länger man mit der Einnahme von Moskau warte, desto stärker könne der Gegner die Verteidigung aufbauen.

Deutscher Doppelschlag 250 Kilometer vor Moskau

Am 30. September 1941 startete 250 Kilometer südöstlich von Moskau die deutsche „Operation Taifun“ mit Panzer-Angriffen an der Front Brjansk und am 2. Oktober mit Angriffen auf die Front Wjasma. Ziel dieses Doppelschlages, bei dem die sowjetischen Truppen in drei Kesseln schwere Verluste zugefügt wurden, war die Zerschlagung der sowjetischen Verbände vor Moskau, um so freien Zugang zur sowjetischen Hauptstadt zu bekommen.

Die „Operation Taifun“ war eine der letzten erfolgreichen deutschen Operationen vor Moskau. Im November 1941 kam der Vorstoß Richtung Hauptstadt ins Stocken. Der Angriff auf Moskau kam zu spät. Die deutsche Armee, die in propagandistisch angestachelter Siegesstimmung schnell nach Osten vorrückte, hatte mit vom Herbstregen aufgeweichten Straßen zu kämpfen. Für einen Stellungskrieg im Winter waren die Deutschen nicht vorbereitet.

Die „Operation Taifun“, mit der die sowjetischen Verbände vor Moskau zerschlagen werden sollten, startete erst, nachdem die Wehrmacht am 26. September die Stadt Kiew eingenommen hatte.

An der Eroberung Kiews waren auch Kräfte der deutschen Heeresgruppe Mitte – wie die Panzergruppe Guderian – beteiligt, die für den Angriff auf Moskau gebraucht wurden.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde deutlich, dass sich die deutsche Militärführung und Hitler verzettelt hatten. Man ging davon aus, die östlich von Moskau gelegene strategische Linie Archangelsk-Astrachan im Frühherbst 1941 zu erreichen. Doch aus diesem schnellen Feldzug wurde nichts. Die deutsche Militärführung unterschätzte die Kampfkraft der Roten Armee, welche die deutschen Vorstöße immerhin verlangsamen konnte.

Unter den Freiwilligen waren Arbeiter, Lehrer, Musiker und sogar ein Astronom

Einen wichtigen Anteil am Abbremsen des deutschen „Blitzangriffs“ hatten 16 Freiwilligen-Divisionen mit 170.000 Kämpfern, die im Juli 1941 in Moskau zur Unterstützung der Roten Armee bei der Verteidigung der sowjetischen Hauptstadt gebildet worden waren.

Die Menschen, mit denen ich im Juli dieses Jahres durch das ehemalige Kampfgebiet vor der Stadt Wjasma zog, waren Nachkommen von Mitgliedern der 13. Freiwilligen-Division, die sich im nördlichen Moskauer Stadtbezirk Rostokinski gebildet hatte. Die Freiwilligen waren zwischen 16 und 60 Jahre alt. Sie arbeiteten in der Fabrik Kalibr, die Messgeräte herstellte. Im Oktober 1941 wurde die Fabrik in die Ural-Stadt Tscheljabinsk evakuiert.

Zu der 13. Freiwilligen-Division gehörten nicht nur Arbeiter und Arbeiterinnen, sondern auch Mitarbeiter der Moskauer Filmhochschule WGIK, Musiker, Mitarbeiter des volkswirtschaftlichen Ausstellungskomplexes WDNCh und ein Astronom. Über diesen erzählte man sich folgende Anekdote. Der Wissenschaftler, der sein Essgeschirr in Moskau vergessen hatte, war nachts an der Front eingeschlafen. Als man ihn weckte – es stand eine vorher angekündigte Militäroperation bevor – soll der Mann, nachdem er zu den Sternen geblinzelt hatte, ganz ruhig gesagt haben: „Wir haben noch 15 Minuten“.

Der Astronom überlebte den Krieg nicht. Er wurde von einer Mine getötet.

Die meisten dieser Freiwilligen hatten keinerlei militärische Ausbildung. Erst an der Front wurden sie im Schießen und Aufstellen nach Kommando trainiert. Zum Glück waren auch einige Arbeiterinnen dabei, die in der Fabrik Erste-Hilfe-Kurse belegt hatten und sich um die Freiwilligen kümmern konnten, welche den hohen Belastungen bei den langen Märschen an die Front nicht gewachsen waren.

In der 13. Freiwilligen-Division kämpften 11.600 Menschen. Der Großteil von ihnen kam im Oktober 1941 bei einem deutschen Angriff beim Dorf Cholm-Schirkowski um und gilt als verschollen.

Insgesamt starben im Oktober 1941 vor Wjasma 400.000 sowjetische Soldaten.

In der Sowjetunion sprach man lange nicht über die Niederlage vom Oktober 1941. Erst Anfang der 1960er Jahre lüftete Marschall Georgi Schukow, der am 9. Oktober 1941 das Kommando der sowjetischen Westfront übernommen hatte, das Schweigen. In einem Interview dankte der Marschall der Sowjetunion den Soldaten und Kommandeuren, die in den Kesseln von Wjasma und Brjansk eingeschlossen waren. „Sie banden um sich große Kräfte des Gegners. Sie halfen Zeit zu gewinnen, um eine neue Verteidigungslinie vor Moskau aufzubauen.“ Doch es dauerte noch bis zum Jahr 1979, dass in Moskau ein Museum zur Verteidigung der sowjetischen Hauptstadt eingerichtet wurde.

Verrostete Anti-Panzer-Granaten am Waldweg

Auf unserem Weg über die feuchte Wiese bietet sich nach jeder Wende ein neues, überraschendes Bild. Wir sehen große Flecken mit langstieligen, lila Blumen. Von den Russen werden diese Blumen „Iwan-Tee“ (lateinisch: Chamaenerion) genannt. Wegen ihrem hohen Anteil an Mikroelementen werden die Blumen in der Volksmedizin als Tee verwendet.

Unser Führer Igor erklärt, dass „Iwan-Tee“ besonders dort wächst, wo früher Häuser standen. Und tatsächlich, uns fällt auf, dass die lila Flecken die Form von Quadraten haben, etwa so groß wie ein Bauernhaus.

Von der Wiese kommen wir in einen Tannenwald. Immer wieder sehen wir am Rand unseres Trampelpfades Überreste von verrosteten Maschinengewehr-Patronen-Behältern und Anti-Panzer-Granaten, die wie verrostete Fischdosen aussehen.

Einige verrostete Ausrüstungsteile hängen an den Ästen der Tannen. „So ist unsere Ordnung hier“, erklärt Igor. „Wenn man ein Metallteil findet, hängt man es an einen Zweig, damit der Metalldetektor nicht unnötig Alarm schlägt.“

Lange gingen die Bewohner der umliegenden Dörfer nicht in den Wald, erzählt Igor. Dort gab es wegen der unbeerdigten Leichen einen schrecklichen Gestank und Wölfe, welche sich über die Toten hermachten.

40 Massengräber, deren genauen Ort niemand kennt

Die sowjetischen Kriegsgefangenen aus dem Kessel wurden in zwei Durchgangslager (Dulags) in der Stadt Wjasma gebracht. Von dort wurden sie dann ins Deutsche Reich transportiert.

Die Gefangenen bekamen einmal am Tag eine Suppe ohne Fleisch. Trotz ihrer elenden Lage wurden die Gefangenen von den Deutschen noch zum Ausheben von Schützengräben eingesetzt.

Im Winter 1941/42 starb ein Großteil dieser Kriegsgefangenen, die unter freiem Himmel gefangengehalten wurden, an Infektionskrankheiten, Hunger und Verwundungen. Die genaue Zahl der Toten ist nicht bekannt. Nach Berichten von Einheimischen wurden die Toten in 40 Massengräbern beerdigt. Wo sich diese Massengräber exakt befinden, ist nicht bekannt. Manche meinen, dass sich auf den Massengräbern heute die örtliche Fleischfabrik sowie Garagen und Gärten befinden.

Seit 2015 gibt es auf dem Gelände des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers in Wjasma ein Denkmal. Auf einem Bronzerelief sieht man ausgemergelte Gefangene – einer mit geballter Faust – vor einem Wachturm. Auf einer Platte am Fuße des Denkmals liest man , dass an diesem Ort „zehntausende“ starben.

„Ich bin schon alt. Nimm Du diese Jacke!“

Nach unserem Ausflug kam es in einem Hotel der Stadt Wjasma an einem hufeisenförmigen großen Tisch zu einer Aussprache. Mehrere Teilnehmer unseres Marsches erzählten von ihren Vätern und Großvätern. Ein Gläschen Wodka half, die Schrecken des Krieges abzuschütteln. Die Leute erzählten Geschichten, die Hoffnung machten. Es waren Geschichten über menschliche Größe.

Ein junger Vater, der mit seiner Frau und seinen beiden schulpflichtigen Söhnen an unserer Fahrt teilnahm, erzählte, er habe als kleiner Junge seiner Großmutter versprochen, ihren Bruder oder zumindest sein Grab zu finden. Als der junge Vater das erzählt, kann er seine Tränen nur mit Mühe unterdrücken.

Vom Großonkel gab es einige Briefe, aus denen hervorging, dass er in der 15. Freiwilligen-Division gekämpft hatte. Im Alter von 25 Jahren – so erzählt der junge Vater – habe er dann angefangen, in Archiven nach seinem Großonkel zu suchen. Zum Schluss seiner Erzählung sagt der junge Vater mit erleichterter Stimme, er habe jetzt aus dem ehemaligen Kampfgebiet Erde mitgenommen. Die werde er zum Grab seiner Großmutter bringen, die auf ihren Bruder so lange gewartet hat.

Eine Frau in mittlerem Alter, die mit ihrer Tochter an der Fahrt teilnahm, erzählte, dass sich ihr Vater im Alter von 17 Jahren an die Front meldete und dort in Gefangenschaft geriet. Dort bekam er von einem anderen Kriegsgefangenen, der schon älter war, eine Jacke mit den Worten, „ich bin schon alt, Du brauchst sie noch.“ Als sie dann in einer Kolonne gingen, habe „der Alte“ in einem Moment mit seinem Körper den Jungen verdeckt und ihm so zur Flucht verholfen.

Auf seiner Flucht kam der Junge in ein Dorf, welches schon von den Deutschen kontrolliert wurde. Eine Dorfbewohnerin ließ ihn in ihr Haus. Um ihn wegen einer nahenden Kontrolle durch die Deutschen vor der Festnahme zu schützen, versteckte sie den Jungen unter einem Berg von Kartoffeln, der in einer Ecke des Zimmers aufgeschüttet war. Über den Kartoffelberg legte sie noch eine ausgehobene Zimmertür. Die Deutschen fanden den Jungen nicht.

Als wir am nächsten Tag spätabends nach vier Stunden Fahrt mit dem Autobus am Moskauer Siegespark – unserem Treffpunkt – ankamen, waren wir sehr müde. Mit letzter Kraft zogen wir unsere Taschen aus dem Gepäckfach, umarmten uns und versprachen einander, dass wir uns wiedersehen. Ein Gedanke gab uns Kraft. Die Verteidiger Moskaus sind nicht vergessen.

Text und Fotos: Ulrich Heyden

veröffentlicht in: Nachdenkseiten

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