28. Dezember 2016

Pilzreiche Gegend

Russland: Die Natur kann hektische Moskauer friedlich stimmen und im beginnenden Winter Selbstversorgern ein Polster bieten 
 
Wir waren voller Erwartungen und ziemlich aufgeregt. Der Wecker klingelte am Samstagmorgen gegen sieben Uhr. Wir aßen unseren Kascha-Haferbrei, schnitten Käse und Brot, füllten Tee in Thermosflaschen, suchten warme Pullover zusammen und zogen los zur Pilz-Sammeltour. Um neun Uhr saßen wir im Auto und waren sicher, gegen elf am verabredeten Treffpunkt im Zentrum von Monino, einer Kleinstadt 60 Kilometer östlich von Moskau, zu sein. Der Navigator zeigte für die Tour anderthalb Stunden Fahrtzeit an. Einige Streckenabschnitte waren zwar wegen diverser Staus rot markiert, die meisten Straßen aber mit hoffnungsvollem Grün, was die Stimmung hob. Doch so schnell sollten wir nicht ans Ziel kommen. Es gab mehr Staus, als das Navi erfasst hatte. Wer denkt, die Russen seien Langschläfer, sollte samstags am frühen Vormittag die Erfahrung riskieren, wie dickflüssig der Moskauer Verkehr um diese Zeit sein kann. Überall in der Hauptstadt wird gebaut, um Trassen zu verbreitern. Merkwürdig nur: Trotzdem nimmt die Verkehrsdichte in der Stadt niemals ab.

Meine Begleiterin, die am Steuer saß, wurde nervös. Da konnte auch klassische Musik aus dem Autoradio nicht helfen, nur der Hund auf der Rückbank blieb ruhig und schaute neugierig auf die Fahrbahn. Aufgeregt telefonierten wir mit Waleria, der Organisatorin unserer Pilz-Tour. Sie meinte, wir seien nicht die Einzigen, die sich verspäteten. Sie würden warten.

Gegen halb zwölf erreichen wir schließlich Monino, fahren vorbei an einem Original-Suchoi-Kampfjet, den man auf einen Sockel gesetzt hat. In Monino gab es bis 2011 die berühmte Flugschule „Juri Gagarin“, an der zu Sowjetzeiten auch Piloten aus Angola, Mosambik oder dem Kongo ausgebildet wurden. Und wie in allen russischen Städten, die etwas mit Flugzeugen zu tun haben, darf das obligatorische Denkmal mit einer Original-Maschine nicht fehlen. Eine erste Startbahn wurde in Monino bereits 1926 planiert, als die Luftwaffe noch einmotorige Propellerflugzeuge flog. Eine dieser Maschinen hat es bis ins Wappen der Stadt geschafft.

Auf einem Parkplatz stoßen wir auf die Gruppe der Pilzsammler, die meisten wie wir aus Moskau. Nach einigem Hin und Her – noch immer fehlt jemand, der die Tour gebucht hat (die kostet inklusive Auswertung und Imbiss pro Kopf 2.000 Rubel, sprich: 27 Euro) – fahren wir in Kolonne durch Felder und Wiesen zum Wald, der wie ein geheimnisvolles Schloss betreten sein will, mit gedämpften Stimmen unter dem Kathedralendach der Tannen. Der Stress der Anfahrt weicht einem Glücksgefühl. Der Himmel ist zwar grau wie eigentlich immer kurz vor dem russischen Winter, aber der Wald meidet Tristesse. Der Boden scheint zu brennen bei all den roten Tannennadeln. Wir sind zwanzig erwachsene Pilzsammler, aber auch Kinder und ein Hund ziehen mit. Fast alle haben große Körbe und Pappkisten dabei. Wir verstreuen uns, wegen der bunten Jacken und Hosen behalten wir uns trotzdem gut im Auge. Es muss erst tief in den Wald hineingehen, bevor wir die ersten Pilze, klitzekleine gigrofor pupyruatyi, zwischen Moos und Tannennadeln finden. Es sind ein paar Zentimeter hohe, helle Gewächse mit graubräunlichem Hut. Schnell schneiden wir sie mit unseren Messern ab, doch bedecken sie im Korb gerade einmal den Boden.

Macht der Erfahrung

Es geht durch ein Gewirr von Brombeersträuchern, vorbei an umgefallenen, mit Moos bewachsenen Tannen, an deren Stämmen man alle möglichen Pilze entdecken kann, einige in knalligem Gelb und glänzend, als hätte man sie in Fett getaucht, andere in zart hellem Gelb mit matter Oberfläche. Unsere Begleiterinnen, die Pflanzenkundlerin Natalja Samjatina und ihre Freundin, die Pilzexpertin und Grafikerin Maria Sergejewa, werden mit Fragen bestürmt. Was das für Pilze seien, ob man sie roh essen könne? Wenigstens die Stiele? Maria muss nicht groß überlegen. „Normalerweise sollte man das nicht tun. Aber ich habe in einem Buch – ich glaube, es war ein finnisches – gelesen, dass man die Stiele besser trocknet und dann zu Mehl zermahlt. Oder man sollte sie zerschneiden und als Ringe braten. Das ist etwas sehr Auserwähltes.“ Unsere Expertinnen zeigen uns kleine grüne Blätter, die im Moos wachsen. „Borowaja matka, gut gegen Frauenkrankheiten“, sagt Maria. Und wenig später zeigt sie auf Adlerfarn. „Und der ist gut für die Leiden der Männer.“

Den Russen kann man beim Pilzesammeln nichts vormachen. Es gibt selten jemanden, der absolut nichts davon versteht und jedes Sammeln verschmäht. Die Ausbeute einer Tour wird zu Hause gewaschen und gut 40 Minuten gekocht, dann der sich bildende Schaum abgeschöpft. Entweder kommen die Pilze sofort gebraten auf den Tisch oder werden für den Winter in Salzlauge mit Gewürzen eingelegt. In Krisenzeiten wie jetzt, wenn Preise steigen und Reallöhne sinken, steigt die Attraktivität dessen, was die Natur an Nahrung für umsonst bereithält. Selbstversorgung stand schon zu Sowjetzeiten hoch im Kurs, und nicht zufällig sind bei Moskauern Datschen mit Garten hoch begehrt, besonders wenn sie in Pilzgebieten liegen. Wer dort sammelt, weiß mit den Jahren genau, wo er was findet. Damit lebt die Tradition kollektiver wie individueller Vorsorge fort. Mit Pilzen wird für sozioökonomische Polster gesorgt, mit denen sich mancher Engpass vermeiden lässt. Das war schon in den frühen 90er Jahren ein probates Mittel, als mit den Schockprivatisierungen viele Betriebe in Konkurs gingen und regelmäßig gezahlte Löhne als Luxus galten.

Rausch der Düfte

Eben weil es diesen Hintergrund gibt, wollen echte Pilz-Liebhaber stets neue Wälder erkunden, auch ein Grund, warum Menschen an einem fast winterkalten Wochenende in den Wald bei Monino aufbrechen und Natalja wie Maria ein angemessenes Honorar zahlen. Fast gierig hängen wir an ihren Lippen. Einige machen sich Notizen oder lassen einen Audio-Rekorder mitlaufen. Es gibt beim Sammeln keinerlei Konkurrenz unter den gebildeten, erkennbar gut situierten Moskauern, die sich nicht nur über all das freuen, was ihnen im Wald begegnet, sondern ebenso das Gruppenerlebnis genießen. Sobald jemand ein besonders schönes oder seltenes Exemplar gefunden hat, wie etwa einen „Polnischen Pilz“ (gelber Stiel, dunkelbrauner Hut), wird das Fundstück stolz herumgezeigt und allseits gelobt. Die Natur kann hektische Moskauer friedlich stimmen.

Nach drei Stunden wird die Tour abgebrochen. Nun geht es mit dem Auto zur Datscha von Maria. Es wird geräucherter, in Streifen geschnittener Kischutsch-Lachs aufgetragen, dazu gibt es Piroggen mit Pilz-Reis-Füllung, in Teig gebackene Sontiki-Pilze und Kräutertee. Danach wird der Tisch abgeräumt und mit Zeitungen bedeckt. Der Unterricht beginnt. Maria legt lange, dünne Löwenzahn-Wurzeln auf den Tisch. Was soll man damit schon anstellen?, denke ich. Es wird erklärt: Die Wurzeln können geröstet, zermahlen und schließlich aufgebrüht werden. Das Getränk schmecke wie Kaffee, beteuert Maria. Sie schüttelt eine Schachtel mit getrockneten, in kleine Stücke geschnittenen Stängeln von schwarzen Johannisbeeren, die man als aromatische Beigabe in den Tee geben könne. Maria vergisst nicht, zu erwähnen, dass Johannisbeer-Blätter ebenso beim Einmachen von Pilzen, Gurken und Tomaten gebraucht werden.

Nun ist es aber genug mit pilzfremden Pflanzen. Wir werden unruhig. Natalja gibt das Signal, auf das alle warten. „Pilze auf den Tisch.“ Behutsam wird ausgepackt: Hellbraune opjata, weißbraune goworuschka, hellbraune lakowitsa, fast schwarze pljutej olenij. Die Männer stehen in der zweiten Reihe und schauen mit andächtigem Stolz zu. Jeder noch so kleinen Pilzkollektion wird ein Schild verpasst, von Hand geschrieben, um eine Sorte zu benennen. Ungenießbare Exemplare wandern auf ein Extra-Häufchen. Die zunächst andächtige Stimmung schlägt schnell in ausgelassene Freude um. Alle reden durcheinander. Was da auf dem Tisch zu sehen ist, übertrifft auch meine Erwartungen. Ich bin wie berauscht von den zarten Gelb-, Braun- oder Grautönen und dem Geruch der Pilze.

Die fortgeschrittene Zeit will es, dass die Autos für die Rückfahrt nach Moskau startklar gemacht und mit einer mitgeführten Elektropumpe die Reifen nachgepumpt werden. Während der Rückfahrt sprechen wir nicht viel. Unsere Gedanken sind immer noch im Wald, wir atmen den Duft von Tannennadeln, hören das Knacken der Äste und fühlen das weiche Moos unter unseren Stiefeln. Am nächsten Abend folgt endlich die Geschmacksprobe. Wir waschen und kochen die Pilze. Dann werden unsere Fundstücke gebraten und in etwas saurer Sahne geschwenkt. Die Küche duftet verführerisch. Es hat fast den Anschein, als würde eine Herbstwolke noch einmal über uns hinwegziehen und der Wind die Kiefern streifen.

Ulrich Heyden

veröffentlicht in: der Freitag

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