10. Mai 2008

Raketen-Show in Moskau

Bei der Parade zum Tag des Sieges präsentiert sich die Armee wieder als Stolz der Nation.

Russland ist wieder stark. Das war die Botschaft der großen Militärparade zum Tag des Sieges auf dem Roten Platz, bei der am Freitag das erste Mal seit 18 Jahren wieder moderne Panzer und Topol-Atomraketen aufgefahren wurden. Vorbei ist die Zeit, in der veraltete MiG-Kampfflugzeuge und Hubschrauber abstürzten und die Piloten wegen fehlender Finanzen nur einmal im Jahr trainierten. Stramm paradierten die Soldaten unter den Augen ihres neuen Oberkommandierenden, Staatspräsident Dmitri Medwedjew.

Doch das, was da so glänzt, rasselt und donnert, ist nur ein Teil der russischen Armee-Wirklichkeit. Obwohl Russland unter der Präsidentschaft von Wladimir Putin das Militärbudget dank riesiger Öl- und Gaseinnahmen vervierfachte, hat sich die Armee noch nicht wieder von dem desolaten Zustand erholt, in den sie während der Jelzin-Ära geraten war. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion stürzten die Streitkräfte nicht nur in eine finanzielle, sondern auch in eine geistige Krise. Die Generäle waren durch die vom Kreml betriebene Westöffnung verunsichert.

Inzwischen hat man sich wieder gefangen. Die Armee erhielt neue MiG- und Suchoi-Kampfflugzeuge. Viel Geld wird auch für neue Atomwaffen ausgegeben. Mit seinem Verteidigungshaushalt von umgerechnet 26 Milliarden Euro im Jahr liegt Russland weltweit auf Platz sieben; noch hinter Deutschland (29 Milliarden Euro).
Einfluss auf Asien

Mit der Bildung der Organisation des Vertrages über kollektive Sicherheit, der neben Russland, Weißrussland und Armenien auch die vier zentralasiatischen Republiken Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan angehören, versucht Russland seinen militärischen Einfluss in Eurasien zu erhalten. Verstärkt wird diese Strategie durch gemeinsame Militärmanöver mit China, die 2005 und 2007 stattfanden. Offiziell sind die Manöver dem Anti-Terror-Kampf gewidmet, doch im Grunde handelt es sich um Machtdemonstrationen.

Verrohung der Sitten

Der russischen Armee mangelt es zurzeit nicht vor allem an Geld, sondern an ethischen Werten und klaren Zielen. Der wilde Kapitalismus in den 90er Jahren, als die Generäle ihre Soldaten als billige Arbeitskräfte an Firmen und zum Datschenbau ausliehen und der Tschetschenienkrieg, der praktisch ein Bürgerkrieg im eigenen Land war, hat zur Verrohung der Sitten in der Armee geführt. Tausende Wehrdienstleistende werden Opfer der „Dedowtschina“ – einer Rangordnung, bei der sich jüngere Jahrgänge den älteren unterordnen müssen. Im Jahre 2006 wurden nach offiziellen Angaben 6700 Rekruten von Vorgesetzten misshandelt. 2007 setzten 224 Soldaten ihrem Leben selbst ein Ende. Das waren sieben Prozent mehr als 2006. Nach Einschätzung der russischen Organisation „Soldatenmütter“ sterben pro Jahr etwa 3000 Wehrdienstleistende, ein großer Teil infolge von Misshandlungen. Immer wieder kommt es zu Skandalen. Dem Wehrpflichtigen Andrej Sytschow mussten nach Misshandlungen in einer Silvesternacht beide Beine amputiert werden.

Alle Forderungen der liberalen Opposition, die allgemeine Wehrpflicht abzuschaffen und dafür eine Berufsarmee einzurichten, stoßen bei den Generälen auf taube Ohren. Durchringen konnten sich die Generäle aber zu einer Verringerung des Wehrdienstes von zwei bzw. eineinhalb Jahren auf ein Jahr. Doch die neue Regelung führt zu neuen Problemen. Jeder dritte Wehrpflichtige wird aus Gesundheitsgründen als untauglich eingestuft. Und unter den Einberufenen sind über die Hälfte nur bedingt tauglich.

"Sächsische Zeitung"

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