20. Februar 2013

Reportage aus Dagestan: Mit Hidschab und Stöckelschuhen

(frisch aus meinem Archiv)

Anhaltende Armut, Korruption und das Vorgehen der russischen Militärs treiben in Dagestan immer mehr Menschen den islamischen Fundamentalisten zu. Eine kleine Rundreise durch die russische Teilrepublik im Nordkaukasus.

Von Ulrich Heyden, Machatschkala

Im kleinen Büro der Menschenrechtsorganisation Mütter Dagestans herrscht reger Betrieb. Und doch behält Swetlana Isajewa den Überblick. Sie liest E-Mails, spricht mit den Frauen, die gerade den Raum im Erdgeschoss eines mehrstöckigen Wohnhauses nahe dem Zentrum von Machatschkala, der Hauptstadt Dagestans, betreten, und hat auch noch Zeit, Fragen zu beantworten. Isajewa ist Leiterin der Organisation, die vor allem von Müttern besucht wird, deren Söhne verschwunden sind.

«Bis vor fünf Jahren habe ich mich nicht für Politik interessiert», sagt die 55-jährige ehemalige Buchhalterin. Das änderte sich erst, als ihr 25 Jahre alter Sohn entführt wurde, wahrscheinlich von einer der Todesschwadronen, die mit den Sicherheitsorganen zusammenarbeiten. Die Maskierten schnappen sich vor allem junge Männer, die in Verdacht stehen, mit islamistischen Untergrundkämpfern zusammenzuarbeiten, und verschleppen sie an einen unbekannten Ort.

Vor Entführung ist keiner sicher, der den Backenbart der Salafisten trägt oder der Sympathie mit den «Lesnyje», den Kämpfern in den Wäldern, verdächtig ist. Zu Hause habe ihr Sohn, der als Elektriker arbeitete, «keiner Fliege was zuleide tun können», erzählt Swetlana Isajewa, «und für Waffen interessierte er sich nicht». Sie erinnert sich jedoch auch, dass ihr Sohn viel religiöse Literatur las und für die Lesnyje Verständnis aufbrachte. Die Schwadronen kidnappten immer mehr junge Männer, sagt Isajewa, die vor fünf Jahren die Mütter Dagestans gründete: «2011 wurden 29 Menschen entführt, im ersten Halbjahr 2012 waren es schon 50.» Ob sie ihren Sohn jemals wiedersehen wird, weiss sie nicht.

Tschetschenien wiederholen

Seit Jahren pumpt Moskau Unsummen an Finanzhilfen in die Kaukasusrepublik und schickt massenhaft Polizisten und Spezialeinheiten. Jeder vierte Rubel des russischen Verteidigungsbudgets fliesst in den Nordkaukasus, hat die Zeitung «Nesawisimaja Gaseta» ausgerechnet. Was in Tschetschenien geglückt ist – der Sieg über die radikalislamistischen Rebellen – soll sich auch in den anderen Gebieten des Nordkaukasus wiederholen. Doch das ist nicht so einfach. Denn in den anderen russischen Teilrepubliken lebt nicht nur jeweils eine Ethnie wie in Tschetschenien, sondern viele verschiedene. Das macht eine Kontrolle schwierig. Allein in Dagestan leben neunzehn Ethnien. Zu den grössten Gruppen gehören die Awarinnen, die Darginer, die Kumykinnen und die Lesgier. Nur die RussInnen wandern aus der agrarisch und muslimisch geprägten Republik am Kaspischen Meer ab: 1989 machten sie noch 9,2 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, 2010 waren es nur noch 3,6 Prozent.

Die Probleme wurden damit nicht kleiner. Mit wem man in Machatschkala auch spricht, mit den Menschen auf der Strasse oder mit kritischen Intellektuellen: Sie alle halten nicht die Lesnyje für das grösste Übel, sondern die Korruption der örtlichen Eliten. Und es gibt viel für die eigene Tasche abzuzweigen: So hat Moskau vor kurzem ein Investitionsprogramm in Höhe von 12,5 Milliarden Euro für den Nordkaukasus beschlossen, mit dem der Tourismus angekurbelt werden soll: neue Skigebiete in den Bergen und Seebäder am Kaspischen Meer. Wo das Geld hinfliesst, zeigen die zahlreichen neuen Villen rund um Machatschkala, die zum Teil leer stehen. Die meisten EigentümerInnen lebten im Ausland, heisst es in der Stadt; die Häuser seien nur als Geldanlage gebaut worden.

Während sich diese Neureichen in muslimischen Ländern aufhalten, haben sich Hunderttausende DagestanerInnen als ArbeitsmigrantInnen in anderen Teilen Russlands verdingt. Denn Arbeit finden sie in Dagestan kaum. Auch nach zwanzig Jahren «Transformation» gibt es in der Kaukasusrepublik wenige Industriebetriebe. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden die meisten Firmen geschlossen. Früher gab es hier eine gut entwickelte Fisch-, Lebensmittel-, Textil- und Rüstungsindustrie. Heute funktionieren neben den Wasserkraftwerken nur die private Garten- und Viehwirtschaft, die Märkte sowie ein paar kleine Möbel- und Schuhfabriken.

«Wir liegen ökonomisch weit zurück», gab Magomedsalam Magomedow, der im Januar vom russischen Präsidenten Wladimir Putin abgesetzte Präsident Dagestans, in einem Interview mit dem Fernsehkanal Rossija 24 zu. Das Lebensniveau sei «gering», sagte Magomedow, dessen Vater Dagestan sechzehn Jahre lang als Staatsratsvorsitzender regiert hatte. Schuld daran seien die Untergrundkämpfer, die «Investoren abschrecken». Über die Korruption in der Elite verlor er kein Wort.

Wie erlegtes Wild

Während Moskau also einerseits Geld in die Region pumpt, toben sich andererseits die «Anti-Terror»-Einheiten der russischen Regierung aus, die durch ihr Vorgehen den radikalen Islamisten immer neue AnhängerInnen zutreiben. Die Verschwundenen bleiben nicht immer verschollen. Oft tauchen sie unter den Toten wieder auf, die die Sicherheitskräfte nach einer «Säuberungsaktion» wie erlegtes Wild auf der Strasse zur Schau stellen. Die entführten jungen Männer sterben oft während der Folter, davon sind MenschenrechtlerInnen überzeugt, und werden dann von den «Anti-Terror»-Einheiten neben die erschossenen Kämpfer gelegt.

Manchmal findet man die Vermissten auch irgendwo am Stadtrand, berichtet Swetlana Isajewa, von Schlägen entstellt, verkohlt oder mit abgesprengten Körperteilen. In anderen Fällen erfahren Angehörige, dass ihr Sohn oder Bruder nur mit einer Nummer versehen auf dem Sonderfriedhof für Terroristen am Stadtrand verscharrt wurde. Wenn es den Familien gelingt, die Nummer einem Namen zuzuordnen, graben sie den Leichnam aus, um ihn würdig zu bestatten. Alle, die sich um Verschwundene kümmern, auch Rechtsanwälte, lebten gefährlich, sagt Isajewa. So sei im Januar 2012 der Rechtsanwalt Umar Sagidmagomedow, der Untergrundkämpfer vor Gericht verteidigte, vor seinem Haus von einem Polizisten erschossen worden. Die Presse sei zwar «relativ frei» und berichte über solche Fälle, sagt die Menschenrechtlerin. «Aber es ändert sich nichts.»

Afrikanische Kicker beim Fussballklub

Machatschkala ist eine lebendige Stadt. In den Cafés sitzen junge Leute; im Park spazieren RentnerInnen mit Papachi, den traditionellen kaukasischen Fellmützen, auf dem Haupt; im mehrgeschossigen Gemüse- und Fleischmarkt des Stadtzentrums summt es wie in einem Bienenstock. Eine junge Frau mit hochhackigen Schuhen und einem quietschrosa Tuch um den Kopf eilt vorbei. Immer mehr Frauen nehmen sich aus der europäischen und der islamischen Kultur das, was ihnen gefällt. Doch der Grossteil der Frauen ist europäisch gekleidet; nur jede fünfte Passantin trägt einen Hidschab.

Ab 9 Uhr abends ist allerdings kaum noch jemand auf der Strasse zu sehen. Dafür haben in der Sowjetskaja-Strasse zahlreiche teure Restaurants geöffnet. Und in der Jaralskaja-Strasse gibt es sogar Nachtclubs und Videotheken. Auch Alkohol gibt es zu kaufen. Das Leben, so scheint es, verläuft in normalen Bahnen. Was bleibt den Menschen auch anderes übrig? Nach Zentralrussland auswandern? Das versuche man zu vermeiden, sagt die Journalistin Luisa*, denn dort gebe es wüste Vorurteile gegen die Menschen aus Dagestan. Andererseits sei es hier kaum auszuhalten. Es ist ja auch mühsam, den Kindern ständig zu sagen, dass sie an Abfalleimern schnell vorbeigehen sollen, weil darin eine Bombe versteckt sein könnte.

Seit 2008 leben die Menschen von Machatschkala in der Erwartung eines «richtigen Kriegs». Damals machten radikale Islamisten Jagd auf alle, die eine Uniform trugen, auch Verkehrspolizisten wurden abgeknallt. Dann verschwanden plötzlich alle Uniformen aus dem Stadtbild. «Die Menschen waren in Panik», erinnert sich der Journalist Andrej*, weil sie nicht mehr wussten, wer Polizist war. Und wer nicht.

Wie instabil die Verhältnisse trotz der vermeintlichen Normalität sind, zeigt sich am Sonntagabend in Machatschkala. Im Dinamo-Stadion spielt der Fussballklub Anschi gegen die südrussische Mannschaft Rostow. Die Anschi-Kicker – unter ihnen viele teure Spieler aus Afrika und Brasilien – wirken am Ende der anstrengenden Saison abgekämpft. Die heimischen Fans treiben die Spieler mit immer neuen Sprechchören an: «Ole, ola, Anschi Machatschkala, wir sind mit dir, für immer.» Aber es hilft nichts. Das Spiel endet 0:0. Enttäuscht steigen die Spieler in ihren Bus, der sie zum Flughafen bringt: Die Mannschaft lebt und trainiert in einem Vorort von Moskau. Die Trainingsbedingungen seien in Machatschkala noch nicht gut genug, heisst es offiziell. Tatsächlich aber ist wohl die Sicherheitslage der Grund.

Dass die Mannschaft mit dem gelben Trikot Dagestan nur für Heimspiele besucht und bloss drei einheimische Kicker im Team hat, kritisieren besonders die Salafisten: Wer bei Moskau lebe, könne nicht für Dagestan fühlen. Auch die Millionen US-Dollar, die der Sponsor und dagestanische Milliardär Suleiman Kerimow in den Verein steckt, würden der dagestanischen Jugend nichts nützen, sagen sie. Ramasan Gasijew, Pressesprecher des Fanklubs Wilde Division, ist da anderer Meinung und verweist auf die Fussballakademie für junge Talente. Ausserdem, so Gasijew, könne der Fussball dazu beitragen, dass der grösste Wunsch der kaukasischen Jugendlichen, nämlich eine Waffe zu besitzen, allmählich durch den Wunsch abgelöst wird, ein guter Kicker zu werden.

Jedenfalls werden die Anschi-Spieler verehrt, besonders der russische Stürmer Juri Schirkow, den Anschi im Sommer 2011 für fünfzehn Millionen Euro Chelsea abkaufte. Auch dank ihm steht Anschi in der obersten russischen Liga hinter dem Klub ZSKA auf Platz zwei. Damit spielt Dagestan zumindest im Sport wieder eine Rolle in der russischen Gesellschaft. Allerdings sind die Spannungen zwischen den russischen und den dagestanischen Fans extrem, die Hassparolen von russischer Seite offen rassistisch.

Gewaltfrei in den Städten

Warum trägt sie einen Hidschab? «Mit ihm fühle ich mich innerlich frei und ruhig», sagt Aischa Selimchanowa, die bei der Menschenrechtsorganisation Prawosaschita (Rechtsschutz) im dritten Stock eines Bürohauses im Zentrum von Machatschkala arbeitet. Traditionell trugen Frauen in Dagestan, vor allem in den Bergdörfern, immer ein Kopftuch. Der Hidschab hingegen gewinnt erst seit etwa vier Jahren an Popularität, eben seit der Zeit, als sich die Sympathien für den Salafismus mehrten.

In Dagestans Städten ist der Salafismus eine gewaltlose, religiöse Bewegung. In Machatschkala unterhalten die SalafistInnen eigene Moscheen, Restaurants und sogar eine Schule, auf die auch wohlhabende BürgerInnen ihre Kinder schicken. Aufgetaucht ist die geistige Strömung des Salafismus in Dagestan Mitte der neunziger Jahre. Im Unterschied zum traditionellen Islam in Dagestan, dem Sufismus, lehnen die SalafistInnen die Vermischung von kaukasischen Alltagssitten und ihrer Religion ab. Und im Gegensatz zu den Dschihadisten, die während der kurzen Phase der Unabhängigkeit Tschetscheniens (1996 bis 1999) an Einfluss gewannen, agieren die SalafistInnen in Dagestan gewaltfrei – auch wenn einzelne mit den bewaffneten Untergrundkämpfern, den Lesnyje, sympathisieren.

Um das zu unterbinden, begann im April 2011 ein Dialog zwischen Vertretern des traditionellen Islam, die auch die Unterstützung des Kreml geniessen, und gemässigten Salafisten. Letztere sollten die Möglichkeit zu einer Mitarbeit in staatlichen und religiösen Strukturen erhalten. Doch der Prozess zur Aussöhnung endete abrupt im August letzten Jahres, als der höchste islamische Würdenträger Dagestans, Scheich Said Efendi Tschirkejski, ermordet wurde. Der Scheich, er gehörte dem traditionellen Flügel des Islam an, hatte sich für Verständigung ausgesprochen. Dagestanische BloggerInnen vermuten als Täter entweder radikale Islamisten – oder Kräfte aus dem russischen Sicherheitsapparat, die an einer Aussöhnung mit dem Salafismus kein Interesse haben.

Es war nicht der erste Mord. Bereits 2010 war im Dorf Schamchal, unweit von Machatschkala, eine Schuldirektorin vermutlich von einem radikalen Islamisten erschossen worden; sie soll den Mädchen das Tragen des Hidschab verboten haben. Dieser Fall wurde jedoch nie aufgeklärt.

Dennoch ist Aischa Selimchanowa froh, dass die SalafistInnen immer stärker werden. «Die Menschen zieht es zu den Ehrlichen, dorthin, wo es sauber ist», sagt die junge Frau. Ausserdem habe die instabile Lage viel damit zu tun, dass sich viele Frauen in die Religion flüchten. «An irgendetwas muss man ja glauben», sagt etwa Natalja Krajnowa, Redaktorin der Internetzeitung «Kaukasischer Knoten». Durch den Kollaps des Kommunismus sei ein ideologisches Vakuum entstanden. Sie kenne auch eine Russin, die zum Islam konvertiert sei. Die Frau war nach Moskau migriert, um dort Geld zu verdienen. Dort schlug ihr die Empörung der russischen NationalistInnen entgegen, die die Moskauer Subventionen für den Nordkaukasus ablehnen, die KaukasierInnen generell für TerroristInnen halten und auf «russischen Märschen» die Abtrennung des Nordkaukasus von Russland fordern. Auf die Politik des Kreml haben diese populistischen Phrasen allerdings keinen Einfluss. Der Nordkaukasus ist und bleibt eine der wichtigsten strategischen Flanken Russlands. Dies ist auch der Grund, warum Wladimir Putin die Olympischen Winterspiele 2014 nach Sotschi holte.

Strassenblockaden in den Bergen

Doch wie sieht es in anderen Regionen aus? Südwestlich der Küstenstadt Machatschkala zieht sich die Landstrasse in grossen Bogen durch die grünen Hügel, am Horizont wölbt sich ein riesiger Gebirgsrücken über den Feldern. Das ist der 2300 Meter hohe Gimrinskij-Kamm. Der Weg zum hinter dem Kamm liegenden Bezirk Unzukul führt durch einen vier Kilometer langen Strassentunnel, der 1991 in Betrieb genommen wurde. Dieser längste Autotunnel Russlands war nicht nur für den Bau des Irganajski-Wasserkraftwerks wichtig, das jetzt mit Sichtblenden, Stacheldraht und Scharfschützen gegen mögliche Anschläge geschützt wird. Mit ihm sind nun auch die westlichen Bergregionen Dagestans für die militärischen Truppen des Innenministeriums leichter zugänglich.

Denn die Menschen im Rayon Unzukul beweisen immer wieder ihren Widerspruchsgeist. 2008 protestierten sie gegen die Umsiedlung von Dörfern, die durch den Bau des Wasserkraftwerks nötig wurde. Viele Menschen warten noch heute auf eine Entschädigung. 2011 blockierten sie zu Hunderten das Wasserkraftwerk, um eine Wiedereröffnung des Strassentunnels zu erzwingen, der wegen Reparaturarbeiten drei Jahre lang geschlossen war. Und Mitte November 2012 blockierten 200 BewohnerInnen des Orts Gimry für zweieinhalb Stunden eine Fernstrasse, nicht weit vom Tunnel entfernt. Dabei flogen auch Steine gegen Polizisten. Sie protestierten gegen die gewaltsame Festnahme von drei Dorfbewohnern auf dem Flughafen von Machatschkala, von wo aus diese zum Studium an einer islamischen Universität nach Syrien fliegen wollten. Man habe in ihrem Auto eine Kalaschnikow und Patronen gefunden, behaupteten die Behörden. Die Waffe sei von Polizisten selbst in das Auto gelegt worden, glauben dagegen die BewohnerInnen von Gimry. Nach ihrer Blockade waren die drei Verdächtigen, die angeblich mit Elektroschocks traktiert worden waren, überraschend freigelassen worden.

Warum sind die Menschen des 5200-EinwohnerInnen-Orts, die fast ausschliesslich von Viehwirtschaft und Obstanbau leben, so aufsässig? Das mag einerseits mit der Geschichte des Bezirks zu tun haben (von hier aus führten Mitte des 19. Jahrhunderts Bergvölker einen Krieg gegen russische Truppen), andererseits mit den Ereignissen im Jahr 2007. Damals schlugen Truppen des Innenministeriums ihr Lager am Rand von Gimry auf und führten mehrere Monate lang eine «konterterroristische Operation». Viele Tiere und Bäume seien durch Artilleriebeschuss vernichtet worden, schimpfen die Bauern noch heute. Eine Entschädigung habe es nie gegeben.

Sechs Männer aus Gimry ständen heute auf der Fahndungsliste, sie hätten sich den Lesnyje angeschlossen, sagt Abdulsajgid Bajsultanow, ein Mann mit hoher Fellmütze und einem von Falten zerfurchten Gesicht. Er hatte während der «konterterroristischen Operation» zwischen den russischen Militärs und der Bevölkerung zu vermitteln versucht. Auf die russische Armee ist der 61-Jährige, der als sowjetischer Soldat in der DDR diente, nicht gut zu sprechen. «Der Krieg in Afghanistan hat die Moral zerrüttet», seither sei ein Menschenleben «nichts mehr wert». Wenn ein Mensch «ein-, zweimal getötet hat, dann hat er keine gesunde Psyche mehr». Jedenfalls seien sie es jetzt leid. «Wir wollen nicht mehr auf den Knien leben und Stiefel lecken», sagt der hochgewachsene Mann. Gemeint sind die Stiefel der russischen Militärs.

Ein kleiner Erfolg

Weiter Richtung Süden versperrt ein Schlagbaum die Zufahrt zu Unzukul. Eine Bürgerwehr inspiziert den Wagen. Hier erlebt man eine ganz andere Welt als in Gimry oder Machatschkala. Entlang der engen Gassen gibt es kleine Werkstätten, in denen Holzschnitzer aus Aprikosen- und anderem Hartholz Vasen, Spazierstöcke und mit Silber verzierte Einlegearbeiten fertigen. Zu Sowjetzeiten, als noch TouristInnen aus den «sozialistischen Brüderländern» in das Bergdorf kamen, blühte das Handwerk. Doch die Fabrik ist längst zugesperrt, übrig geblieben sind nur kleine Betriebe. Aber es gibt eine neue moderne Schule. Der Direktor entpuppt sich im Gespräch als aufgeklärter Muslim. Das zeigt sich auch beim Rundgang: Beim Unterricht über modernes Recht sitzen im Klassenraum junge Frauen mit Kopftüchern neben jungen Männern.

Wann sich die Situation in Dagestan beruhigt, weiss niemand. «Unsere Arbeit wird immer schwerer», stöhnt Swetlana Isajewa. Hatten die Mütter Dagestans jemals einen Erfolg gehabt? Sie muss nachdenken. Doch, sagt sie dann, 2009 hätten die Frauen mit der Drohung, eine Kundgebung im Zentrum von Machatschkala abzuhalten, die Freilassung von Malik erreicht. Der junge Mann war nach seiner Entführung von den Sicherheitskräften gefoltert worden, und als sie ihn schliesslich freiliessen, hätten sie ihm eingebläut, von einer Entführung durch Banditen zu erzählen, die Geld erpressen wollten, sich aber in der Person geirrt hätten. «Ja, ihn freizubekommen, war ein Erfolg», sagt Isajewa. Endlich lächelt sie.

* Name geändert.

Terror und Schutzgeld

Wer kämpft da gegen wen?

Trotz Unsummen an Geld und Material ist der «Anti-Terror»-Kampf der russischen Sicherheitskräfte im Nordkaukasus wenig erfolgreich; immer wieder kommt es zu Anschlägen der radikalislamistischen Untergrundgruppen. Prominente Opfer im vergangenen halben Jahr waren der Scheich Said Efendi Tschirkejski, der Nachrichtensprecher eines staatlichen TV-Kanals Kasbek Gekkijew, Boris Scherukow, Fraktionsführer der Kreml-nahen Partei Einiges Russland in Kabardino-Balkarien, und Ibragim Dudarow, Mufti in Nordossetien.

Laut offiziellen Angaben unternahmen Russlands Truppen in den ersten elf Monaten des vergangenen Jahrs im Nordkaukasus 2000 Operationen; dabei sollen 363 Mitglieder von Terrorgruppen getötet worden sein. Angesichts der Erfolgslosigkeit der Sicherheitskräfte kursieren diverse Verschwörungstheorien. Eine lautet: Die Offiziere wollten gar nicht siegen, weil sie mit ihren Spezialoperationen viel Geld verdienen.

In linken Kreisen hört man hingegen häufig die Meinung, der Terror im Nordkaukasus sei von aussen eingeschleppt. Sie verweisen auf die arabischen Söldner, die bei russischen Spezialoperationen liquidiert wurden, wie etwa Emir al-Chattab (2002 an einem vergifteten Brief gestorben), Abu I-Walid (2004 von der tschetschenischen Spezialeinheit Wostok getötet) und Jassir al-Sudani (2010 von Mitgliedern des russischen Geheimdiensts getötet). Die Söldner aus Jordanien und Saudi-Arabien haben tatsächlich dazu beigetragen, dass der tschetschenische Unabhängigkeitskampf ab 1998 immer mehr in einen antirussischen Kampf dschihadistischer Prägung abdriftete. Dennoch ist diese Sicht zu einfach (vgl. Haupttext weiter oben).

Ihren Kampf finanzieren die bewaffneten Islamisten im Nordkaukasus vor allem über Schutzgelderpressung; in Dagestan schicken die Lesnyje-Gruppen Geschäftsleuten und Beamten sogenannte Fleschkis, Drohvideos mit Geldforderungen. Andererseits, so berichtet das angesehene russische Wochenmagazin «Russkij Reporter», soll es in Dagestan auch hochrangige Beamte geben, die eigene Banden unterhalten, um auf Geschäftsleute Druck auszuüben.

Ulrich Heyden

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds understützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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veröffentlicht in: Die Wochenzeitung

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