28. Dezember 2021

Rezension zum Buch: Wie Deutschland gespalten wurde

Der Historiker Günter Benser (Berlin) hat in den "Beiträgen zur Geschichte der Arbeiterbewegung" Heft 3/2021 eine Rezension zu meinem Buch "Wie Deutschland gespalten wurde" verfasst. Den Geschichtsinteressierten gebe ich die Rezension hiermit zur Kenntnis:

Ulrich Heyden: Wie Deutschland gespalten wurde. Die Politik der KPD 1945 bis 1951, tredition GmbH, Hamburg 2020, ISBN 9783347126367, 445 S.

Hauptinhalt dieser Publikation ist eine überarbeitete Fassung der Magisterarbeit des Autors, die 1990 von der Historischen Fakultät der Universität Hamburg angenommen wurde und vor allem die Entwicklung der KPD in Hamburg zum Gegenstand hat. Aktualität wurde der Publikation durch ein Vorwort verliehen, dass auch den Haupttitel des Buches rechtfertigt. Auf zwanzig Seiten legt H. seine Sicht auf die Spaltung Deutschlands und seine Kritik am Anschluss der neuen Bundesländer an die BRD dar, wobei die Gegenpositionen der westdeutschen Kommunisten hervorgehoben werden. Das kann natürlich nur ein Galopp durch die in sich sehr widersprüchliche jüngste Geschichte sein. Gleichwohl – wesentliche Entscheidungssituationen werden zutreffend hervorgehoben. Die Betonung der Rolle der Kommunisten, die beharrlich für die deutsche Einheit und gegen die westdeutsche Wiederaufrüstung eintraten und dafür neuen Verfolgungen ausgesetzt waren, finden wir grundsätzlich zutreffend beschrieben.

Wenn der Verf. sein Buch als überarbeitete Fassung seiner Magisterarbeit vorstellt, so heißt das allerdings nicht, dass der Text auf den heutigen Forschungsstand gehoben worden und die zahlreichen nach 1990 erschlossenen Quellen und deren Interpretationen verarbeitet worden seien. Diese haben unser Bild von der Rolle der KPD nicht generell umgestoßen, aber doch wesentlich ausdifferenziert und mit bisher unbekannten oder unbeachteten Tatsachen die Handlungsspielräume und Interaktionen deutlicher hervortreten lassen. Das gilt zu einem gewissen Grade auch für die im Zentrum stehende durch empirische Studien gut belegte Entwicklung der Hamburger Parteiorganisation. So finden sich zum Beispiel in der in der ersten Hälfte der neunziger Jahre erschienenen fünfbändigen Edition der Dokumente der KPD aus den Jahren 1945/1946 wichtige ergänzende Dokumente. Das betrifft zum Beispiel die Entscheidungen, die im Sekretariat des Zentralkomitees zur Hamburger Parteiorganisation getroffen wurden, Vergleiche ermöglichende Statistische Erhebungen, Berichte der Hamburger Vertreter auf der Reichsberatung der KPD, Berichte über die Parteiarbeit in der britischen Besatzungszone, die Kontroverse zwischen dem Hamburger Delegierten Franz Heitgres einerseits und Pieck sowie Ulbricht andererseits auf dem 15. Parteitag der KPD, in der Heitgres die Meinung vertrat, dass sich die Kommunisten auch Befehlen der Besatzungsmacht widersetzen sollen, mit denen die Volksinteressen erheblich verletzt werden. Im gedruckten Parteitagsprotokoll ist diese Passage des Stenographischen Berichtes ausgelassen. Insgesamt geschahen die Entscheidungen, Eingriffe, Weisungen und politischen Impulse der Berliner Zentrale häufiger und direkter als sich dies bei H. im Einzelnen widerspiegelt. Dieser Beschränkung muss sich der Leser der im Übrigen verdienstvollen Arbeit bewusst sein.

Diese setzt ein mit dem VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale und der sogenannten Brüsseler Konferenz der KPD. Geschildert wird im Folgenden das Ausreifen der strategischen Konzeption der Parteiführung, wie sie schließlich im Aufruf vom 11. Juni 1945 ihren Niederschlag fand. Dabei bleiben die Anstrengungen nicht ausgespart, derer es bedurfte, um dieser zunächst auf antifaschistisch-demokratische Umgestaltungen begrenzten Zielstellung in den Reihen der altgedienten Kommunisten allgemeine Anerkennung zu verschaffen.

Aufschlussreich und gut belegt wird im Folgenden das KPD-Blatt Hamburger Volkszeitung behandelt, das sich unter den Bedingungen besatzungspolitischer Reglementierungen, Benachteiligungen und Verboten zu behaupten hatte und mit der ihm zugewiesenen Auflagenhöhe zeitweise nicht alle gewünschten Abonnements befriedigen konnte.

Das nächste Kapitel befasst sich mit dem Ringen um die Einheitspartei in Hamburg. Dargestellt wird der Werdegang der zunächst das Einheitsstreben repräsentierenden, mit weitgehenden Forderungen auftretenden Sozialistischen Freien Gewerkschaft, der sich dann mit Unterstützung der Besatzungsbehörden frühere rechte Gewerkschaftsführer bemächtigten. Die in Hamburg zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten vereinbarten Einheitsabkommen wurden im August unter dem Einfluss Kurt Schumachers, aber auch im Gefolge der durch die KPD-Politik bei Sozialdemokraten ausgelösten Irretationen schrittweise abgebrochen. Aufgegriffen wird die Einheitsproblematik erneut 1947/1948, als die sich zeitweilig in Sozialistische Volkspartei umbenennende KPD versuchte, einheitswillige Sozialdemokraten an sich zu binden. Das stieß nicht nur auf Verbote der Besatzungsmächte, sondern auch auf den Widerstand nicht weniger KPD-Mitglieder. Historischer Hintergrund dieses Intermezzos war die Tatsache, dass kurze Zeit eine Zulassung der SPD in der Ostzone und eine Westausdehnung der SED nicht unmöglich erschienen. Diese Erwägung war – wie nach den späteren Archivöffnungen offenbar wurde – auch Gegenstand der Beratungen der SED-Führung mit Stalin am 31. Januar 1947.

Das nächste Kapitel ist mit „Der Kampf der KPD um die Einheit Deutschlands“ überschrieben. Der Autor erinnert daran, dass die deutschen Kommunisten auf einen Fortbestand der Kooperation der Mächte der Antihitlerkoalition und auf eine gemeinsame Deutschlandpolitik gemäß Potsdamer Abkommen gehofft hatten. Mit Eskalation des Kalten Krieges und Kurs auf einen westdeutschen Separatstaat ging die KPD zur Konfrontation zu dieser Politik über. Einen Schwerpunkt der Darstellung bildet dabei die in der HVZ geführte Auseinandersetzung mit dem Marshall-Plan. H. schließt sich in seiner Bewertung jenen Autoren an, die vor einer Überschätzung der ökonomischen Wirkungen dieses Planes warnen, auf generelle systemübergreifende Wachstumsimpulse verweisen und stärker die politischen Folgen der Marshall-Plan-Politik betonen.

Bei seiner Erörterung der sich besonders ab 1948 verkomplizierenden Bedingungen für das Wirken der westdeutschen Kommunisten geht der Autor faktenreich darauf ein, wie sich die Auseinandersetzungen um die deutschen Nachkriegsgrenzen, die Kriegsgefangenfrage – in Sonderheit der Deutschen in sowjetischen Lagern –, der sowjetisch-jugoslawische Konflikt, Vorbehalte gegen die Volkskongressbewegung und die von der SED initiierte Politik der Nationalen Front sowie die beschämenden „politischen Säuberungen“ auf die ohnehin von Verboten und Anfeindungen bedrängte Hamburger Parteiorganisation auswirkten und zu einen starken Rückgang ihres Einflusses führten.

In dem generell von Antikommunismus geprägten politischen Klima war es für die Hamburger Kommunisten nur ausnahmsweise und in sehr begrenztem Maße möglich, ihren im 4. Kapitel behandelten Initiativen zur antifaschistisch-demokratischen Erneuerung und zur Lösung sozialer Probleme der Hamburger Bevölkerung Geltung zu verschaffen. Zumal ihre Politik auch darunter litt, dass sie sich verpflichtet sahen – den Entscheidungen der SED-Führung folgend – Belastungen in West und Ost mit zweierlei Maß zu messen, was ihnen ihre politischen Gegner nicht durchgehen ließen. Dessen ungeachtet ist dem Autor zuzustimmen, wenn er den überwiegend konstruktiven Charakter der kommunal und regionalpolitischen Aktivitäten der Hamburger Parteiorganisation betont.

In der Zusammenfassung wird die eigentliche Crux der KPD angesprochen: „Die Tatsache, dass die KPD/SED-Führung in Berlin die politische Entwicklung in der SBZ zum Maßstab für die Entwicklung der KPD in Westdeutschland machte, hemmte die KPD in Westdeutschland eine situationsgemäße Strategie und Taktik zu entwickeln.“ (S. 381) Hier handelte es sich allerdings um ein echtes Dilemma. Im Kampf gegen die Teilung Deutschlands war es geboten, solange und soweit wie möglich gesamtdeutsch zu agieren. Das brachte die westdeutschen Kommunisten aber politisch und organisatorisch gegenüber ihren sich auf den Boden der Westintegration, der Teilung und Wiederaufrüstung stellenden, borniert antikommunistisch operierenden Konkurrenten in einen unaufholbaren Rückstand. H. bestätigt der KPD, dass sie trotz Verboten, Verfolgungen und Diffamierungen auf bestimmten Felder der politischen und sozialen Auseinandersetzungen eine aus der BRD-Geschichte nicht wegzudenkende Kraft blieb. In einem Anhang werden statistische biografische Daten sowie ein ausführlicher Nachweis der benutzten ungedruckten und gedruckten Quellen geboten.

Günter Benser

Original der Rezension

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