22. Januar 2002

"Schamil, wir sind bereit zu sterben"

Die tschetschenischen Rebellen glauben an den Sieg über die russische Armee.

Ein Mann, der schmachvoll stirbt, wird niemals die Tore des Paradieses sehen. Deshalb, Schamil, gib uns ein Kommando und fünfhundert Dschigiten (kaukasische Reiter) werden dir folgen." Diese Lied-Zeilen über den legendären Imam Schamil, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Armee gegen die zaristischen Truppen führte und große Teile Tschetscheniens und Dagestans kontrollierte, stammen von "Muchamed I". Seinen wahren Namen will der hochgewachsene Mann mit der weichen Stimme nicht nennen. Wir müssen uns mit seinem Sprechfunk-Pseudonym zufrieden geben.

Muchamed I ist Kommandeur einer "Brigade für besondere Aufgaben" unter dem Oberkommando von Präsident Aslan Maschadow. Bevor der Präsident Tschetscheniens im Dezember 1999 von russischen Truppen aus Grosny vertrieben wurde, diente Muchamed I in der Präsidentengarde. Mit seinem langjährigen Freund Muchamed II - er kommt aus demselben Teip, derselben tschetschenischen Sippe - organisiere er heute Partisaneneinsätze im tschetschenischen Flachland, in Grosny und Gudermes. Nachts greife man Militärstützpunkte - die sogenannten Blockposten - an. Manchmal gehen die beiden auch in die Berge, um dort zu kämpfen.

Obwohl es in Tschetschenien sehr viele Einheiten und Kommandeure gebe, habe Präsident Maschadow über alle die Kontrolle, meint Muchamed II. In bestimmten Abständen träfen sich die Kommandeure, um ihre Taktik abzustimmen. Doch im Grund wüßten die Kämpfer schon selbst, was zu tun sei, sie kämpften für eine Idee, rächten getötete Angehörige. Finanzielle Hilfen aus dem Ausland gebe es kaum noch. Früher habe Maschadow Geld aus arabischen Ländern bekommen, heute müsse man jede Patrone selbst kaufen. Waffen und Patronen bekomme man über Vermittler aus russischen Armeebeständen.

"500 Mann werden unseren Kampf nicht retten. Es gibt schon genug Waisen in Tschetschenien und Dagestan." In dem Lied wägt der legendäre Schamil ab zwischen dem Freiheitskampf und den Opfern. Muchamed I zeigt sich sehr entschlossen und hat offenbar sein ganzes Leben dem tschetschenischen Freiheitskampf gewidmet. Nur einmal, in einer Gesprächspause, erkundigt er sich beiläufig nach Exil-Möglichkeiten. Das Lied über Schamil schildert den Riß zwischen dem legendären Führer, der 1859 nach 30jährigem Kampf kapitulierte und dann in Kaluga, unweit von Moskau, in der Verbannung lebte, und einer kleinen Schar übriggebliebener Kämpfer, die nicht aufgeben wollten. "Wir sind bereit zu sterben, und du verläßt uns? Schamil, bleib stehen, oder du bekommst eine Kugel in den Rücken."

Der Konflikt von 1859 ist immer noch aktuell. Ein großer Teil der Rebellen ist nach dem Sieg der russischen Truppen im Jahre 2000 in die von Moskau unterstützten offiziellen Polizei- und Verwaltungsstrukturen Tschetscheniens übergewechselt. Doch die beiden Muchameds hoffen, daß ihre ehemaligen Mitkämpfer bei einem neuen Großangriff auf Grosny "wie damals im August 1996 " auf die Seite der Rebellen überlaufen. Sie wüßten, daß man in einem gemeinsamen Haus lebe und nicht gegen die eigenen Brüder kämpfen könne. Wenn sie es doch täten, würde man ihr ganzes Leben lang mit dem Finger auf sie zeigen, meint Muchamed  II.

Muchamed I erklärt, er werde weiter gegen die Russen kämpfen. Nur einem möchte er nicht auf dem Schlachtfeld begegnen, seinem ehemaligen Vorgesetzten Iwan Agijetka. Unter Iwans Kommando leistete Muchamed I Ende der achtziger Jahre seinen Wehrdienst in der Sowjet-Armee. Er habe ihn im Fernsehen gesehen. Der Ukrainer sei jetzt Kommandeur der russischen Truppen an der tschetschenisch-georgischen Grenze. Sie hätten eigentlich ein sehr gutes Verhältnis gehabt.

"Schamil, halte ein! Sei nicht schwach. Alle, die schon unter der Erde liegen, rufen dich an!" Für viele Tschetschenen scheint es auch heute nur die Alternative zwischen Freiheit und Knechtschaft zu geben. Über Kompromisse redet man in Tschetschenien und Moskau nur wenig. 

veröffentlicht in: Die Presse (Wien)

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