27. Dezember 2006

Schatzmeister verschwunden

Um die Nachfolge des turkmenischen Despoten Nijasow entfaltet sich ein Machtkampf

Unmittelbar vor dem Tod des turkmenischen Diktators Saparmurat Nijasow verschwand dessen persönlicher Kassenwart. Bei der Deutschen Bank in Frankfurt lagern nach Auskunft einer Menschenrechtsorganisation zwei bis drei Milliarden Dollar, die unter persönlicher Kontrolle des Verstorbenen standen. Eine TA-Korrespondenz. MOSKAU. Turkmenistan verdiente gut am Gasgeschäft, es gehört zu den Ländern mit den weltweit größten Erdgas-Lagerstätten. Nach dem Tod des Präsidenten gibt es nun Spekulationen darüber, wer das Verfügungsrecht über die Milliarden Dollar hat, die der Turkmenbaschi (Vater aller Turkmenen) auf Auslandskonten ( unter anderem in Deutschland ( geparkt hatte. Die Menschenrechtsorganisation Global Witness erklärte, dass sich auf den Konten bei der Deutschen Bank in Frankfurt zwei bis drei Milliarden Dollar befinden, welche der turkmenische Präsident persönlich kontrollierte. Die Bank solle Auskunft über die Ein- und Auszahlungen bei den turkmenischen Konten geben, forderte die Menschenrechtsorganisation, doch wie die Berliner taz berichtete, lehnte die Bank ab. Die Sache mit den Konten könnte noch für Wirbel sorgen. Wie der Moskauer Turkmenistan-Experte Arkadi Dubnow auf einer Pressekonferenz in Moskau berichtete, verschwand am Vorabend des Todes von Nijasow dessen persönlicher Sekretär und Kassenwart, Aleksandr Schadan. Mit dem Kassenwart, der zwanzig Jahre an der Seite von Nijasow stand, seien auch sehr wichtige Dokumente verschwunden. Unklar ist, inwieweit die drei Familienangehörigen des Verstorbenen Anspruch auf die Konten haben. Das Verhältnis von Nijasow zu Frau und Kindern war nicht das Beste. Der Präsident hielt sich ein paar Geliebte, die russische Ehefrau Musa lebte in Europa. Der Sohn des Verstorbenen, Murad, lebt in Wien und macht dort Geschäfte mit Gas, die Tochter Irina leitete die Filiale einer russischen Bank in London. Geldsorgen hatten die Familienmit-glieder vermutlich nicht. 1997 berichteten britische Zeitungen, dass der 39-jährige Murad in einer Nacht in einem Kasino in Madrid 12 Millionen Dollar verspielte. Der Diktator ist tot, aber die Diktatur existiert noch. Hunderte sitzen in Gefängnissen, wo auch gefoltert wird. Nach einem Anschlag auf den Präsidenten im November 2002 rollte eine Verhaftungswelle über das Land. Niemand weiß, was aus den verurteilten Menschen wurde und ob sie noch leben. Dies trifft auch für den bekanntesten unter den 2002 wegen Terrorismus Verurteilten zu, den ehemaligen Außenminister Boris Schichmuradow. Von einer politischen Öffnung ist nichts zu spüren, im Gegenteil. Wie ein turkmenischer Oppositionspolitiker in Moskau erklärte, erhielt eine Fluggesellschaft, die mit einem Charterflugzeug in Schweden und Russland lebenden Oppositionsführern in die turkmenische Hauptstadt Aschchabad fliegen wollte, keine Landeerlaubnis. Am Sonntag wurde der verstorbene Präsident in seinem Heimatdorf Kiptschak im pompösen Familienmausoleum beigesetzt. Kilometer lange Schlangen hatten sich zu einer sechsstündigen Abschiedszeremonie eingefunden. Es kamen auch Repräsentanten aus Russland und der Ukraine. Beide Länder haben großes Interesse an ungestörten Gaslieferungen aus dem zentralasiatischen Land. Die Ukraine bezieht jährlich 40 Milliarden Kubikmeter Gas aus Turkmenistan, Russland hat für das nächste Jahr Verträge über 70 Milliarden unterzeichnet. Eine Teil dieses Gases wird von Gazprom nach Europa exportiert. Zum Vergleich: Deutschland verbrauchte im vorigen Jahr 86 Milliarden Kubikmeter Gas. Nach Schätzungen lagern in Turkmenistan zwischen 4000 und 8500 Milliarden Kubikmeter Erdgas. Um die Nachfolge Nijasows dürfte es einen Machtkampf geben. Am 11. Februar sind Präsidentenwahlen geplant. Dafür wurde gestern eigens ein Wahlgesetz verabschiedet, das bislang fehlte, weil sich der Verstorbene als Präsident auf Lebenszeit ernannt hatte. Bis zum Februar bestätigte der Volksrat außerdem den bisherigen Vizepremier und Gesundheitsminister Gurbanguly Berdymuchammedow als Übergangspräsidenten. Er gilt als unehelicher Sohn von Nijasow und will auch an dessen hartem Kurs festhalten. Es gibt aber bereits schon jetzt fünf Gegenkandidaten. Hinter den Kulissen gärt es. Nur wenige Stunden nachdem im Staatsfernsehen der Tod des Präsidenten bekannt gegeben worden war, kam die Meldung, dass Owesgeldy Ataew, der Vorsitzende des Parlaments, verhaftet wurde und die Generalstaatsanwaltschaft ein Strafverfahren gegen ihn eingeleitet habe. Die Gründe wurden nicht genannt. Ataew hätte laut Verfassung das Amt des Präsidenten geschäftsführend übernehmen sollen.

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