30. Dezember 2006

Sie pokern bis zur letzten Minute

Gasprom hofft auf Einigung mit Weissrussland noch vor dem Jahresende

Eine Einigung zwischen Moskau und Minsk über den Preis für russisches Gas ist bisher nicht in Sicht. Gasprom lässt keinen Zweifel an seiner Bereitschaft, am 1. Januar den Gashahn abzudrehen.

Um den Vertrag für die russischen Gaslieferungen nach Weissrussland für 2007 wird weiter gefeilscht. Ob es vor Jahresende noch zu einer Einigung kommt, stand gestern noch nicht fest. Der stellvertretende weiss russische Energieminister Eduard Towpenez traf am Freitag zu einer erneuten Verhandlungsrunde in Moskau ein.


«Unser Gas - unsere Pipelines»
Die Drohung Weissrusslands, man werde bei einem Stopp der Gaslieferungen aus Russland die Jamal-Pipeline anzapfen, welche Gas nach Europa transportiert, wies Gasprom-Sprecher Sergei Kuprijanow selbstbewusst zurück. Gasprom habe den Boden unter der Jamal-Pipeline gepachtet. Damit handle es sich «um eine russische Gaspipeline auf weissrussischem Territorium». Man werde «schon Möglichkeiten dafür finden, dass unser Gas durch unsere Pipelines fliesst».
Schlacht um öffentliche Meinung
Sehr weit liegen die Positionen von Gasprom und Minsk nicht auseinander. Das russische Staatsunternehmen will 105 Dollar für 1000 Kubikmeter Gas - davon 30 Dollar in Aktien des weissrussischen Pipelineunternehmens Beltransgaz. Minsk will nur 75 Dollar zahlen. Doch Moskau und Minsk ringen um die öffentliche Meinung, vor allem in Europa. Der autoritäre Herrscher von Weissrussland, Aleksandr Lukaschenko, präsentiert sich Europa als von Russland Geknechteter, der russische Gasprom-Konzern dagegen spielt die Rolle des grosszügigen Gönners. 105 Dollar, das sei ein «sehr komfortabler Vorschlag», erklärte Gasprom-Sprecher Kuprijanow. Bisher zahlt Weissrussland 46 Dollar, das entspricht etwa dem russischen Inlandpreis und liegt weit unter den Tarifen, die andere ehemalige Sowjetrepubliken zahlen.
Die russischen Karten im Gasstreit sind nicht schlecht, doch Russ land-Experte Alexander Rahr sorgt sich um Moskaus Position. Es wäre besser gewesen, wenn Russland den Gaspreis für Weissrussland schon vor ein paar Jahren langsam angehoben hätte. Wenn im Westen der Eindruck entstehe, dass Moskau «Weiss russland schlucken will», werde Europa sein Gastransportsystem mit Libyen und Algerien ausbauen, erklärte Rahr gegenüber dem Regierungsblatt «Rossiskaja Gaseta». Eine ähnliche Position vertritt der weissrussische Oppositionsführer Aleksandr Milinkewitsch, der bei den Präsidentschaftswahlen im Frühjahr gegen den autoritären Herrscher Lukaschenko antrat.
Opposition hat Verständnis
Milinkewitsch zeigte Verständnis für die Forderung von Gasprom, appellierte aber an das russische Gasunternehmen, den Gaspreis nicht schlagartig sondern schrittweise zu erhöhen. «Wir leben in einer Welt der Marktbeziehungen und der, der verkauft, hat das Recht, den realen Marktpreis zu nennen, der ihm gefällt», erklärte Milinkewitsch gegenüber Radio Echo Moskwy. Russ land verliere jedoch seine Autorität, wenn es den Gaspreis «als Element politischen Drucks einsetzt».
Gasprom-Sprecher Kuprijanow gab sich gestern Abend zuversichtlich. Er hoffe, dass er das neue Jahr «nicht in einer Pipeline-Verteiler-Station, sondern am festlichen Tisch» feiern könne.
Ulrich Heyden, Aargauer Zeitung
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