So wurde das Ende des WKII gefeiert – in Moskau … (Globalbridge)

So wurde das Ende des WKII gefeiert – in Moskau …
10. Mai 2026 Von: Stefano di Lorenzo und Ulrich Heydenin Geschichte, Politik
Ein friedlicher 9.Mai in Moskau – Selenskyj machte seine Drohung nicht wahr (von Ulrich Heyden aus Moskau)
Der 9. Mai in Moskau blieb friedlich. In russischen Medien gab es keine Berichte über ukrainische Drohnenattacken auf die russische Hauptstadt. Die Ankündigung von Wladimir Selenskyj am 4. Mai, während der Militärparade zum 81. Jahrestag des Sieges über Hitler-Deutschland Drohnen über den Roten Platz kreisen lassen, wurde nicht zur Realität. Offenbar bekam Selenskyj kein grünes Licht von seinen Sponsoren in Europa und den USA. Das berichtete das Magazin Forbes am 8. Mai.
Die russische Führung hatte mit Raketenschlägen auf Kiew gedroht, sollte Selenskyj am 9. Mai Moskau angreifen. Vor dem 9. Mai hatten offizielle russische Stellen die Bewohner von Kiew und ausländische Botschaften in der Hauptstadt der Ukraine mehrmals aufgefordert, die Stadt zu verlassen, da russische Raketenangriffe auf das Zentrum von Kiew möglich seien. Diese Drohung hatte offenbar gewirkt.
Moskau nahm Kontakt mit China, Indien und den USA auf
Wie Wladimir Putin am Abend des 9. Mai vor Journalisten erklärte, habe sich Moskau nach der Drohung von Selenskyj mit den Führungen von China, Indien und den USA in Verbindung gesetzt und die Folgen eines ukrainischen Angriffs auf Moskau beschrieben. Trump habe daraufhin zwei zusätzlich Tage Waffenstillstand am 10. und 11. Mai sowie einen Gefangenenaustausch vorgeschlagen. Russland habe Kiew eine Liste von 500 ukrainischen Kriegsgefangenen in Russland übermittelt. Kiew habe auf das Angebot eines Gefangenenaustausches jedoch nicht reagiert.
Für Verhandlungen mit Kiew gäbe es zurzeit keine Grundlage, schrieb die Tageszeitung „Moskowski Komsomolez“. Selenskyj sei zum Rückzug aus dem Gebiet Donezk nicht bereit, und Trump sei „unfähig“, auf Selensky in dieser Frage einzuwirken.
Während es in Moskau friedlich blieb, habe die Ukraine den von Russland ausgerufenen Waffenstillstand am 9. Mai in 1.173 Fällen mit schweren Waffen verletzt. Außerdem habe es 7.151 ukrainische Drohnenangriffe gegeben. Auf ukrainische Angriffe habe die russische Seite „spiegelbildlich“ reagiert.
Hoher Sicherheitsaufwand
Die Militärparade[1] auf dem Roten Platz konnte am 9. Mai ohne Störungen durchgeführt werden. Allerdings war der Sicherheitsaufwand enorm. Die Nachrichtenagentur Ria Novosti berichtete, dass zusätzliche Luftabwehr nach Moskau beordert worden war. Trotzdem habe der Gegner in den letzten Tagen versucht, „eine Bresche“ in der Moskauer Luftabwehr zu finden
Wladimir Putin war während der Parade für Fernsehzuschauer sichtbarer als üblich von Leibwächtern umgeben. Das übliche Händeschütteln mit russischen und ausländischen Militärs auf dem Roten Platz nach dem Ende der Parade fiel dieses Jahr aus. Auch ging Putin mit seinen internationalen Gästen nicht zu Fuß zur Kranzniederlegung am Grabmal des Unbekannten Soldaten. Die Teilnehmer der Zeremonie wurden mit dem Bus zum Grabmal gefahren, wo sie rote Nelken niederlegten.
Die Heldentat von 1945 als Ansporn
Als Putin die Tribüne am Roten Platz betrat, begrüßte er zunächst die Veteranen des „Großen Vaterländischen Krieges“, wie der Zweite Weltkrieg in Russland heißt. In seiner Rede am Roten Platz erklärte Wladimir Putin, „wir werden an die Heldentat des sowjetischen Volkes, das den entscheidenden Anteil an der Niederschlagung des Nazismus hatte, immer erinnern.“ Diese Heldentat habe „das eigene Land und die Welt gerettet“, dem „totalen, erbarmungslosen Bösen ein Ende bereitet“ und den Staaten, „die vor Hitler-Deutschland kapituliert hatten“ und sich in „unterwürfige Mittäter bei den Verbrechen“ der Nazis verwandelt hatten, „die Souveränität zurückgegeben.“
Die Nazis hätten geplant, die Sowjetunion „mit ihren reichen Ressourcen zu erobern, die Kultur vollständig zu zerstören“ und „das multinationale, sowjetische Volk zu vernichten und zu versklaven“. Für die Realisierung „des verbrecherischen Ziels“ seien „Kräfte aus ganz Europa zusammengezogen“ worden. Die Nazis hätten ihren Plan „pedantisch vorbereitet, doch eine Sache nicht berücksichtigt, den russischen Charakter und den starken Geist des sowjetischen Volkes.“
Bei diesen Sätzen drängte sich der Eindruck auf, es gehe dem russischen Präsidenten bei seinen Worten nicht nur um den Angriffskrieg von Hitler-Deutschland, sondern auch um die EU, die sich derzeit in aller Öffentlichkeit und ohne Scham auf einen Krieg gegen Russland vorbereitet. Am Ende seine Rede erklärte der russische Präsident, die „die große Heldentat“ der sowjetischen Soldaten im „Großen Vaterländischen Krieg“, ermutige die russischen Soldaten während der jetzt laufenden „Spezialoperation“. Das Wort „Ukraine“ sprach Putin nicht aus.
Nach der Rede des russischen Präsidenten – aber noch vor der Militärparade – wurde auf einer Videowand gegenüber der Tribüne am Roten Platz ein sechseinhalb Minuten langes Video gezeigt. In dem Video sah man Kampfszenen aus dem Donbass und Action-Bilder aller Waffengattungen, Marine, Heer, Luftwaffe, Drohnen und Atomraketen. Das Video musste dieses Mal die Waffen ersetzen, die sonst auf den Paraden in Moskau gezeigt werden. Warum die realen Waffen diesmal nicht gezeigt wurden, hatte offenbar mit der Drohnengefahr zu tun.
Unter den Teilnehmern der Militärparade waren mehr als 1000 Soldaten in Kampfuniform, die in der Ukraine im Einsatz sind, darunter 17 „Helden Russlands“ und 83 mit dem Tapferkeitsorden ausgezeichnete, russische Soldaten. Außerdem nahm an der Parade eine Einheit nordkoreanischer Soldaten teil. Nordkorea hatte Russland 2025 geholfen, den ukrainischen Angriff aus dem zentralrussischen Gebiet Kursk zurückzuschlagen. Am Schluss der Parade flogen russische Kampfflugzeuge über den Roten Platz und zeichneten die Farben der russischen Flagge in den Himmel. Nach 46 Minuten war die Parade beendet.
Internationale Beteiligung
Der Kreml hatte angekündigt, dass es bei der Parade in diesem Jahr nicht so viele Gäste aus dem Ausland geben werde wie 2025, als man in Moskau ein rundes Jubiläum feierte. Doch die Liste der Gäste war trotzdem eindrucksvoll. An der Kranzniederlegung am Grabmal des Unbekannten Soldaten an der Kreml-Mauer beteiligten sich die Staatsoberhäupter der Slowakei, Weißrussland, Kasachstan, Usbekistan, Abchasien, Südossetien, Laos, Malaysia sowie der Präsident der Republik Sprska, die zu Bosnien-Herzegowina gehört.
Der slowakische Premier Robert Fico erklärte bei einem Gespräch mit Putin, der politische Dialog mit Russland sei „auf einem hohen Niveau“. Der russische Präsident erklärte, Russland werde alles machen, um den Bedarf der Slowakei an Energieträgern zu decken.
Feiern in Moskauer Parks und in russischen Städten
Militärparaden und Umzüge des „Unsterbliches Regiments“, bei dem Russen mit den Porträts ihrer Vorfahren, die im Zweiten Weltkrieg kämpften, durch die Straßen ziehen, gab es in mehreren russischen Städten, so in Wladiwostok, Jekaterinburg und St. Petersburg. Ein Marsch des „Unsterblichen Regiments“ fand auch in Kirgistan statt.
In zahlreichen Moskauer Parks fanden Feiern statt. Im Gorky Park sah ich in diesem Jahr keine Veteranen des „Großen Vaterländischen Krieges“ mehr. Doch es gab Treffen von russischen Militär-Veteranen, die in den 1970er und 1980er Jahren in Angola und Kuba und in den 1990er Jahren in Tadschikistan im Einsatz waren.
Viele Jugendliche waren in dem Park. Aber über den Krieg in der Ukraine mit ihnen zu sprechen war schwierig. In den Gesprächen merkte ich, dass die „Spezialoperation“ in der Ukraine in der Generation der über 30jährigen mehr Rückhalt hat als unter den Schulabgängern. „Wir müssen uns mehr um die patriotische Erziehung der Jugend kümmern“. Diesen Satz hörte ich am 9. Mai häufig von Erwachsenen.
Anmerkung
[1] Video der Parade Парад Победы-2026 на Красной площади. Прямая трансляция из Москвы – смотреть видео онлайн от «РЕН ТВ. Новости» в хорошем качестве, бесплатно опубликованное 9 мая 2026 года в 9:02:20 01:16:15.

… aber auch in Berlin wagten viele Angehörige der dortigen Russen-Gemeinde einen Gang zur Soldatenstatue im Treptower Park, obwohl zum Beispiel das Tragen von russischen Fahnen und anderen Russland-Symbolen verboten war. Deutschland will nicht daran erinnert werden, dass es den – notabene selber gewollten und selber begonnenen – Krieg gegen Russland verloren hat. (Foto Stefano die Lorenzo)
… und in Berlin
Russisches Gedenken in Berlin: Der 9. Mai ist zum umkämpften Feiertag geworden (von Stefano di Lorenzo, der zurzeit in Berlin weilt)
Alle sprachen dieses Jahr über mögliche ukrainische Angriffe auf die Siegesparade in Moskau. Am Ende blieb jedoch alles ruhig. In einem auf seinen Social-Media-Kanälen veröffentlichten Video hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärt, er rate ausländischen Staatschefs davon ab, an der Parade auf dem Roten Platz teilzunehmen. Doch am Abend des 8. Mai (MEZ) kündigte unerwartet US-Präsident Donald Trump einen dreitägigen Waffenstillstand zwischen der Ukraine und Russland an. Kurz darauf stimmte Selenskyj zu: „Heute haben wir im Rahmen des von der amerikanischen Seite vermittelten Verhandlungsprozesses die Zustimmung Russlands erhalten, einen Gefangenenaustausch im Verhältnis 1.000 zu 1.000 durchzuführen. Außerdem muss am 9., 10. und 11. Mai ein Waffenstillstand gelten.“ Es war bereits die fünfte Parade seit der jüngsten Phase des Ukraine-Kriegs im Jahr 2022. Und es gab dann tatsächlich während der Parade keine Angriffe auf Moskau .
Ein heiliger Tag
Für die Russen ist der Tag des Sieges jedoch nicht nur eine weitere staatliche Zeremonie, sondern ein wahrhaft nationales Fest. So sehr, dass er bis heute von Russen auf der ganzen Welt gefeiert wird. Er hat die Symbolik eines religiösen Feiertags und die Kraft, die Nation zu vereinen. Bis vor einigen Jahren war der Tag des Sieges ein Tag, an dem die Russen offen stolz auf ihre Geschichte und ihr Land sein konnten. Seit 2022, wohl schon seit 2014, ist dies komplizierter geworden.
„Es ist ein heiliger Tag“, sagte ein Mann, der zur Gedenkfeier im Treptower Park in Berlin aus Bamberg in Bayern gefahren ist. Eine 20-köpfige Gruppe von Russlanddeutschen ist mit ihren Motorrädern aus Essen in Nordrhein-Westfalen gekommen. Sie schienen alle sehr gut gelaunt zu sein. „Es ist natürlich schlecht, dass sowjetische Symbole verboten werden. Wir müssen sie abdecken“, sagte ein Mann aus der Gruppe, ernst, aber freundlich.
Verbotene Symbolik
Berlin hat für die Russen, die den Tag des Sieges feiern, eine besondere Bedeutung. Zum einen war Berlin die Hauptstadt des feindlichen Reiches, das Slawen als „Untermenschen“ betrachtete und versuchte, das russische Volk zu vernichten. Das riesige Denkmal im Treptower Park ist ein sehr sichtbares Symbol des sowjetischen Sieges. Zweitens ist die russische Diaspora in Berlin riesig, und nicht alle russischen Emigranten wollen sich davon überzeugen lassen, dass sie ihr Land verachten müssen, wenn sie als „gute Russen“ gelten wollen.
Am russischen Tag des Sieges in Berlin waren auch dieses Jahr russische, sowjetische und belarussische Symbole verboten. Es ist nicht das erste Mal, dass diese Regel durchgesetzt wurde. Veteranen und Diplomaten sind davon ausgenommen. Die russische Botschaft in Berlin kommentierte das Verbot in den sozialen Medien:
„Die von Berlin unter dem Vorwand des andauernden Konflikts in der Ukraine verhängten Verbote zeichnen sich durch ihre Absurdität und ihren Zynismus aus. Tatsächlich zielen sie ausschließlich darauf ab, den Nachkommen sowjetischer Befreiungssoldaten sowie den engagierten Bürgern und Besuchern der deutschen Hauptstadt das Recht zu nehmen, den Jahrestag der Zerschlagung des Nazismus würdig zu begehen und der im Großen Vaterländischen Krieg Gefallenen zu gedenken. […] Wir betrachten die Einschränkungen Berlins als unbegründet, diskriminierend und unfreundlich. Darin sehen wir einen eklatanten Ausdruck der Missachtung des Andenkens der Gefallenen.“
Wem gehört der Sieg?
Der Sieg über Nazideutschland war sicherlich nicht nur ein russischer oder sowjetischer Sieg — der Beitrag der Alliierten in Westeuropa sollte nicht unterschätzt werden —, doch es war die Sowjetunion, die mit 27 Millionen Toten den höchsten Preis im Krieg gegen Nazideutschland zahlte. Die Russen gedenken und ehren diese Opfer und die sowjetischen Soldaten, die Berlin eingenommen haben, noch immer als Helden.
Andere Nationen, darunter ehemalige Mitglieder der Sowjetunion, haben sich anders entschieden. In dem Versuch, ihre nationale Identität neu zu definieren, entschieden sich Länder wie Polen, Litauen, Lettland und Estland für die Entkommunisierung und eine gewaltsame Ablehnung der kommunistischen Vergangenheit, die sie als Besatzung betrachten. Die Ukraine schloss sich dem Trend zur Entkommunisierung und zum antikolonialen Diskurs erst später an und übernahm ihn erst nach der antirussischen Maidan-Revolution von 2014 vollständig.
Zwischen 1991 und 2014 hatte die Ukraine zwischen Ost und West geschwankt, erklärte höchst umstrittene historische Persönlichkeiten zu Nationalhelden, weil sie gegen die Sowjetunion gekämpft hatten, entzog ihnen dann unter dem Präsidenten Janukowitsch diese Ehre, träumte von europäischem Wohlstand und entschied sich gleichzeitig pragmatisch dafür, wirtschaftlich mit Russland integriert zu bleiben. Die Revolution von 2014 änderte alles. Nach der Revolution setzte die Ukraine alles auf eine Karte — der Kern der neuen ukrainischen Identität wurde nun im Bruch mit allem Russischen definiert.
Pro-ukrainische Provokationen?
Bei den Gedenkfeiern in Berlin gab es zwar keine russischen oder sowjetischen Symbole, doch es waren dennoch zahlreiche Aktivisten, sowohl deutsche als auch ukrainische und russische, mit ukrainischen Flaggen zu sehen. Am 8. Mai schwenkte ein besonders aktiver Mann am Sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten, nur wenige hundert Meter vom Brandenburger Tor entfernt, eine ukrainische sowie — interessanterweise — auch eine NATO-Flagge. Warum sollte man eine NATO-Flagge zu einem sowjetischen Ehrenmal mitbringen? Leider war es unmöglich, ihn zu fragen, da der Mann von der Polizei angesprochen wurde. Er versprach daraufhin, sich zur Seite zu begeben, und bat um Erlaubnis, die Europahymne zu singen.
Auch am folgenden Tag im Treptower Park gab es pro-ukrainische Aktivisten, die stolz ukrainische Flaggen zeigten. Es kam teilweise zu heftigen Diskussionen und Auseinandersetzungen zwischen pro-ukrainischen Aktivisten und Russen, die die Gefallenen verehren wollten. „Der Krieg von damals und der Krieg von heute sind zwei unterschiedliche Dinge“, sagte ein junger Mann, der sich als Russlanddeutscher bezeichnete.
Auch einige Ukrainer können aber den Großen Vaterländischen Krieg — wie der Zweite Weltkrieg in der Sowjetunion und Russland genannt wird — von dem heutigen Ukraine-Krieg trennen. „Das ist ein Tag für die Geschichte. Für uns Ukrainer ist das auch ein Feiertag“, sagte eine ukrainische Frau, die aus Dnipro in der Ostukraine stammte. „Auch mein Großvater und meine Großmutter haben damals gekämpft.“ Doch viele Ukrainer haben ihre Identität bereits vor Februar 2022 auf der Grundlage des Konflikts mit Russland neu definiert.
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