24. Mai 2022

Verbote und Propaganda (Junge Welt)

copyright privat - Autor Ulrich Heyden vor Hetzpropaganda in einer Straße in Berlin
Foto: copyright privat - Autor Ulrich Heyden vor Hetzpropaganda in einer Straße in Berlin

Aus: Ausgabe vom 25.05.2022, Seite 3 / Schwerpunkt

77 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus: Eindrücke von einem Besuch in Deutschland rund um den 8. und 9. Mai

Von Ulrich Heyden, Moskau

Ich wohne seit 1992 in Moskau. Unsere Reise von der russischen Hauptstadt nach Hamburg dauerte nicht wie früher dreieinhalb, sondern 20 Stunden. Denn direkte Flugverbindungen zwischen Russland und Deutschland gibt es nicht mehr. Auf dem Hinweg reisten wir mit Bahn, Bus und Flieger von Moskau über St. Petersburg und Helsinki in die Hansestadt. Am 8. Mai dann wollte ich mit meiner Frau, einer Russin, das Ehrenmal für die Sowjetsoldaten im Treptower Park in Berlin besuchen. Doch schon bei der Anfahrt spürte ich, dass es kein einfacher Tag werden würde. Im Hauptbahnhof der Stadt sah ich ein riesiges Plakat: »#StandWithUkraine« stand darauf. Und gleich um die Ecke gab es noch eine Reklameleuchtwand mit einem Porträt von Selenskij in braunem T-Shirt. Darunter stand: »Selenskij: Putin wird stürzen, so wie Hitler stürzte«.

Kriegslüsternheit

Ich war erschrocken. Hetzpropaganda gegen Russland, auf offiziellen Reklameflächen im größten deutschen Bahnhof? Ich war benommen, wie nach einem Faustschlag. Hey, du bist in einem anderen Deutschland angekommen!

Die Pro-Kiew-Propaganda – denn es geht ja nicht um die Menschen in der Ukraine – ist geschickt eingefädelt. Man benutzt flotte Parolen, wie »Stoppt den Krieg« und am besten das Ganze noch auf Englisch, damit sich auch ja keiner daran erinnert, dass Deutschland schon zweimal – 1918 und 1941 – mit Truppen in der Ukraine einmarschierte.

Für jeden Russen ist es selbstverständlich, dass man auf einem Gang zu den Gräbern Blumen kauft. Und so kaufte auch meine Frau an einem S-Bahnhof zwei rosa Nelken. Ihr Großvater starb im Januar 1942 in einem Kriegsgefangenenlager in der Lüneburger Heide auf freiem Feld. Baracken gab es für die gefangenen Sowjetsoldaten nicht. Ich schämte mich, dass ich nicht selbst an Blumen gedacht hatte.

Angekommen im Treptower Park war ich geschockt über die vielen Polizisten in schwarzen Monturen, die an den Eingängen herumstanden. Auf was sie eigentlich warteten, war mir nicht klar. Erst später sah ich ein großes Hinweisschild. Darauf stand, dass »das Tragen von (russischen) St.-Georgs-Bändchen«, »das Zeigen von Fahnen und Flaggen mit russischem und ukrainischem Bezug« und das »Abspielen und Singen russischer Marsch- und Militärlieder« untersagt wurde.

»Hören Sie auf mit der Musik«

Immer wieder gab es Besucher und Musiker, die das Verbot unterliefen. Man schwenkte rote Schals oder spielte russische Volkslieder. Ein Akkordeonspieler wagte sogar, die russische Hymne zu spielen. Als zwei junge Polizisten kamen, ertönte aus dem Akkordeon etwas zaghaft, aber doch deutlich das jüdische Lied »Hava Nagila«. Doch die jungen Polizisten wiesen den Mann an, das Spiel einzustellen. Was sowjetisch und was jüdisch ist, konnten sie offenbar nicht unterscheiden.

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Ulrich Heyden

Scharfmacherei gegen Putin: In der deutschen Hauptstadt wird gegen Russland und seinen Präsidenten Stimmung gemacht

Schon 2014 war mir klar: Wenn die großen deutschen Medien den Brand im Gewerkschaftshaus von Odessa verschweigen oder nur am Rande abhandeln und über Angriffe von ukrainischen Neonazis auf ukrainische Kriegsveteranen, die das St.-Georgs-Band tragen, gar nicht berichten, dann ist absehbar, dass die Faschisten und ihre Verharmloser auch in Deutschland leichtes Spiel haben werden. Jetzt rächt sich, dass sich viele Linke und Demokraten in den letzten Jahren nicht gründlich mit der Ukraine beschäftigt haben.

Als ich später meinen Freunden in Moskau von dem Erlebten im Treptower Park erzählte, war die Reaktion betretenes Schweigen. Ich bemerke auch, dass viele Russen es satt haben, sich gegenüber dem Westen zu rechtfertigen. Immer öfter wird auf russischen Seiten im Internet die Frage gestellt, ob es denn richtig sei, in der Ukraine »so zurückhaltend« zu kämpfen, Charkow und Kiew nicht zu erobern.

Auch die Behandlung der über 1.000 Asow-Faschisten, die jetzt in Gefangenschaft sind und die zum Teil in den Krankenhäusern der »Volksrepublik Donezk« gesund gepflegt werden, sorgt für gehässige Bemerkungen. Man solle ihnen nur einen Napf Essen geben und sie zum Wiederaufbau zerstörter Städte einsetzen, meinen viele.

Russenhass im Szeneviertel

Im Szeneviertel Berlin-Friedrichshain, dort, wo es in den 1990er Jahren ganze Straßenzüge mit besetzten Häusern gab, findet man heute an Häuserwänden selbst gezeichnete antirussische Hetzplakate, auf denen Putin als Schlächter dargestellt wird. In der russischen Bar »Datscha« kam ich mit der Barchefin Katarina, einer in Kasachstan geborenen blonden Deutsch-Russin, ins Gespräch. Sie erzählte, dass es Drohungen gab. Das seien meist »Telefonanrufe, weniger Besucher und schlechte Bewertungen«, obwohl in der Bar Menschen aus verschiedenen Nationen arbeiten und man sich vom Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine distanziert hat. Nachdem man sich an die Presse gewandt habe, sei es besser geworden. Viele Besucher kämen jetzt aus Solidarität.

Bei meinen Gesprächen in Deutschland fiel mir auf, dass es zwei Gruppen gibt. Eine Gruppe sagt, es ist eine Unverschämtheit, dass Russland ein unabhängiges Land überfällt. Wenn man dann fragt, ob sie auch die Vorgeschichte mit dem Donbass-Krieg kennen, geben die Leute kleinlaut zu, dass sie davon nichts wissen.

Die andere Gruppe tritt aggressiv auf. Jede Erwähnung des Donbass-Krieges, der seit acht Jahren läuft, die Unterdrückung der Opposition in der Ukraine und die Einkreisung Russlands mit US-Militärbasen wird als »Ablenkung von den Verbrechen Russlands« vom Tisch gefegt. Ein Freund erzählte mir ganz betrübt, dass er gar nicht mehr diskutiere, weil sofort eine aggressive Stimmung aufkomme.

veröffentlich in: Junge Welt

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