1. Oktober 2022

»Wir haben lange gewartet« (Junge Welt)

Wahllokal im südöstlich des Donezker Stadtzentrums gelegenen Budjonny-Bezirk - Foto: Ulrich Heyden
Foto: Wahllokal im südöstlich des Donezker Stadtzentrums gelegenen Budjonny-Bezirk - Foto: Ulrich Heyden

Aus: Ausgabe vom 01.10.2022, Seite 7 / Ausland

REFERENDEN IN VOLKSREPUBLIKEN

Artilleriebeschuss, mobile Wahlurnen und das Hündchen Lola: Abstimmung über die Vereinigung mit Russland in der »Volksrepublik« Donezk

Von Ulrich Heyden, Donezk

Die extrem hohe Wahlbeteiligung und die wenigen Neinstimmen bei den Referenden in den Gebieten Donezk, Lugansk, Cherson und Saporischschja mögen auf Außenstehende unglaubwürdig wirken. Aber in der »Volksrepublik« (»VR«) Donezk konnte ich im persönlichen Gespräch mit Bürgerinnen und Bürgern erleben, dass der Wunsch, sich mit Russland zu vereinigen, so gut wie einhellige Meinung war. Der Großteil der Menschen – vor allem der älteren Generation – war geradezu von der Idee begeistert. Ein zwiespältiges Gefühl haben Eltern, deren Kinder in der Ukraine leben, weil sie dorthin geheiratet oder dort schon vor Jahren eine Arbeit gefunden haben.

Wenn man Intellektuelle befragte, so antworteten viele eher emotionslos. Etwa: »Ein anderer Weg ist nicht möglich.« Oder auch ein Bankangestellter, den ich gleich am ersten Tag meiner Ankunft in Donezk – das Referendum hatte gerade begonnen – zufällig auf der Straße treffe. Er sagt: »Bis 2014 war Donezk die schönste Stadt der Welt.« Aber nun seien viele Bewohner nach Russland abgereist, denn es gebe – seit Februar verstärkt – täglich Beschuss durch die ukrainische Armee und Tote durch Granaten und Minen. Nur wenige Tage vor dem Referendum hatte die Artillerie den »Krytyj Rynok« – den größten Markt der Stadt – und das Kujbischew-Wohngebiet im Nordwesten von Donezk beschossen. Es gab 19 Tote. Auch während des Referendums gab es Beschuss, die Wahl fand trotzdem statt.

Mobile Wahlurnen

Kirill ist fünf Jahre alt. Eine Träne läuft über seine Wange, als er mir seine Geschichte erzählt. Seit acht Jahren herrscht Krieg im Donbass, er gehört zu den Kindern, die nichts anderes kennengelernt haben. Ich werde auf den Kleinen aufmerksam, als ich in der Stadt Makejewka in der »VR« Donezk bin. Auf einer Wiese zwischen Wohnhäusern stehen Frauen und ein paar Männer, die darauf warten, ihre Stimme in eine mobile Wahlurne zu werfen.

Ich will mit dem kleinen Kirill ins Gespräch kommen. Aber das ist nicht so leicht. Als ich ihn anspreche, wendet er sich ab. Eine Nachbarin drängt ihn: »Erzähl doch, wie du dich mit Mama versteckt hast.« Kirill verdrückt sich hinter dem Bein eines Nachbarn. Dann plötzlich verlässt er seine Deckung und schreit heraus, was er erlebt hat: »Wir wurden beschossen. Meine Mutter ist zu mir gekrochen. Wir fielen hin. Kinder starben. Dort auf dem Platz starben sie. Alle Leute sind gestorben. Die Häuser wurden zerstört. Russland schießt auf die Ukraine. Und die Ukraine schießt auf uns.« Dann sagt er mit etwas ruhigerer Stimme: »Wir wählen Russland.« Ob Russland ihn schütze, will ich wissen. »Ja, Russland schützt mich«, lautet die Antwort.

Es spricht sich schnell herum, dass ein Team von Wahlhelfern mit einer mobilen Urne in dem Stadtviertel von Makejewka unterwegs ist. Anwohner, die noch abstimmen wollen, sammeln sich in einem Hof zwischen den Häusern. Während die Pässe geprüft und die Stimmzettel ausgegeben werden, erzählten sie mir, was sie bewegt.

Eine Rentnerin in einem schwarz-gelb gemustertem Regenmantel und mit Dauerwelle bekommt mit, dass ich Deutscher bin. Mit erregter Stimme und einem sehr ernsten Gesicht spricht sie mich an: »Sagen sie den Deutschen, dass man uns nicht umbringen soll. Bitte! Sagen Sie ihnen, dass wir friedliche Leute sind. In unserem Alter wollen wir in Ruhe leben. Sagen Sie ihnen, dass wir keine Feinde der Deutschen und keine Feinde anderer Völker sind. Wir wollen, dass alle Menschen auf dieser Welt gesund und in Frieden leben.«

Auch Jekaterina wartet. Sie ist 31 Jahre alt, arbeitet als Erzieherin in einem Kindergarten und hat selbst ein zehn Jahre altes Kind. Jekaterina erzählt mit ernstem Gesicht, man habe »keine Kraft mehr, sich das alles anzugucken«. Von der Vereinigung mit Russland verspricht sie sich »Frieden und Sicherheit«. Denn Russland, »die sind mehr. Wir sind wenige.« So einfach ist Jekaterinas Rechnung. Die Menschen in den »Volksrepubliken« seien für die Ukraine »Verräter« und keine Menschen. Sie sei in den letzten acht Jahren nirgendwo hingefahren. Sie habe einfach in ihrer Stadt weitergelebt. Wie könne sie da eine Verräterin sein?

Ich frage Jekaterina, ob sie nie Gefühle der Nostalgie gegenüber der Ukrai­ne verspüre. »Nein, nachdem hier bei uns Kinder gestorben sind, habe ich solche Gefühle nicht.« Dort – die junge Frau streckt den Kopf nach vorne – sei ein Kind während des Beschusses durch die ukrainische Armee gestorben. Sie habe ihn als Fünfjährigen damals im Kindergarten betreut. Als der Junge getötet wurde, ging er in die sechste Klasse. »Der Junge starb vor den Augen seiner Mutter, die zu dem Zeitpunkt ihre Tochter schützte.« Die Familie sei nach der Tragödie weggefahren. Solche Geschichten gebe es viele. Deshalb hätten die Leute keine Gefühle für die Ukraine. Jetzt heiße es, »vorwärts mit Russland«.

In der Großstadt Donezk, in der vor 2014 fast eine Million Menschen lebte, jetzt aber weit weniger, begleite ich eine Gruppe von Wahlhelfern, die mit durchsichtigen Wahlurnen durch die Treppenflure ziehen. Wir besuchen das Haus Nr. 122 in der Posteschewo-Straße. Die Anwohnerin Swetlana Iwanowna öffnet die Wohnungstür. Auf dem Arm hält sie ihr Hündchen Lola. Wie viele andere Bürger, die über eine mobile Urne wählen, verbirgt Swetlana ihren Wahlzettel beim Ankreuzen des Kästchens »Für die Vereinigung mit Russland« nicht.

»Eine andere Ideologie«

Das Referendum in der »VR« Donezk dauert fünf Tage. Vier Tage wird über mobile Urnen gewählt. Nur am letzten Tag der Abstimmung, am 27. September, sind 400 Wahllokale geöffnet. Ich besuche eines im südlich des Stadtzentrums gelegenen Lenin-Bezirk. Er wurde in den vergangenen Tagen von der ukrainischen Artillerie beschossen. Das Wahllokal ist in einer Schule untergebracht. Ich spreche mit der jungen Englischlehrerin Olga. Die Schule habe vor dem Krieg 600 Kinder gehabt, sagt sie, jetzt aber habe sie nur noch 200 Schüler. Doch es kämen immer mehr Kinder zurück, vor allem »aus Russland und von der Krim. Sehr wenige kommen aus der Ukraine zurück.«

Die Rückkehrer aus der Ukraine hätten verschiedene Gründe. Den einen sei das Geld ausgegangen, andere seien wegen ihrer Herkunft aus Donezk diskriminiert worden. Wieder andere seien mit der Ideologie in der Ukraine nicht einverstanden. »Dort wirft man uns vor, für all die Probleme verantwortlich zu sein. Man wirft uns vor, dass die russische Propaganda uns ihre Werte aufgezwungen habe. Zum Beispiel der Zweite Weltkrieg. Wir wissen, dass der Zweite Weltkrieg von den sowjetischen Soldaten gewonnen wurde. Sie glauben das nicht. Sie meinen, nicht allein die Sowjetunion habe den Krieg gewonnen.«

Rückkehr nach Hause

In einem Wahllokal im südöstlich des Donezker Stadtzentrums gelegenen Budjonny-Bezirk komme ich mit dem Rentner Wiktor Anikanow ins Gespräch, nachdem er seinen Wahlzettel abgegeben hat. Er sagt, er habe »ein Gefühl der Euphorie«. Ob er glaube, dass sich das Leben jetzt zum Besseren ändern werde? »Natürlich wird sich etwas zum Besseren verändern.« Die vergangenen acht Jahre, das sei »kein Leben« gewesen. »Und auch davor in der Ukraine war das kein Leben.« Um die Straßen im Donbass habe sich seit Jahrzehnten niemand mehr gekümmert.

»Danach lebten wir in einer armen, selbsternannten Republik. Aber sie beschaffte Geld, um die Straßen zu reparieren. Das Gelände um die Wohnhäuser ist jetzt gepflegt. Ich habe in der Ukraine nie so viele Straßenarbeiter gesehen. Und jetzt, kaum fährst du irgendwohin, siehst du große Baubrigaden auf den Straßen. Auch im Winter funktionieren alle Dienste auf den Straßen. Zu Zeiten der Ukraine gab es das alles nicht. Die Ukraine brauchte uns nicht. Sie brauchte uns nur für den Fall, dass wir Geld verdienten, damit wir die bei uns erarbeiteten Dollars in die Ukraine schickten.«

Galina, ein Verwaltungsangestellte, die ebenfalls gerade gewählt hatte, sagt mit strahlendem Gesicht: »Ich kehre nach Hause zurück. Ich habe sehr, sehr lange darauf gewartet. Ehrlich. Ich will unbedingt nach Russland. Denn wir sind ein einiges Land.« Ob sie keine Angst gehabt habe. Kiew habe doch gedroht, das Referendum militärisch zu zerschlagen. »Wir haben keine Angst. Man schießt auf uns, aber wir gehen vorwärts. Wir wissen, was wir wollen. Wir haben fast neun Jahre darauf gewartet.«

veröffentlicht in: Junge Welt

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