13. Dezember 2018

Wo Präsident und Opposition zusammen trauern: Abschied von Russlands berühmtester Menschenrechtlerin

Screenshot Fernsehkanal Doschd
Foto: Screenshot Fernsehkanal Doschd

Präsident Wladimir Putin und der Oppositionelle Alexei Nawalny hätten sich bei der Trauerfeier für die verstorbene Ljudmila Alexejewa fast getroffen. Russlands bekannteste Menschenrechtlerin starb zwei Tage vor dem internationalen Tag der Menschenrechte im Alter von 91 Jahren.

Der 11. Dezember war wieder so ein Tag, an dem ich das Gefühl hatte, Russland passt absolut in keine Kategorie. Alle Bezeichnungen, welche deutsche Zeitungen sich ausdenken, um Russland in knappen Worten zu beschreiben, gehen an der Realität vorbei.

Um 10 Uhr morgens begann im Zentralen Haus der Journalisten die Trauerfeier am Sarg der verstorbenen Menschenrechtlerin Ljudmila Alexejewa. Russlands bekannteste Menschenrechtlerin war am 8. Dezember im Alter von 91 Jahren gestorben. Es kamen sowohl Freunde und Menschenrechtsaktivisten als auch Mitglieder der Dissidentenbewegung, die es in der Sowjetunion gab. Auch zahlreiche hohe russische Beamte nahmen an der Zeremonie teil: Der ehemalige Ministerpräsident und jetzige stellvertretende Leiter der russischen Präsidialverwaltung, Sergej Kirijenko, die Menschenrechtsbeauftrage Russlands, Tatjana Moskalkowa und der Vorsitzende des Präsidialen Rates für Zivilgesellschaft und Menschenrechte, Michail Fedotow. Der Saal war schnell voll, so dass es keinen Platz mehr gab.

Nach russischer Sitte legten die Trauernden an dem Sarg der Verstorbenen rote Rosen und Nelken ab. Einige der Trauernden sprachen den Angehörigen der Verstorbenen ihr Beileid aus. Zu diesen Menschen gehörte auch der russische Präsident Wladimir Putin. Er legte gegen Ende der Veranstaltung Blumen am Sarg von Alexejewa nieder und verharrte mehrere Minuten vor dem Sarg. Dann wechselte Putin ein paar Worte mit einem Sohn der Verstorbenen.

Ein Glas Sekt zum 90. Geburtstag

Dass Putin an der Trauerfeier teilnahm, war keine Überraschung. Der russische Präsident hatte Alexejewa schon persönlich zu ihrem 90. Geburtstag gratuliert. Er besuchte die Menschenrechtlerin in ihrer Wohnung im Zentrum von Moskau und trank mit ihr zusammen Sekt.

Zu Beginn der Trauerfeier hatte bereits Russlands bekanntester Oppositionspolitiker Alexei Nawalny Blumen am Sarg niedergelegt. Die Zeitung Moskowski Komsomolez orakelte, man wisse nicht, ob es Zufall war, dass sich der Präsident und der Oppositionspolitiker nicht trafen, oder ob der Kreml-Schutzdienst FSO dafür gesorgt hatte, dass es zu keinem persönlichen Zusammentreffen von Putin und Nawalny kam.

Dass Wladimir Putin an der Trauerfeier teilnahm, gefiel vielen Oppositionellen nicht. Der Satiriker Viktor Schenderowitsch rief dazu auf, das Gebäude zu verlassen, solange sich der russische Präsident darin befinde. Doch der Aufruf verhallte.

Aktive Dissidentin seit den 1960er Jahren

Wer war die berühmteste russische Menschenrechtlerin? Das Leben von Alexejewa verlief zunächst in gewöhnlichen Bahnen. Sie wuchs in einer Intellektuellen-Familie auf und studierte Geschichte mit Schwerpunkt Archäologie. 1952 trat sie in die KPdSU ein. Von 1959 bis 1968 arbeitete sie als Redakteurin für eine wissenschaftliche Zeitschrift. Von 1970 bis 1977 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Gesellschaftswissenschaften.

Nach dem Tod von Stalin im Jahr 1953 geriet Alexejewa in eine Sinnkrise. Während der politischen Tauwetter-Periode unter Parteichef Nikita Chruschtschow Anfang der 1960er Jahre wurde ihre Wohnung zu einem Treffpunkt für Dissidenten aus der Moskauer Intelligenz. Alexejewa gab westlichen Korrespondenten Interviews. In der Wohnung wurden auch illegale Rundbriefe, sogenannte Samisdat, hergestellt.

Wegen ihrer politischen Tätigkeit wurde Alexejewa 1968 aus der KPdSU ausgeschlossen. Sie verlor ihre Arbeit. 1976 war sie eine der Gründerinnen der Moskauer Helsinki-Gruppe.

Die Gründung der Gruppe war eine Folge der "Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa" (KSZE). Mit dem direkten Bezug zur KSZE-Konferenz in Helsinki und der dort verabschiedeten Schlussakte, in der es auch um die Menschenrechte ging, hofften die Moskauer Dissidenten offenbar, einen halb-legalen Status in der Sowjetunion zu bekommen. Doch diese Hoffnung erfüllte sich nicht.

Im Februar 1977 verließ Alexejewa – aus Angst verhaftet zu werden – zusammen mit ihrem Mann und ihrem Sohn die Sowjetunion und siedelte in die USA über. Bei Radio Liberty leitete sie ein Programm zum Thema Menschenrechte.

1993 – aus dem Exil in den USA zurück nach Russland

1993 kehrte Alexejewa zusammen mit ihrem Mann nach Russland zurück. Drei Jahre später wurde sie zur Vorsitzenden der Moskauer Helsinki.

Der ehemalige russische Dissident Andrej Babitsky, der wie Alexejewa lange Zeit im westlichen Ausland gelebt und für Radio Liberty gearbeitet hatte, 2014 aber nach Donezk übersiedelte und jetzt eine pro-russische Position einnimmt, hebt in seinem Nachruf auf die Menschenrechtlerin positiv hervor, dass Alexejewa im April 2003 zusammen mit dem Vorsitzenden der Menschenrechtsorganisation Memorial, Arseni Roginski, einen Brief an die Botschafter der USA und Großbritanniens schrieb. In dem Brief forderten Alexejewa und Roginski dazu auf, den Krieg im Irak einzustellen und "den Konflikt friedlich zu lösen". Sonst bestehe die Gefahr, dass sich die Welt "von humanistischen Prinzipien entfernt" und "in Gewalt und Chaos abgleitet".

Gegen die Systemopposition

Nach ihrer Rückkehr nach Russland wurde Ljudmila Alexejwa zur bekanntesten russischen Menschenrechtlerin. Die Schlagzeilen in den westlichen Zeitungen machten aber meist radikalere russische Oppositionelle, wie Garri Kasparow, Pussy Riot oder Alexei Nawalny. Von 2002 bis 2012 war Alexejewa Mitglied der Kommission für Menschenrechte beim russischen Präsidenten.

Wenn es um die Verletzung von Menschenrechten ging, war Alexejewa in der Sache hart. Sie hielt sich aber fern von politischen Initiativen, die sich gegen das System stellten und zum Sturz von Wladimir Putin aufriefen. Aus diesem Grund verließ Alexejewa 2008 auch den Allrussischen Bürger-Kongresses, den sie 2004 zusammen mit dem ehemaligen Schachweltmeister Garri Kasparow gegründet hatte.

„Warum schweigen sie zu Odessa?“

Der ehemalige Dissident Babitsky meint in seinem Nachruf, dass Ljudmila Alexejewa und die Moskauer Menschenrechtler mit ihrer Arbeit faktisch an die ersten russischen Demokraten, den Dekabristen im 19. Jahrhundert, anknüpften. Kritisch sieht der ehemalige Dissident Babitsky aber, dass sich Alexejewa 2014 auf die Seite ausländischer Staaten stellte, als sie die russische Führung aufforderte, "die russischen Truppen aus der Ukraine abzuziehen" und "die Unterstützung der Separatisten in der Ukraine einzustellen". Babitsky fragt auch, wie es angehe, dass eine Menschenrechtlerin sich nicht für die drei Millionen Menschen in den "Volksrepubliken" einsetze, die unter den Angriffen der ukrainischen Armee leiden. Unverständlich sei es auch, dass für Alexejewa und die Moskauer Menschenrechtler die Aufklärung des Brand-Angriffes auf das Gewerkschaftshaus von Odessa am 2. Mai 2014 nicht zu einem wichtigen Arbeitsfeld geworden ist.

Dass der russische Präsident mit roten Rosen von der bekanntesten russischen Menschenrechtlerin Abschied nimmt, ist nicht nur eine menschliche Geste sondern auch ein politisches Signal. Der Kreml will nicht, dass der liberale Teil der russischen Gesellschaft in die Ecke der System-Opposition abdriftet.

Ulrich Heyden

veröffentlicht von RT deutsch
 

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