6. April 2014

Der russischen Grundlagenforschung geht es an den Kragen

Foto: Boris Anzov
Foto: Foto: Boris Anzov

Seit 2010 laufen im russischen Bildungs- und Forschungsbereich grundlegende Reformen, die nach westlichem Vorbild auf Elite-Unis und einen stärkeren Leistungswettbewerb zielen - Teil 2

Leti-Studenten. Bild: Boris Anzov

Parallel zu dem Aufbau von Elite-Unis (siehe Teil 1: Russlands Wissenschaft - Retten oder abwickeln?) durchforstet die russische Regierung seit vier Jahren den gesamten Bildungs- und Forschungsbereich auf Einsparpotentiale. Doch dagegen wehren sich Eltern, Lehrer und Wissenschaftler, zum Teil erfolgreich. Als im Juli 2013 ein geheim gehaltenes Gesetzprojekt der Regierung bekannt wurde, nach dem die Russische Akademie der Wissenschaften (RAN) mit den Akademien für Medizin und Landwirtschaft zusammengelegt werden soll, entstand eine noch nie dagewesene Protestwelle der Wissenschaftler. Allein in Moskau gingen 2.000 Wissenschaftler auf die Straße (Dem intellektuellen Zentrum Russlands droht der Garaus). Betroffen von der befürchteten Zusammenlegung von Instituten, Entlassungen und Gehaltskürzungen sind 100.000 Mitarbeiter der RAN (die Hälfte davon wissenschaftliche Mitarbeiter) und 450 Institute in ganz Russland.

Trotz der Proteste verabschiedete die Duma im September 2013 das Gesetz zur Zusammenlegung der Akademien. Außerdem beschlossen die Abgeordneten die Gründung einer neuen Behörde mit dem Namen FANO. Sie soll die gesamten Finanzen und die Immobilien der RAN verwalten. Die Wissenschaftler fürchten den Verkauf von teuren RAN-Immobilien in Innenstadtlage.

Wladimir Putin haben die Proteste der Wissenschaftler offenbar mehr beeindruckt, als es zunächst den Anschein hatte. Mitte Januar erließ der Kreml-Chef nach einem Treffen mit dem Präsidenten der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAN), Wladimir Fortow, ein Moratorium, nachdem die FANO während einer Übergangszeit von einem Jahr keine RAN-Immobilien verkaufen und keine Wissenschaftler entlassen darf.

Andrej Zaturjan. Bild: U. Heyden

Erfolg der Wissenschaftlerproteste

Der Mathematiker Andrej Zaturjan, der als Experte für molekulare Mechanik der Muskeln am Institut für Maschinenwesen der RAN arbeitet und sich an der Organisation der Wissenschaftler-Proteste im letzten Jahr beteiligte, sieht das Moratorium als Erfolg der Proteste.

Putin habe "auf die Öffentlichkeit gehört" und wolle "die Situation nicht verschärfen", erklärt der Wissenschaftler gegenüber Telepolis.

Leti-Studenten. Bild: Boris Anzov

"Wir sind nicht gegen Reformen", so der Mathematiker. Man sei aber gegen eine Reform, "die in einer Geheimoperation ohne Beratung durchgezogen wird". Bis heute sei nicht klar, nach welchen Kriterien entschieden wird, welches der 450 RAN-Institute "nicht effektiv" arbeitet, was eine Schließung oder die Zusammenlegung mit einem anderen Institut zur Folge haben kann. Die Reform der RAN verstärke bei jungen Wissenschaftlern die Tendenz, sich nach einer Arbeit im Ausland umzusehen, meint Zaturjan.

"Dass die RAN hierarchisch aufgebaut, nicht effektiv, sehr groß und bürokratisch war, dass ein kleiner Kreis von Akademikern alles entschieden hat, daran besteht keine Zweifel", meint Zaturjan. Doch jede Reform der Akademie müsste "mit der Aufhebung der Leibeigenschaft beginnen".

Damit meint der Mathematiker die Unterordnung der wissenschaftlichen Mitarbeiter unter die leitenden Akademiker und Professoren. Denn nur sie entscheiden über die Verteilung der Forschungselder. Die Verteilung der Gelder ist in Russland nicht transparent und ausländische Wissenschaftler sind an den Expertenräten, die über Forschungsprojekte entscheiden, in der Regel nicht beteiligt.

Wie Stalin die Wissenschaftler zu Höchstleistungen antrieb: Die Russische Akademie der Wissenschaften (RAN) wurde 1724 in St. Petersburg von Peter dem Großen gegründet. Aufgabe der Akademie ist die Grundlagenforschung. Zu Zeiten der Sowjetunion hatte die Akademie die Aufgabe, die Regierung zu beraten und auch selbst Richtlinien auszuarbeiten. Alle 500 Akademiker hatten zu Sowjetzeiten Anspruch auf ein Auto mit Chauffeur. Bis heute erhalten die 500 Akademiker einen Gehaltszuschlag. Für Stalin waren die Wissenschaftler enorm wichtig, denn sie arbeiteten an der Atombombe und Raumfahrtprojekten. Finanzielle Vergünstigungen gibt es für den kleinen Kreis der Akademiker bis heute.

Die 45.000 wissenschaftlichen RAN-Mitarbeiter können von ihren Gehältern dagegen nicht leben und müssen sich als Bankangestellte oder als Nachhilfelehrer etwas dazuverdienen.

Zum neuen Präsidenten der RAN wurde im Mai 2013 auf einer Allgemeinen Versammlung der Akademie der 68 Jahre alte Wladimir Fortow gewählt. Zur Allgemeinen Versammlung der RAN gehören 500 Akademiker und 700 Korrespondent-Mitglieder. Die Allgemeine Versammlung wählt das Präsidium. Zum Personal der RAN gehören 45.000 wissenschaftliche Mitarbeiter und 50.000 Hilfskräfte wie Hausmeister, Küchen- und Wachpersonal.

Die Regierung hat sich mit ihren Reformen im Bildungsbereich viel vorgenommen

Schon jetzt werden Eltern an der Finanzierung des Unterrichts ihrer Kinder beteiligt. Die Streichung von Pflichtfächern an den Schulen konnten Eltern und Lehrer verhindern.

Von Studenten der IT-Uni ITMO entwickelte Haltestellen-Anzeige. Bild: Ulrich Heyden

Russische Wissenschaftler werden heute nach Leistung bezahlt. Viele Wissenschaftler haben bereits befristete Arbeitsverträge. Ziel der Regierungspolitik sind Elite-Unis, die Schließung und Zusammenlegung "nichteffektiver" Hochschulen und Institute.

Parallel zu dieser Entwicklung versucht die Regierung mit großzügigen Fördermitteln ausländische Wissenschaftler anzuwerben. Sie sollen helfen, die Hochschulen für Studenten und Wissenschaftler aus dem Ausland attraktiv zu machen. In den wenigen gut finanzierten Hochschulen gibt es zwar heute modernes Gerät und gute Forschungsmöglichkeiten. Doch nur ein kleiner Teil der 450 RAN-Institute für Grundlagenforschung wird die Reformen überleben, befürchten Kritiker.

Ulrich Heyden

 

"Liberale Finanzpolitik führt zum wirtschaftlichen Niedergang"

Aleksandr Schipljuk ist Doktor der physikalischen Mathematik. Der 47-Jährige ist stellvertretender Leiter des Instituts für theoretische und angewandte Mechanik (ITPM) in Nowosibirsk und Leiter des Laboratoriums für Überschall-Technologie. Das Institut gehört zur Russischen Akademie der Wissenschaften (RAN), dessen Präsidium Schipljuk angehört. Außerdem lehrt der Wissenschaftler am Lehrstuhl für Aerohydrodynamik der Technischen Universität von Nowosibirsk.

Aleksandr Schipljuk. Bild: RAN

 Wie wirkt sich die Reform der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAN) auf ihre Arbeit aus?

Aleksandr Schipljuk: Reale Veränderung wird es erst ab 2015 geben. Worin diese Veränderungen bestehen, ist bisher nicht bekannt. Bis Ende 2014 wird die neugegründete Föderale Agentur für die wissenschaftlichen Organisationen (FANO) die Effektivität der einzelnen Institute ermitteln. Dann kann man mit organisatorischen Konsequenzen rechnen. Nach welchen Kriterien die Institute bewertet werden, ist allerdings nicht bekannt. Dadurch dass unser Institut jetzt der FANO untersteht, gibt es jetzt erstmal mehr Bürokratie.

 Sind die Gehälter ihrer Mitarbeiter gesichert?

Aleksandr Schipljuk: Nach einer Anordnung des Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, vom Mai 2012 soll das durchschnittliche Einkommen der wissenschaftlichen Mitarbeitet bis 2018 erhöht werden. Für die Mehrheit der wissenschaftlichen Einrichtungen in Nowosibirsk, die zur RAN gehören, bedeutet das eine Erhöhung der Gehälter um 50 Prozent. Allerdings wird das Budget der wissenschaftlichen Einrichtungen nicht erhöht. Die Regierung überträgt die Entscheidung über die Erhöhung der Gehälter damit den Leitern der wissenschaftlichen Einrichtungen, die jetzt zusätzliche Finanzierungsquellen finden oder den Personalbestand drastisch kürzen müssen. In letzterem Fall wären vor allem die jungen wissenschaftlichen Mitarbeiter betroffen.

 Wie müsste Ihrer Meinung nach die Reform der RAN durchgeführt werden?

Aleksandr Schipljuk: Beginnend mit der Schocktherapie 1991 wurde in Russland eine große Zahl an Wirtschaftsreformen durchgeführt. Doch jetzt ist gut sichtbar, dass die liberale Finanz- und Wirtschaftspolitik, wie sie in Russland durchgeführt wird, zum wirtschaftlichen Niedergang führt, das wissenschaftlich-industrielle Potential des Landes zerstört sowie Korruption und eine unbeschreibliche soziale Ungerechtigkeit zur Folge hat. Der Öl- und Gassektor kann sich entwickeln, aber das auch nur wegen den hohen Preisen für Öl und Gas.

 Das ist ein düsteres Bild.

Aleksandr Schipljuk: Auf der anderen Seite beginnen verschiedene Personen in der Leitung des Landes zu verstehen, wohin diese Entwicklung führt. Es gibt das Verständnis, dass Russland ohne entsprechende Gesetze, die strenge Kontrolle der Durchführung dieser Gesetze und eine beschleunigte wissenschaftlich-technische Entwicklung keine würdige Zukunft hat. Deshalb bleibt die Hoffnung, dass die liberalen Reformen in der RAN vom Staat streng kontrolliert werden und die neugegründete Finanzagentur konstruktiv mit den Wissenschaftlern zusammenarbeitet.

 Inwieweit helfen neue Programme, wie "Mega-Grant", mit denen Professoren aus dem Ausland angeworben werden sollen, die Situation der Wissenschaft zu verbessern und die Abwanderung junger Wissenschaftler ins Ausland zu stoppen?

Aleksandr Schipljuk: Natürlich verbessern diese Programme die Situation. Man sollte ihr Wirkung jedoch nicht überschätzen. Die Zahl der Universitäten und wissenschaftlichen Mitarbeiter, die an diesen Programmen teilnehmen, liegt bei nur einem Prozent. Umfassende positive Änderungen der Wissenschaft in Russland sind nur zu erreichen, wenn sich die gesamte Wissenschaft stabil entwickelt.

 Wie wirkt sich die Reform der RAN auf die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland aus?

Aleksandr Schipljuk: Für das Institut für theoretische und angewandte Mechanik in Nowosibirsk hat die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit den deutschen Wissenschaftlern Priorität. Seit zwanzig Jahren arbeiten wir mit dem Institut für Aerodynamik und Gasdynamik der Universität Stuttgart zusammen. Es wurden über 30 gemeinsame Projekte durchgeführt. Unsere Wissenschaftler bekamen Stipendien und Auszeichnungen der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Ich selbst habe in Windkanälen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Göttingen Experimente durchgeführt. Immer wieder kommen deutsche Wissenschaftler zu längeren Arbeits-Aufenthalten an unser Institut in Nowosibirsk.

 Wie werden die deutsch-russischen Forschungsprojekte auf dem Gebiet der Naturwissenschaften finanziert?

Aleksandr Schipljuk: Die Projekte werden von der Russischen Stiftung für Grundlagenforschung (RFFI) und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert. Leider ist die finanzielle Unterstützung der RFFI proportional niedriger als die der DFG. Der russische Anteil bei der Projektförderung für eine Gruppe von zehn Wissenschaftlern liegt in der Regel bei 12.500 Euro. Mit diesem Geld kann man nur ein bis zwei Wissenschaftler finanzieren.

Allerdings hat die russische Regierung jetzt Maßnahmen zur Anwerbung von ausländischen Wissenschaftlern beschlossen. Durch die Gründung der Russischen Wissenschafts-Stiftung (RNF) stehen neue Fördermittel bereit. Wie der Direktor der Stiftung, Aleksandr Chlunow, erklärte, wird der Fond etwa zehn Arbeitsgruppen mit Forschern aus verschiedenen Ländern unterstützen. Die Arbeitsgruppen sollen von jeweils zwei oder drei international bekannten Wissenschaftlern geleitet werden.

 Vielen Dank für das Gespräch! 

(Das Interview führte Ulrich Heyden)

veröffentlicht in: Telepolis

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