25. Februar 2007

Der Traum von der Effektivität

Der russische Journalist Waleri Panuschkin beschreibt Aufstieg und Fall des russischen Öl-Milliardärs Michail Chodorkowski.

Waleri Panjuschkin hat das erste Buch über den ehemaligen Chef des Ölkonzerns Yukos vorgelegt. In Russland erschien es unter dem Titel „Gefangener der Stille“ – ohne besonderes Echo. Um den ehemaligen Yukos-Chef ist es in Russland ruhig geworden. Die staatlichen Medien haben ihn als eigennützigen Steuersünder abgeurteilt. Nun sitzt Russlands ehemals reichster Mann eine achtjährige Haftstrafe in einem Arbeitslager 5.000 km östlich von Moskau ab. Die Staatsanwaltschaft bereitet unterdessen einen neuen Prozess vor, diesmal wegen Geldwäsche. Dem ehemaligen Yukos-Chef drohen weitere 15 Jahre. Autor Panjuschkin stand zwar im Briefwechsel mit dem Inhaftierten und entlockt dem ehemaligen Unternehmer so manch interessanten Satz, doch die Stärke des Buches liegt nicht in der Beschreibung der Person Chodorkowski sondern in der eindrucksvollen Geschichte des Unternehmens Yukos, welches Chodorkowski 1995 hoch verschuldet kaufte und zu einem der weltweit größten Energiekonzerne aufbaute. Chodorkowski war er von dem Gedanken der Effektivität beseelt. Alles was einem effektiven Unternehmen im Weg stand, veraltete Gesetze, kaukasische Banditen, schmiergeldhungrige Bürokraten räumte er beiseite oder überging er. Aber der Selfmade-Unternehmer Chodorkowski war auch Produkt der russischen Geschichte. Er akzeptierte und kopierte notgedrungen die immer noch gültigen russischen Feudalgesetze. Er folgte treu dem sowjetischen Premierminister Iwan Silajew, dem er 1991 als Berater diente und dann Boris Jelzin, dessen Wahlkampf er 1996 mitfinanzierte. 1995 erwarb Chodorkowski die staatliche Öl-Unternehmen Yukos. Die Rechmäßigkeit des Yukos-Erwerbs „war unter der damals herrschenden Gesetzlosigkeit gegeben“, schreibt der Autor. Die Firma bekam man jedoch nur, „wenn man seinem Herrn (Boris Jelzin, Anm. d. Autors) persönlich ergeben war.“ Die Ergebenheit musste man beweisen, „indem man unehrliche Wahlen finanzierte“, so die nüchterne Analyse des Autors.Im russischen Kapitalismus besteht nur, wer führen und sich auf einen Freundeskreis stützen kann. Chodorkowski konnte beides. Bei Yukos stellte er vorzugsweise ehemalige Komilitonen aus seiner Chemie-Fakultät ein. Für die Führung des Konzerns baute er eine Villensiedlung. Dort lebten die Yukos-Manager Haus an Haus. Es war eine verschworene Gemeinschaft, die ihre Chance, einen großen Konzern aufzubauen, nutzen wollte. In den 90er Jahren gab es bei Yukos einen wahnsinnigen „Drive“, berichtete eine ehemalige Mitarbeiterin Chodorkowskis, die der Autor im Londoner Exil getroffen hat. Als der Yukos-Chef 1999 beschloss, das Unternehmen nach westlichen Maßstäben zu führen und die Buchhaltung transparent zu machen, sei es fast „langweilig“ geworden. Die Aufbauarbeit um den Konzern hat Chodorkowski hart gemacht. „Es gab nur zwei Alternativen“, so erinnert sich der Öl-Magnat in einem Brief an den Buch-Autor, „entweder auf die Knie zu fallen oder ins Gefängnis zu gehen.“ Auf die Knie zu fallen, sei schon deshalb nicht möglich gewesen, so der ehemalige Yukos-Chef, weil sein Freund und Yukos-Miteigentümer Platon Lebedew bereits im Gefängnis saß.

Bohrende Fragen zum Komsomol

Ob er als Vorsitzender der kommunistischen Jugendorganisation Komsomol nicht an Gesinnungsterror und der Kontrolle des Privatlebens beteiligt habe, will der Autor wissen. Nein, erklärt Chodorkowski, er sei damals nur für organisatorische Fragen zuständig gewesen. „Andersdenkende“ habe es an seiner Fakultät nicht gegeben. Obwohl, er sei ein überzeugter Komsomolze gewesen, habe an den Kommunismus geglaubt und dass das Land von Feinden umringt ist. 1991 – nach einige Auslandreisen – sei sein Weltbild zerbrochen.Wer in Russland ein Buch über Chodorkowski schreibt und den Unternehmer nicht in Bausch und Bogen verurteilt, setzt sich zwangsläufig dem Verdacht aus, er sei von Chodorkowski bezahlt. Panjuschkin macht es derartigen Nörglern nicht leicht. Denn er schildert auch so manche Episode, welche den ehemaligen Yukos-Chef in ein ungünstiges Licht stellt. So berichtet er, wie Sicherheitsleute von Chodorkowski eine Mieterin aus einer Wohnhaus vertrieben, welches sich die Yukos-Bank Menatep als neues Domizil ausgeguckt hatte. Ist Chodorkowski nun schuldig oder nicht? Diese Frage stellt der Autor nicht. Panjuschkin beschreibt, dass in Russland keine demokratischen Gesetze gelten, sondern dass nach feudalen Regeln regiert wird. Chodorkowski habe Gesetze übertreten und Steuern hinterzogen, ja, aber er hatte die Vision einer freien Gesellschaft und war auch bereit die Ansätze einer solchen Gesellschaft mit seinem Geld zu unterstützen, indem er eine Stiftung für Jugendbildung gründete und oppositionelle Parteien finanzierte.Dass Chodorkowski nicht das eigennützige Schreckgespenst war, als das ihn der Kreml hinstellt, wird nach Meinung des Autors auch daran deutlich, dass es nicht die russischen Reichen sind, die den ehemaligen Konzernchef heute unterstützen. Diese haben sich lange mit Putin arangiert. Viele Anhänger hat Chodorkowski dagegen in der Mittelschicht und der verarmten Intelligenz, die immer noch auf eine wirkliche Demokratie nach westlichem Vorbild hofft. Chodorkowski – so berichtet der Autor - setzte auf die Russen, die mehr als 100.000 Dollar im Jahr verdienen. Diese Menschen wollte er für sein Projekt eines modernen Russland gewinnen. Doch der ehemalige Yukos-Chef habe sich getäuscht. Seine wirklichen Anhänger haben wenig Geld, es sind Universitätsdozenten, Journalisten, Bürgerrechtler, Lehrer und Studenten. Sie verzeihen dem Milliardär so manchen Fehler, aber sie setzen Hoffnung in ihn. Mit Hilfe von Chodorkowski, so hoffen sie, könnte sich Russland zu einer Gesellschaft mit bürgerlichen Freiheiten entwickeln.Wer ein Buch mit Details aus dem Privatleben von Russlands einst reichstem Mann erwartet hat, wer vielleicht auch etwas über seine Seele erfahren wollte, wird in der Arbeit von Waleri Panjuschkin nicht fündig. Was gab Michail Chodorkowski die innere Kraft, sich gegen Putin zu stellen, Oppositionsparteien zu finanzieren und eigene Geschäftspläne, wie etwa die Verschmelzung seines Unternehmens mit dem US-Multi Exxon Mobil in die Wege zu leiten? Warum arrangierte er sich nicht mit dem Kreml, wie die anderen russischen Milliardäre? Man kann nur ahnen, was Chodorkowski Stärke gab: Dass er es schaffte einen der größten Energiekonzerne der Welt aufzubauen.Ulrich copyright by Ulrich Heyden, Moskau

Waleri Panjuschkin: Michail Chodorkowski, München 2006, Heyne Verlag

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