18. Oktober 2001

Für 200 Dollar an die Front (Die Wochenzeitung)

Ulrich Heyden
Foto: Ulrich Heyden

Hunderte von KriegsberichterstatterInnen warten im Norden Afghanistans vergeblich auf einen Angriff. Immerhin verdienen geschäftstüchtige Einheimische ganz schön an ihnen.

Von Ulrich Heyden, Khoje Badhawudine

Kurz vor dem russischen Kontrollposten an der tadschikisch-afghanischen Grenze schlagen sie schon wieder zu. Statt zur Passkontrolle der russischen Grenztruppen wird die aus der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe kommende Autokolonne der KriegsreporterInnen auf einen staubigen Parkplatz umgeleitet. Wir wollten die Nacht eigentlich in einem Quartier in Nordafghanistan auf der anderen Seite des Flusses verbringen. Doch unser Begleiter behauptet, wir müssten auf den Mondschein warten, um ohne Scheinwerferlicht den Grenzfluss Pjandsch überqueren zu können. Gerade nachts seien die Scharfschützen der Taliban nicht zu unterschätzen. Damit die russischen Grenzsoldaten uns sicher über den Fluss geleiten, kassiert unser Begleiter zwanzig Dollar pro Person. Manch einer runzelt die Stirn. Hatten wir nicht erst 140 Dollar für das tadschikische und 150 Dollar für das afghanische Visum bezahlt? Wieder heisst es warten. Nach siebzehn Stunden – es ist schon lange wieder Tag – dürfen wir endlich weiterfahren.

Kurze Zeit später erreichen wir Khoje Badhawudine in Nordafghanistan. Der Zehntausend-Seelen-Ort besteht aus flachen Lehmbauten. Es gibt weder Elektrizität noch fliessendes Wasser. Bungalows aus Stein, wie das kleine Gebäude des Aussenministeriums der afghanischen Nordallianz, sind eine Ausnahme. Im Hof stauen sich Aluminiumkisten mit Ausrüstungen der Fernsehstudios. Ein Produzent von Sky Channel diskutiert erregt mit dem dienstführenden Beamten, der in seinem rosafarbenen Gewand und einer braunen Afghanenmütze hinter einem bombastischen Schreibtisch sitzt und die ankommenden JournalistInnen registriert. Der Fahrer des Autobusses, ein Mann mit langem schwarzem Bart und weissem Gewand, der uns vom Grenzfluss in dreissigminütiger Fahrt über eine löchrige Sandpiste an diesen Ort brachte, fordert für die Fahrt plötzlich 800 statt der vereinbarten 200 Dollar. «Wir sind eine kleine Fernsehgesellschaft», jammert der Produzent. Doch auch der Beamte zeigt kein Mitleid. Schliesslich einigt sich der Mann von Sky Channel, der dem US-amerikanischen Medienmogul Rupert Murdoch gehört, mit dem Fahrer auf 400 Dollar.

Danach zieht man mit Sack und Pack auf das Flachdach des Bungalows, wo bereits der US-Sender Fox mit Zelt und Satellitenschüssel residiert. Der Garten im Hof des Aussenministeriums ist mit Zelten und Satellitenantennen gespickt. Der Hof ist unbeleuchtet. Nur über der Veranda hängen ein paar von einem Generator betriebene Lämpchen. Dort sitzen auf den pompösen Polstersesseln des Aussenministeriums die ReporterInnen, auf den Knien den Laptop, die Antenne des Satellitentelefons in Sichtweite. Es ist ein emsiges Treiben. Ein russischer Reuters-Korrespondent bearbeitet seine Fotos, eine «Times»-Korrespondentin erkundigt sich bei einer Kollegin über die Sicherheitsstandards in den Zimmern. Ein dänisches Fernsehteam richtet sich für die Nacht ein. Auf dem Zementfussboden der Terrasse werden ein paar Bastmatten ausgelegt. Die drei Männer machen verdriessliche Gesichter. Es ist schon kühler geworden, die Nacht verspricht nicht besonders gemütlich zu werden. Eingemummelt in ihre Schlafsäcke liegen sie dann, umgeben von Kameras und Gerätekisten, und versuchen einzuschlafen.

Das Massenaufgebot an ReporterInnen – etwa 700 JournalistInnen sind bisher in Khoje Badhawudine eingetroffen – steht in krassem Gegensatz zur Ereignislage. Manch einer lässt seinem Ärger freien Lauf, alles sei nur eine Show. «Die Panzergrenadiere schiessen an der Front für Wodka», meint ein russischer Kollege, «die greifen gar nicht wirklich an.» Kollegen berichten von einem britischen Fotografen, der im Bild festhielt, wie ein BBC-Team eine Angriffsattacke der Nordallianz inszenieren liess. Abends versammeln sich die JournalistInnen, um sich die neusten Nachrichten von CNN und al-Dschasira zu Gemüte zu führen. Im Zentrum und Süden von Afghanistan fallen Raketen und Bomben. Doch hier im Norden, in dem von der Nordallianz kontrollierten Territorium, ist die Lage ruhig und ungefährlich. Nur wer an die Front fährt, kann Maschinengewehrfeuer hören und muss sich vor den Scharfschützen der Taliban in Acht nehmen. Für die ReporterInnen viel bedrohlicher sind Plumpsklos, Staubwolken und trübes Wasser. Hepatitis und Malaria sind die wahren Feinde. In Ermangelung von brandheissen Nachrichten reden sich die BerichterstatterInnen über Ort und Zeitpunkt einer möglichen Attacke der Nordallianz die Köpfe heiss. Einige wollen tausende von Soldaten aus dem Pandschir-Gebirge in der Nähe des Ortes gesehen haben. Der von allen erwartete Angriff werde vielleicht doch nicht wie erwartet auf Kabul, sondern auf eine andere Stadt ausgeführt. Häufig genannt wird Mazar-i-Sharif, eine Stadt unweit der Grenze zu Usbekistan.

Morgens kriechen durchfrorene ReporterInnen aus Zelten und Schlafsäcken. Wer im Jacket angereist ist, sieht einem Obdachlosen bald ähnlicher als einem gut bezahlten Journalisten. Vor dem Arbeitszimmer des dienstführenden Beamten stapeln sich unterdessen die Schnürstiefel – Schuhe müssen beim Betreten von Innenräumen ausgezogen werden. Drinnen, auf dem weinroten Afghanen, stehen die BesucherInnen in Socken Schlange. Wer an die Front will, zahlt 200 Dollar für Fahrer und Übersetzer. Wer eine Gruppe bilden will, braucht schon erhebliches Durchsetzungsvermögen. Das Aussenministerium ist an Einzelkunden interessiert. Unterdessen geht die Meldung ein, ein weiterer Autokonvoi mit KriegsberichterstatterInnen – bestehend aus 52 Fahrzeugen – rolle aus der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe an.

veröffentlicht in: Die Wochenzeitung

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