19. Dezember 2007

Gemeinsam am Startknopf

Steinmeiers Schnupper-Besuch beim Putin-Nachfolger. Wintershall ist als erstes deutsches Unternehmen an der Gasförderung in Russland beteiligt.

„Heute ist ein sehr guter Tag“. Für Dmitri Medwedjew, der erst einen Tag zuvor offiziell zum Präsidentschaftskandidaten der Kreml-Partei „Geeintes Russland“ gekürt worden war, kam der hohe Besuch aus Deutschland gerade zur rechten Zeit. Gemeinsam saß Medwedjew, der auch Aufsichtsratsvorsitzender bei Gasprom ist, mit dem deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier auf dem Podium im Konferenzsaal der Moskauer Gasprom-Zentrale. Auch Steinmeier war guter Stimmung und als die Beiden gemeinsam den Knopf drückten, mit dem eine Gasförder-Anlage im sibirischen Juschno Russkoje in Betrieb gesetzt wurde, schienen die Missstimmungen zwischen Russland und Deutschland wie weggeblasen.

Medwedjew salbungsvoll: Die gemeinsame Förderung in Juschno Russkoje sei „ein Beitrag zur stabilen Energiesicherheit in Europa“. Russland sei „offen für solch seriösen Business-Projekte“ zu „gegenseitigem Nutzen“.

Hoffen auf weitere Projekte

Per Video-Liveschaltung erstattete ein Arbeiter in einem Pelz-Anorak Bericht aus der Tundra, im hohen Norden. "Das Gasfeld Juschno-Russkoje ist fertig zur Inbetriebnahme.“ Steinmeier dankte in seiner Rede den Arbeitern, die bei 40 Grad Minus das Gas fördern. In der Gasprom-Zentrale war es in diesem Moment gemütlich warm. Unterschiedliche Interessen zwischen Russland und Deutschland seien „nicht zwingend notwendig als Gegensätze zu begreifen“, meinte Steinmeier. Darin stecke auch „eine Chance unsere gegenseitigen Fähigkeiten zum gemeinsamen Nutzen zu bündeln und zu verflechten.“ Er hoffe, dass auch der Einstieg des deutschen Versorgers Eon in den russischen Strommarkt gelinge. An der Ostseepipeline, über die das Gas aus Juschno Russkoje später transportiert werden soll, haben so Steinmeier, „fünf europäische Länder“ Interesse. Zuletzt wurde mit Polen über einen Abzweig verhandelt.

Versorgungs-Kapazität für 15 Jahre

Das Fördergebiet Juschno-Russkoje liegt im Autonomen Gebiet der Jamal-Nenzen, 3.500 Kilometer von Moskau, nördlich des Polarkreises. Einen Kilometer unter der Erde liegen förderbare Reserven von 600 Milliarden Kubikmeter Erdgas sowie 5,7 Millionen Tonnen Erdöl. Seit Oktober sind in dem neuen Fördergebiet 26 Gassonden im Einsatz. Allein aufgrund der Reserven in Juschno Russkoje könnten alle russischen Gasexporte nach Deutschland für weitere 15 Jahre gewährleistet werden, heißt es in einer Presse-Mitteilung der BASF. 40 Prozent des in Deutschland verbrauchten Gas kommen heute aus Russland.

Unternehmensverpflechtung

Gasprom-Chef Alexej Miller erklärte, die Inbetriebnahme von Juschno Russkomje sei für Gasprom „das wichtigste Ereignis im Jahre 2007“. Die Zusammenarbeit mit BASF bei der Ausbeutung des Gasfelds und der Tausch von Aktienpaketen, stärke die Rolle Gasproms bei der Vermarktung von Gas in Deutschland und die Rolle seines Unternehmens als „Global Player“.

Gasprom und die BASF AG hatten sich auf einen Austausch von Aktien geeinigt. Die BASF-Tochter Wintershall erhielt 25 Prozent minus eine Aktie bei der Betreibergesellschaft des Gasfeldes Juschno-Russkoje, “Severneftegazprom“. Durch eine Vorzugsaktie ohne Stimmrecht ist BASF insgesamt zu 35 Prozent an dem neuen sibirischen Gasfeld beteiligt. Im Gegenzug vergrößerte Gasprom seinen Anteil an der deutsch-russischen Erdgashandelsgesellschaft Wingas auf 50 Prozent minus einen Anteil. Außerdem erhielt Gazprom eine 49-Prozent-Beteiligung an zwei Erdölgebieten in Libyen. Gemeinsame Produktion und Vermarktung bedeute „mehr Versorgungssicherheit für Deutschland und ganz Europa“, erklärte der stellvertretende BASF-Vorstandsvorsitzende Eggert Voscherau.

"Weichen für die Zukunft“

In Russland – so Steinmeier - würden jetzt zwischen den Wahlen „Weichen für die Zukunft gestellt“, nicht nur „persönlich für Herrn Medwedjew“, sondern auch politisch für die weitere Entwicklung Russlands. Deutschland werde sich „verantwortungsvoll“ zeigen und „ein kritischer aber auch konstruktiver Partner“ sein. Im Anschluss an die Gasfeld-Eröffnung traf sich Steinmeier zu Gesprächen mit Medwedjew und Putin. Dabei ging es auch um die in Deutschland kritisierten Duma-Wahlen. In der Residenz des deutschen Botschafters empfing Steinmeier außerdem Vertreter von Menschenrechtsorganisationen.

Copyright by Ulrich Heyden Moskau 2007, Veröffentlichung nur nach Rücksprache

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