23. February 2026

Mariupol – „russifiziert“ oder „nach Russland zurückgekehrt“? (Overton-Magazin)

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22. Februar 2026  99 Kommentare

Wiederhergestelltes Wohnhaus in Mariupo. Bild Ulrich Heyden

Wiederhergestelltes Wohnhaus in Mariupol. Bild: Ulrich Heyden

Am 24. Februar 2022 stieß die russische Armee in Richtung der ukrainischen Hafenstadt Mariupol vor. Einen Monat später kontrollierten die russischen Streitkräfte nach schweren Kämpfen die Stadt. Die rechtsradikale Militäreinheit Asow, die sich im Asow-Stahlwerk verbarrikadiert hatte, musste Mitte Mai 2022 aufgeben. Die deutschen Medien berichteten in den letzten Jahren nur noch sehr wenig über Mariupol. Es wurde behauptet, Russland versuche Mariupol mit Wiederaufbaumaßnahmen „zu russifizieren“. Im Januar 2026 fuhr ich selbst nach Mariupol. Denn nur wer beide Seiten eines Konflikts beleuchtet, bekommt ein realistisches Bild. Die Reise wurde von der Gesellschaftskammer der russischen Stadt Iwanowo organisiert. Als ausländischer Journalist ohne offizielle Begleitung im Donbass zu reisen, ist in Kriegszeiten nicht möglich.

Die humanitäre Lage in Mariupol 2022

Am 4. März 2022 waren 400.000 Menschen in Mariupol eingeschlossen. Die rechtsradikale Militär-Einheit Asow hatte sich in mehrstöckigen Wohnhäusern, der Universität und einem Kulturhaus verschanzt. Sie vereitelte alle Versuche von Zivilisten, die Stadt zu verlassen. Das Leben in der Stadt wurde zur Hölle. Die Geschäfte hatten geschlossen. Erst am 16. März konnten die ersten 31.000 Menschen die weitgehend zerstörte Stadt verlassen. Am 7. April gab der Bürgermeister von Mariupol, Konstantin Iwastschenko, bekannt, dass bei den Kämpfen 5000 Zivilisten starben (Bloknot Donezk).

Der Wiederaufbau der Stadt begann unmittelbar nach dem Ende der Kämpfe. Hunderttausende Bauarbeiter aus Russland waren im Einsatz. 80 Prozent der Gebäude waren zerstört oder beschädigt. Im Januar 2026 sah ich in Mariupol fast keine Ruinen mehr. Das Theater der Stadt war wiedereröffnet und strahlte in neuem Glanz. Doch der Krieg war noch spürbar.

Ausfall der Elektrizität durch Drohnenbeschuss

An einem kalten, nebligen Tag traf unsere kleine Reisegruppe – mit mir reisten noch zwei Journalisten aus Weißrussland – im Norden von Mariupol, nicht weit von dem Stahlwerk Iljitsch, Jana Miroschnitschenko. Die agile Mitvierzigerin ist Leiterin der Abteilung für Großbauten in der Stadt. Sie wollte uns das vom Krieg schwer zerstörte Haus der Kultur des Stahlwerkes Iljitsch zeigen.

Doch die Besichtigung verzögerte sich. Frau Miroschnitschenko hatte noch ein dringendes Telefongespräch. Mit besorgtem Gesicht erzählte sie, was los war. In der Nacht auf den 17. Januar sei durch ukrainischen Drohnenbeschuss ein Teil der Elektrizitätsversorgung von Mariupol ausgefallen. Die Situation sei „traurig“. „Es wurden Anlagen der Energieversorgung getroffen. Jetzt ergreifen wir bestimmte Maßnahmen zur Wiederinstandsetzung. Menschen sind zum Glück nicht gestorben.“

Drei Tage später wurde auf einer Krisensitzung beim Oberhaupt der Volksrepublik Donezk, Denis Puschilin, bekannt gegeben, dass es wegen ukrainischem Beschuss Stromausfälle in der gesamten Volksrepublik Donezk gab und eine Million Menschen – also ein Drittel der Einwohner der Volksrepublik (Zahl der Einwohner der Volksrepublik Donezk am 31.12.25: 2, 9 Millionen) betroffen waren. Wegen Stromausfällen mussten zahlreiche kleine regionale Wärmekraftwerke abgestellt werden. Gegen Abend des 20. Januar konnte die Zahl der Betroffenen nach Angaben aus Donezk durch Reparaturarbeiten um 30 Prozent gesenkt werden.

Kulturhaus als Standort des Asow-Bataillons

Nach dem man uns über den Stromausfall informiert hatte, konnte es nun losgehen mit der Besichtigung des Hauses der Kultur. Mit bewegter Stimme erzählt unsere Begleiterin: „Im Haus der Kultur traten berühmte Künstler auf, wie die Sänger Michail Schufutinski, Larissa Dolina und Grigori Leps. In dem Haus gab es eine Vielzahl von Tanz-Veranstaltungen, Kurse für Kinder, Kurse für Musik, Gesang und Malerei.“

Das 1982 gebaute, zweistöckige Haus der Kultur ist ein imposantes Gebäude. Es liegt auf einer Anhöhe, von der man einen Blick auf die ganze Stadt hat. Das Gebäude hat mit hundert Metern Länge und 30 Metern Breite gigantische Ausmaße. Nach den Kämpfen 2022 war von dem Haus der Kultur nur noch ein Betongerippe übrig. Das Gebäude diente dem rechtsradikalen Asow-Bataillon, welches die Stadt Mariupol von 2014 bis 2022 kontrollierte, als militärische Stellung.

In dem Haus der Kultur sah es wüst aus. Überall lagen Trümmerstücke. An einer Innenwand prangte ein Hakenkreuz. In den Gängen hörte man den Lärm von Presslufthämmern. Das Gebäude werde jetzt von Bauarbeitern aus Russland wieder aufgebaut, erzählte unsere Begleiterin. Man hoffe auf die Fertigstellung noch in diesem Jahr.

Eine Schule und zwei Hymnen

Nach dem Kulturhaus besuchten wir ein paar Straßen weiter die Schule Nr. 4. Im September 2022 wurde diese Schule als eine der ersten nach dem Krieg wieder eröffnet, erzählte unsere Begleiterin. Die Schule sei für 500 Schüler konzipiert. Seit 2022 werden in der Schule aber 900 Schüler in zwei Schichten unterrichtet. Vom Mai bis Oktober 2023 – also in der Ferienzeit – wurde die Schule komplett modernisiert und umgebaut. Der Essraum wurde aus dem Keller in eine obere Etage verlegt. Die Modernisierungsarbeiten wurden unter Leitung des Umland-Bezirkes von Moskau durchgeführt.

Als wir die Schule betraten, sah ich am Eingang eine Gendenktafel an den russischen General Wladimir Frolow. Er war am 10. März 2022 bei den Kämpfen um das Stahlwerk Iljitsch getötet worden. Kinder sahen wir nicht, denn es war ein Sonnabend.

In der ersten Etage hing an einem Fahnenstock eine große, russische Flagge. An der Wand hinter der Flagge waren in großer Schrift die Texte von zwei Hymnen zu lesen, der russischen und der Hymne der Volksrepublik Donezk. Die Donezk-Hymne beginnt mit den Worten: „Großer Donbass – die Würde und Ehre des Volkes. Reiche Bodenschätze, Wald und Felder. Unser werktätiges Gebiet, unser Leben und Freiheit. Für immer schützen wir mit Gott diese Erde.“

In den sehr gut renovierten Schulklassen fielen mir Verbotsschilder für Handys auf. Die Telefone müssen zu Beginn des Unterrichts in einem speziellen Regal abgelegt werden, erklärte unsere Begleiterin. Auch der neu gestaltete Konzert- und der Sportsaal beeindruckten durch reichhaltige Ausstattung und frische Farben.

Newski-Komplex mit 4000 Wohnungen

Wir fuhren weiter zu einem neuen Wohnkomplex mit dem Namen Newski. Er liegt nordwestlich des Stadtzentrums. Der Wohnkomplex wurde 2022 von einem militärischen Unternehmen aus Moskau gebaut. Er umfasst 18 viergeschossige Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 4000 Wohnungen. Unsere Begleiterin erklärte, es seien „ausschließlich Wohnungen für Menschen, die wegen der militärischen Handlungen keine Wohnung mehr haben.“ Zu dem Projekt gehöre auch ein Kindergarten, eine Schule und ein multifunktionales Gesundheitszentrum.

Die ersten Schlüssel für die neuen Wohnungen seien bereits im November 2022 an Bewohner übergeben worden. Die Wohnungen wurden von dem Bauherrn mit einem elektrischen Herd und einem fertig eingerichteten Badezimmer ausgestattet. Die neuen Bewohner zahlen nichts weiter als die monatlichen Betriebskosten. Für eine Zwei-Zimmer-Wohnung sind das umgerechnet 21 Euro, sagte unsere Begleiterin Jana Miroschnitschenko.

Ich fragte, wie es möglich war, in nur vier Jahren fast die ganze Stadt wiederaufzubauen. „Dank unseres Präsidenten, der einen Ukas für den Wiederaufbau unterschrieben hat, das ‚Spezielle Infrastrukturprojekt‘. Es ist das größte Bauprojekt in Russland.  Das Ziel war, die Mehrfamilienhäuser wiederherzustellen, damit der Großteil der Menschen wieder in ihre Wohnungen zurückkehren kann.“

Unsere Begleiterin erklärte auf meine Nachfrage, das noch 4000 Menschen keine neue Wohnung haben. „2026 sollen auch sie eine Wohnung bekommen.“ Es seien insgesamt 71 neue Häuser gebaut worden. Das seien vor allem Häuser mit sieben Geschossen. Außerdem seien 50 Schulen und 40 Kindergärten wieder hergestellt worden. Außerdem wiederhergestellt wurden Kultureinrichtungen, Krankenhäuser und Parks. „Viele Menschen kehren jetzt in die Stadt zurück. Es entstehen neue Geschäfte und Restaurants. Das Leben bei uns geht weiter.“

Von 2022 bis 2023 seien in der Stadt 500.000 Bauarbeiter mit den Wiederinstandsetzungsarbeiten beschäftigt gewesen. „Danach hat sich die Zahl verringert, weil schon viele Arbeiten erledigt wurden.“ Der Moskauer Umland-Bezirk habe beim Wiederaufbau in Mariupol sehr geholfen.

Auf meine Frage, wo denn die Bauarbeiter lebten, sagte unsere Begleiterin, die Arbeiter hätten direkt am Arbeitsplatz in Wohncontainern mit minimalem Komfort gelebt. Andere Wohnmöglichkeiten habe es nicht gegeben. „Manche wohnten außerhalb der Stadt, manche mieteten sich eine Wohnung.“

Wir fragten Jana Miroschnischenko, wie sie die schwierige Zeit in Mariupol erlebt hat. „Wir haben es überlebt, mit meinem Mann, meinem Kind, meiner Mutter und meiner Schwester lebten wir in einer Wohnung. Am 17. März fuhren wir nach Berdjansk. Am 20. April kehrten wir nach Mariupol zurück. Im Mai habe ich eine neue Arbeit bekommen.“

Warum sie die Stadt während der Kämpfe nicht verlassen habe? „Wir durften die Stadt nicht verlassen. Man leistete keine Unterstützung zur Evakuierung. Man schrieb uns ab wie Katzen. Die Asow-Leute haben die Stadt so verteidigt. Während der Kriegshandlungen waren sehr viele Kinder in der Stadt. Sehr viele Kinder starben. Mir tut das weh. Es ist schrecklich, sich daran zu erinnern. Jetzt bin ich sehr froh, weil ich am Wiederaufbau der Stadt teilgenommen habe. Das war ein mächtiger Prozess. Ich arbeitete nie im Bausektor. Ich arbeitete 18 Jahre in der Direktion des Stahlwerks Iljitsch und war für die Arbeitssicherheit zuständig. Ich bereue nichts. Es ist sehr interessant, wenn deine Stadt neu geboren wird und du selbst daran teilnimmst.“

Ehemaliger Stahlwerker Boris Kochlu vor Theater von Mariupol. Bild: Ukrich Heyden

Das zerstörte Theater wurde wieder eröffnet

An einem anderen Tag in Mariupol besichtigten wir das wieder aufgebaute Theater von Mariupol. Es liegt in der Stadtmitte, umgeben von einem großen Platz, einem wiederhergestellten Park und schönen restaurierten Gebäuden.

Das 1960 im neoklassischen Stil gebaut Theater wurde am 16. März 2022 komplett zerstört. Westliche Medien behaupteten, ein russisches Flugzeug habe eine Bombe auf das Theater abgeworfen. 300 friedliche Bürger, die in dem Gebäude Schutz gesucht hätten, seien getötet worden. Belege für diese Behauptung wurden bis heute nicht vorgelegt.

Der Staatsanwalt der Volksrepublik Donezk, Aleksej Kuzurubenko, erklärte im Juli 2022, in dem Theater sei es zu der Explosion gekommen. In dem Gebäude sei nach russische Experten Sprengstoff gelagert worden, der explodiert sei. Einige Tage vor der Explosion hätten unbekannte, bewaffnete Personen Kisten mit Sprengstoff in das Gebäude getragen. Bei der Beseitigung der Trümmer seien 14 Tote gefunden worden.

Am 25. Dezember 2025 wurde das Theater wiedereröffnet. Zur Eröffnung wurde das Stück „Scharlachrote Blume“, ein populäres Schauspiel für Kinder, aufgeführt. Außer den Schauspielern, die schon vor 2022 in der Truppe des Hauses gespielt hatten, waren viele neue hinzugekommen. In den drei Jahren in denen das Theater wieder errichtet wurde, erarbeitete die Truppe ein neues Repertoire mit Stücken der russischen und sowjetischen Klassik, Tschechow, Puschkin, Ostrowski und Gogol. Auf dem Spielplan stehen zurzeit zwei Stücke: Eine Komödie in der es um Kriminalität geht, und ein zeitgenössisches Stück nach Motiven von Bertolt Brecht.

Drei Frauen

Es war ein friedlicher Nachmittag, als wir das Theater besuchten. Der Straßenverkehr war mäßig. Es hätte ein Tag wie in jeder mittelgroßen europäischen Stadt sein können. Die goldenen Kuppeln einer Kirche spiegelten das Sonnenlicht wieder. Rund um das Theater standen wunderbar restaurierte alte Gebäude. Vor dem Theater stand ein großer Weihnachtsbaum. Passanten spazierten über den Platz. Ich kam mit drei Frauen ins Gespräch, einer Mutter mit ihrer siebenjährigen Tochter und der Großmutter. Man sei ins Stadtzentrum gefahren, um sich den Weihnachtsbaum anzugucken. Die Familien wohnt am Stadtrand im Dorf Mirnyj.

Jelena, die Mutter sagte: „Natürlich wird die Stadt wieder aufgebaut. Aber es wäre zu wünschen, dass die Randgebiete besser aufgebaut werden. Doch wir sind zuversichtlich. Alles wird kommen.“ Am Stadtrand gäbe es Wasser und Strom „aber nur einen Autobus. Zur Schule und zum Kindergarten ist es weit.“ Während des Krieges fuhr die Familie nicht weg, obwohl das Haus der Familie beschädigt wurde. „Wir lebten im Keller.“ Der Ehemann sei während des Krieges gestorben. Jelena erklärte, „wegen der Nerven. Das Haus wurde zerstört und man nahm ihm sein Auto weg.“

Ein Rückkehrer aus den USA

Vor dem Theater kam ich noch mit einem weiteren Passanten ins Gespräch. Es war der Rentner Boris Kochlu. Der Mann sagte: „Mariupol belebt sich wieder im Vergleich zu der Zeit, als es hier militärische Handlungen gab und die Menschen die Stadt verließen. Auch ich bin zurückgekehrt.“ Zwischenzeitlich habe er in Seattle bei seinen Kindern gelebt.

Wie der Rückkehrer aus den USA erzählte, lebe er mit seiner Frau nicht weit vom Theater in der Warganowa-Straße. Früher arbeitete er im Stahlwerk Iljitsch. Dort entlud er mit Kalk beladene Waggons und Laster. Kalk wird bei der Stahlherstellung gegen Verunreinigungen eingesetzt. Seine Frau habe 30 Jahre lang eine Straßenbahn gelenkt.

„Werden Sie in dieses Theater gehen?“, fragte ich den Mann. Herr Kochlu bejaht die Frage und erklärte, er sei praktisch Augenzeuge der Zerstörung des Theaters gewesen. „Wir hörten eine Explosion. Ich kam hierher und sah, dass das Theater in sich zusammengefallen war. Wenn ein Geschoss von außen gekommen wäre, dann wären die Teile des Theater nach außen geschleudert worden.“ (Video vom zerstörten Theater) Die Täter waren nach Meinung des Rentners „Asow-Leute“. „Vor der Explosion haben die in dem Theater zwei Tage lang etwas gemacht. Ich habe es gesehen. Denn vor dem Theater stand ein Wasser-Tank. Dort haben wir unser Wasser geholt.“

In Mariupol könne man jetzt „normal leben“, sagte der Rentner. Er habe nicht erwartet, dass schon ein so großer Teil der Stadt wieder aufgebaut wurde. „Ich bin froh, dass ich zurückgekehrt bin.“

Die medizinische Versorgung in der Stadt sei gut. Wegen Problemen mit der Bauchspeicheldrüse sei er im Krankenhaus gewesen. „Der Arzt hat mir aufgrund der Krankenversicherung Medikamente verschrieben. Morgen werde ich wieder ins Krankenhaus gehen. Ich werde wieder Blut und Harn untersuchen lassen.“ Das Krankenhaus sei sofort nach den Kampfhandlungen wieder aufgebaut worden. „Die Russen haben im Juli 2022 zuerst die Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser und das dramatische Theater wieder aufgebaut.“

Auch mit seiner Rente sei er zufrieden. Er bekomme umgerechnet 250 Euro, seine Frau 320 Euro. „In den USA hatten wir für 3500 Dollar ein Haus gemietet. Dazu kamen noch 350 Dollar Nebenkosten. Das heißt, ein Gehalt ging für das Haus drauf. Hier zahle er für die Nebenkosten umgerechnet 21 Euro. „Das ist nichts. Die Inflation spüre ich nicht.“

veröffentlicht in: Overton-Magazin

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