1. November 2007

Im Bett mit dem Diktator

Stalins wilde Jugendjahre

Stalin war ein Produkt seiner rauen Jugend. Diese These ist nicht neu. Der britische Historiker Simon Sebag Montefiore (Jahrgang 1965) versucht die These nun in seinem Buch "Young Stalin" anhand neuer Archivfunde und der Befragung von Zeitzeugen zu untermauern.

Um dem späteren Diktator auf die Schliche zu kommen, hilft sich Montefiore mit Populär-Psychologie. Er zeichnet das Bild eines auf die schiefe Bahn geratenen georgischen Jugendlichen, hart geworden durch den häufig besoffenen und schlagenden Vater, gestählt im Faustkampf auf den Straßen seiner Heimatstadt Gori.

Von den Jugendbanden in seiner Geburtsstadt Gori führt nach Meinung des Autors ein gerader Weg zum Gangster Stalin, der mit Banküberfällen die Parteikasse der Bolschewisten füllte. Montefiore schildert den Überfall auf eine Postkutsche am 13. Juni 1907 wie einen Western. Stalins "Kampfgruppe" erbeutete umgerechnet drei Millionen Euro. Laut Geheimdienst-Archiv wurden bei dem brutalen Überfall 40 Menschen getötet.

Montefiore hat ein unterhaltsames Buch geschrieben. Der Autor zitiert aus privater Post und Geheimprotokollen. Aus Archiv-Fundstücken übernimmt er unbekümmert Dialoge und vermittelt so den Eindruck, als habe er auf der Bettkante gesessen, als der Revolutionär mal wieder eine "Teenagerin" flachlegte.

Aus der Not, dass es nur noch wenige überlebende Zeitzeugen der Stalin-Zeit gibt, machte Montefiore eine Tugend: "Archivquellen sind verlässlicher als mündliche Überlieferungen", erklärt er. Die wenigen Zeitzeugen, die Montefiore interviewte, fand der Autor vor allem in Georgien.

Stalin erscheint in einem neuen Licht. Er war nicht nur Monster. In seiner Jugend schrieb er Gedichte. Der georgische Prinz Ilja Chavchavadse wählte fünf Gedichte aus und veröffentlichte sie in der bekannten Literatur-Zeitschrift Iveria.

Auf Frauen wirkte Stalin anziehend. Er sang gut, war ein guter Schüler und kannte sich aus in klassischer Literatur. Vor Künstlern hatte er bis zu seinem Tod einen gewissen Respekt. Partei-Arbeiter und ihre Frauen ließ er später gnadenlos liquidieren, Künstler wie Boris Pasternak und Dmitri Schoschtakowitsch verschonte er.

Viel Raum widmet der Autor den Frauengeschichten des späteren Diktators. "Stalin wurde von energischen Frauen angezogen, gab letzten Endes jedoch gehorsamen Hausfrauen und Teenagern den Vorzug", so Montefiores Befund. Außer den beiden Ehefrauen hatte Stalin viele Geliebte. Mit einer Frau zu schlafen, war für ihn "kein moralisches Problem, sondern höchstens ein Sicherheitsrisiko".

Das Privatleben des Revolutionärs war voller Tragik. Seine erste Frau Kato starb in Baku an Fleckfieber. Stalin hatte kaum Zeit für sie. Der gemeinsame Sohn Jakow wuchs bei Verwandten in Georgien auf. Als Jakow 1921 zu seinem Vater nach Moskau übersiedelt, kommt es zur Tragödie. Jakow machte einen Selbstmordversuch. Stalin höhnte: "Er kann noch nicht einmal geradeaus schießen". Im November 1932 begeht Stalins zweite Frau, die 23 Jahre jüngere Nadja, Selbstmord.

Während seiner letzten Verbannung an den Polarkreis verliebt sich der 34-Jährige Untergrundkämpfer in Lidija, die 13jährige Tochter seiner Wirtin. Das junge Mädchen wurde schwanger. Unter dem Druck der Brüder versprach Stalin, Lidija zu heiraten, machte sich dann jedoch aus dem Staub.

In der Verbannung zeugte Stalin mindestens zwei uneheliche Söhne. Sohn Konstantin machte Karriere im ZK-Apparat, Sohn Aleksandr wurde Leiter einer Kantine in Nowokusnezk. Beide verpflichteten sich gegenüber dem Geheimdienst, nicht über ihre Herkunft zu reden.

Simon Sebag Montefiore: Der junge Stalin – Das frühe Leben des Diktators 1878-1917. S.Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2007. 544 Seiten, 24,90 Euro

"Märkische Allgemeine"

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