11. August 2006

Russland wartet auf Madonna

von Ulrich Heyden

Die ungekürte Mutter des Pops besucht im September Moskau. Gerade beginnt der Kartenverkauf. Es war ein bisschen wie in Sowjetzeiten ? warten, warten, warten; Geduld und Gleichmut: Neben dem "Detski Mir", dem alterwürdigen Moskauer Kaufhaus für Kinderspielzeug hat in dieser Woche der Kartenverkauf für das Moskauer Madonna-Konzert begonnen, zu dem sich die Pop-Queen im September in der russischen Hauptstadt die Ehre geben wird.

Mit lauter Stimme liest an diesem frühen Sommermorgen eine junge Frau Namen vor. Mehr als 150 Ticket-Anwärter haben sich bereits in ihr dickes Heft eingetragen, 500 Madonna-Verehrer stehen jetzt Schlange. Einige bereits seit 24 Stunden. Sie haben in Autos übernachtet oder auf Plastikmatten auf dem nackten Asphalt. Eine Freundin sei zum Schlafen weggegangen, berichtet eine Frau. "Doch dann ist sie wiedergekommen. Ihre Nerven haben es nicht ausgehalten."

Die billigsten Karten der Tour

Plötzlich drängt sich ein dicklicher, junger Mann in kariertem Hemd durch die Menge. Den Fernsehkameras präsentiert er sich als "Boris". Stolz hält er sechs druckfrische Karten in die Luft. Die Menge begrüßt Boris mit stehenden Ovationen. Mehr als sechs Karten werden an Einzelpersonen - wegen der "Spekulanten" - nicht ausgegeben. "Ich warte schon seit 15 Jahren auf Madonna", erklärt Boris, der pro Karte auf der Rasenfläche 1 500 Rubel (45 Euro) bezahlt hat. Auf der Tribüne kosten die Karten bis zu 730 Euro. Insgesamt will der Veranstalter 40 000 Tickets verkaufen. Ein gewisser Teil soll jedoch auf Wunsch der Sängerin als Freikarten an Behinderte ausgegeben werden.

Madonna ist ein guter Gast.

Die Karten in Russland - der letzten Station von Madonnas "Confessions"-Tour - sind, so der Moskauer Veranstalter, die billigsten auf der ganzen Europa-Tournee. Der Organisationsaufwand ist dennoch gewaltig. Geschäft für Zwischenhändler Damit es mit der Qualität der Show auch wirklich klappt, wird die gesamte Ausrüstung auf 57 Lkws nach Moskau geschafft. Vor der Moskauer Staatsuniversität auf den Sperlingsbergen (früher hießen sie Lenin-Berge) wird eine riesige Bühne aufgebaut. Nach Moskauer Medienberichten wollte die russisch-orthodoxe Kirche kein Konzert im Stadtzentrum. Kein Konzert also dort, wo die vielen Kirchen stehen. Doch auch die Sperlingsberge - von hier hat man einen Blick über die ganze Stadt - haben viel Prestige. Hierher kommen nach dem Standesamt die Frischvermählten. Ob dieser Platz nun neu geweiht oder entweiht wird, darüber wird man in Moskau streiten.

Offiziell werden die Madonna-Karten nur an zwei Kassen in der Stadt verkauft. Die für den Ticket-Verkauf zuständige Firma warnt vor Fälschungen und "Spekulanten". Die offiziellen Karten wurden mit Mikro-Stempel, Strichcode, Wasser- und ultraviolettem Zeichen besonders geschützt. Doch Experten gehen davon aus, dass ein großer Teil der offiziellen Billets von Zwischenhändlern aufgekauft und weiterverkauft wird. Eine junge Frau mit kurzen Haaren, die ihren Namen nicht sagen will, meint, "die Hälfte unserer Boheme und die ganze "goldene Jugend" hat den Großteil der Karten bereits über Zwischenhändler gekauft, für uns wird da wohl nicht mehr als der kleinste Teil bleiben."

Kirche mit Vorbehalten

Eines gilt jedoch auch in Moskau: Konzerte von westlichen Pop-Größen sind längst keine Seltenheit mehr. Inzwischen waren sie fast alle da: Sting, die Rolling Stones, Paul McCartney und all die anderen. Auf der Liste fehlten nur noch U2 und Radiohead, meinte jüngst die Zeitung "Wremja Nowostej". Doch nicht alle sehnen die Ankunft von Madonna herbei. Wsewolod Chaplin, der Sprecher der russisch-orthodoxen Kirche, meint, "Louise Ciccone", so ein Teil ihres bürgerlichen Namens, sei eine "Verwirrte", sie brauche "geistigen Rat". Insbesondere erregt den Kirchensprecher - wie vorher schon den Vatikan - der Gebrauch religiöser Symbole. "Die Imitation der Selbstkreuzigung in ihrer letzten Show ist Reklame, welche noch nicht einmal dadurch gerechtfertigt wird, dass diese Dame damit versucht, übertriebenes Mitleid mit den Aids-Kranken zu propagieren."

Hintergrund des Ärgers ist eine Szene, in der Madonna bei dem Song "Live To Tell", der auch in Moskau zu hören sein soll, mit einer Dornenkrone auf einem verspiegelten Kreuz vom Himmel zur Erde schwebt. Eine Anspielung auf die Aids-Situation in Afrika.

Diskussionen rund um ihr Auftreten sind jedoch nichts Neues. Sorgte doch Madonna auch früher immer wieder für Staunen oder Missfallen. Für Nachfragen in Moskau sorgte jetzt der Termin: Dass das Konzert in der russischen Hauptstadt gerade auf den 11. September, dem Tag der Anschläge vom World Trade Center, falle, könne eigentlich kein Zufall sein, behaupteten manche. Ein Sprecher des Konzertmanagements Live Nation erklärte allerdings gegenüber der Zeitung "Nowyje Iswestija", das Datum habe allein technische Gründe. "Jeder ungenutzte Termin bedeutet Verlust." Und den will keiner. Sowjetzeit hin, Sowjetzeit her.

"Sächsische Zeitung"

Teilen in sozialen Netzwerken
Im Brennpunkt
Bücher
Foto