19. August 2010

Russlands Waldbrände Das angekündigte Inferno

Dass der Kreml die Verantwortung für die Wälder privaten InvestorInnen übertrug, ist einer der Hauptgründe für das Ausmass der gegenwärtigen Brände. Die Dürreperiode hat auch nicht geholfen.

Für die Brandkatastrophe der vergangenen Wochen in Russland gibt es mehrere Ursachen: die durch den Klimawandel ausgelöste Dürreperiode im Juli mit Rekordtemperaturen um die vierzig Grad. Die Unachtsamkeit vieler RussInnen gegenüber der Natur. Achtlos weggeworfene Zigarettenkippen und Schaschlik-Feuer im Wald waren Auslöser vieler Brände.

Zusätzlich verschärft wurde die Situation durch eine falsche Regierungspolitik. Seit den neunziger Jahren hatte man die Forstaufsicht und den Feuerschutz wegen Geldmangel immer mehr reduziert.

Mit dem sogenannten Wald-Kodex, mit dem die Waldwirtschaft liberalisiert werden sollte, erreichte diese Entwicklung 2006 einen Höhepunkt. Privaten InvestorInnen wurde die Hauptverantwortung für die Bewirtschaftung und die Aufsicht der Wälder übertragen. Nun standen nicht mehr Pflege des Waldbestands und Feuerverhütung im Vordergrund sondern kurzfristige Profitinteressen. Durch den Wald-Kodex wurde das ehemals zentralisierte Sys­tem der staatlichen Waldaufsicht und Brandverhütung zudem den kommunalen Verwaltungen übertragen, allerdings nicht ausreichend finanziert. Die Zahl der Forstbeamtinnen und Waldarbeiter wurde von 170 000 auf 12 000 Personen reduziert, die staatliche Organisation für die Feuerüberwachung per Flugzeug wurde abgeschafft.

Schwelender Torf

Die mangelnde Aufsicht über die Wälder hatte katastrophale Folgen. Wenn irgendwo ein Blitz einschlug oder eine Zigarette einen Brand auslöste, bemerkte das russische Katastrophenministerium das erst, wenn die Satellitenbilder der US-Raumfahrtbehörde Nasa vorlagen. Russland hat zwar selbst zwei Satelliten, die den Wald beobachten, doch deren Bilder sind nicht scharf genug.

Aber nicht nur das Entdecken der Brände wurde immer schwieriger, sondern auch die Brandbekämpfung selbst. Besonders aufwendig zu löschen sind die tückischen Brände in Torfgebieten. Denn Torf glimmt auch unterirdisch bis in grosse Tiefen. Nach Meinung von ExpertInnen des russischen Katastrophenministeriums können Torfbrände zudem durch Selbstentzündung entstehen. Diese Gefahr werde verstärkt, wenn die Feuchtigkeit des Torfs unter 40 Prozent liege, sagt Jewgeni Sekirin, der Leiter des Katastrophenschutzministeriums im Moskauer Gebiet. Zurzeit betrage der Feuchtigkeitsgehalt in den alten Torfabbaugebieten östlich von Moskau zwischen 28 und 30 Prozent. Nach Meinung von Sekirin sind 10 Prozent der Torfbrände durch Selbstentzündung entstanden.

Das Löschen von Torfbränden ist aufwendig. Dazu werden senkrecht Rohre mit kleinen Öffnungen in die Erde eingelassen. Durch die Rohre wird dem schwelenden Torf dann Wasser zugeführt. Wichtigste Vorsorgemassnahmen sind nach Meinung von ExpertInnen breite, kahle Schutzstreifen mit Wassergräben. Doch um eine solche Prävention hat sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Wirtschaftschaos unter Boris Jelzin niemand mehr gekümmert. Premier Wladimir Putins neoliberale Sparpolitik der letzten zehn Jahre tat dann ihr Übriges.

So trockneten in den letzten zwanzig Jahren die Torfgebiete rund um Moskau, wo seit den dreissiger Jahren Torf für Elektrizitätswerke gestochen wurde, völlig aus. Zu Sowjetzeiten unterhielten die staatlichen Unternehmen, die Torf abbauten, ein Kanalsystem durch die Moore. Es diente nicht nur zur Trockenlegung und dem späteren Torfabbau, sondern auch dazu, die ausgebeuteten Abbaugebiete wieder zu fluten, um der Austrocknung vorzubeugen. Schon 2002 und 2007 kam es in den Torfgebieten zu Schwelbränden mit starkem Rauch, der auch nach Moskau zog.

Falsch gespart

Um die Torfbrände zu stoppen, haben die BrandbekämpferInnen bei Moskau jetzt begonnen, die alten Kanäle wieder zu fluten. Mit einer zwanzig Kilometer langen Rohrleitung wurde Wasser aus dem Fluss Oka zu den ausgetrockneten Kanälen transportiert. Ohne Aufsicht über die alten Kanäle und Schleusen werde dieses Wasser aber wieder versickern, meinte Michail Kreindel von Greenpeace Russland gegenüber der WOZ. Der alte Plan von Boris Gromow, Gouverneur des Moskauer Gebiets, die Torfabbaugebiete konstant unter Wasser zu halten, wurde aus Kostengründen immer wieder verschoben. Die Massnahme würde etwa eine Milliarde US-Dollar kosten – ein vergleichsweise kleiner Betrag, wenn man bedenkt, dass die Brandkatastrophe in Russland nach Angaben der Zeitung «Kommersant» wirtschaftliche Schäden in Höhe von fünfzehn Milliarden US-Dollar verursacht hat. «Gäbe es in Russland einen effektiven staatlichen Waldschutz, hätte sich der Schaden der Waldbrände auf einen Fünftel oder Zehntel beschränken lassen», heisst es in einer Erklärung von Greenpeace Russland.

Der Wald-Kodex, der jetzt bei Umweltschützerinnen und Kremlkritikern aus dem liberalen und linken Lager in der Kritik steht, war im Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung ausgebrütet und dann im Parlament mit den Stimmen von Putins Partei Einiges Russland angenommen worden. Die Kommunistische Partei und die linkspatriotische Partei Heimat hatten 2006 gegen das neue Gesetz gestimmt. Einwände von Umweltschutzorganisationen fanden im Kreml kein Gehör. Putin und seine neo­liberalen MinisterInnen waren von der Utopie berauscht, sie könnten Russland durch eine Liberalisierung der Waldwirtschaft zum grössten Holzexporteur der Welt machen. German Gref, der damalige Minister für wirtschaftliche Entwicklung, bezeichnete den Kodex 2005 als «Schlüsseldokument», mit dem es möglich werde, «das Wirtschaftswachstum erheblich zu steigern». Durch die Liberalisierung der Holzverarbeitung könne Russland eine der «führenden Holz-Mächte» werden.

In die Anti-Utopie getrieben

Doch selbst im Lager der liberalen Opposition ist man nun der Meinung, dass Putin und seine MinisterInnen mit dem Wald-Kodex zu weit gegangen sind. Die Kremlkritische Zeitung «Novaya Gazeta», die sich dem liberalen Lager zugehörig fühlt, schrieb in diesen Tagen, die Waldbrände von 2010 «haben der ganzen Welt anschaulich gezeigt, in welche Anti-Utopie das Land durch eine Wirtschaftsstrategie getrieben wird, die auf der Idee gründet, dass der Staat gegenüber seinen Bürgern keine Verpflichtungen hat». Das sind ungewohnte Töne. Jahrelang hatten die Liberalen die Staatsaufsicht einfach mit Beamtenwillkür und Korruption gleichgesetzt.

Russlands politische Elite reagierte auf die Feuerkatastrophe entweder zu spät oder zynisch. Menschen, deren Häuser abgebrannt waren, beklagten, dass ihnen nicht rechtzeitig geholfen wurde. Die BrandbekämpferInnen des Katastrophenministeriums bekamen erst Unterstützung von Armeeeinheiten, als die Wälder im europäischen Teil von Russland schon in Flammen standen. Einige BeamtInnen wie der Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow waren während der schlimmsten Brandtage im Urlaub. Nach seiner Rückkehr kritisierte der braun gebrannte Luschkow die Stadtverwaltung wegen ungenügender Arbeit. Doch nichts änderte sich. Es gab keine Klimaanlagen in den Krankenhäusern. Besonders alte Menschen kollabierten bei Hitze und Rauch.

Während der Brandbekämpfung wurde auch offensichtlich, dass die Ausrüstung der Feuerwehr und des Katastrophenschutzes veraltet oder nicht ausreichend war – auch das eine Folge neoliberaler Sparpolitik. Der Blogger top_lap aus der nordwestlich von Moskau gelegenen Region Twer beklagte sich, dass es in seinem Dorf weder eine Feuerglocke geschweige denn einen Löschteich oder ein Feuerwehrauto gäbe. Bei den Kommunisten sei das noch anders gewesen. Putin griff die Kritik des Bloggers medienwirksam auf. Der Premier versprach eine neue Feuerglocke zu beschaffen, redete sich dann aber damit heraus, dass die Brandgefahren heute viel grösser seien als unter den KommunistInnen.

Wertlose Versprechen

Gleich zu Beginn der Brandkatastrophe schlug Wlaimir Putin die Wut der Opfer direkt ins Gesicht. Als Putin sich am 30. Juli im Dorf Werchnjaja Wereja im Gebiet Nischni Nowgorod mit BürgerInnen traf, deren Häuser abgebrannt waren, wurde er von wütenden Frauen umringt. «Sie machen nichts. Sie brauchen nichts zu versprechen», schrie eine Frau. Eine andere Obdachlose rief: «Wir baten Sie um Hilfe. Warum haben Sie nichts getan?» Putin kam kaum zu Wort und wurde von seinen Leibwächtern schnell weitergeführt. Ein Video dieses «Bürgergesprächs» tauchte dann im kritischen Internet-Journal «Life­news.ru» auf.

Der Protest erinnert an die zugespitzte Situation 2005, als in Russland Zehntausende RentnerInnen gegen die Kürzungen von sozialen Vergünstigungen auf die Strasse gingen. Damals war Putins Popularität auf den historischen Tiefpunkt von 43 Prozent gefallen, denn sein grösstes Versprechen, die Wiederherstellung von sozialer Sicherheit, war nichts mehr wert. Doch diesen Rückschlag konnte Putin bald ausgleichen und kam wieder auf Werte von über sechzig Prozent. In weiten Teilen der Bevölkerung hält man Wladimir Putin und Dmitri Medwedew immer noch für die «guten Zaren», deren Anweisungen von der korrupten Beamtenschaft nicht ausgeführt werden. An dieser Sichtweise wird sich vermutlich auch durch die Brandkatastrophe nichts ändern.

Bisher kommt die öffentliche Kritik an der Politik des Kreml in der Waldwirtschaft und bei der Feuerbekämpfung vor allem von kremlkritischen Zeitungen und Internetforen. Dass Russland völlig unter der Knute des autoritären Staatslenkers Putin lebt, ist allerdings ein zu einfaches Bild. Viele junge RussInnen vernetzten sich in den letzten Wochen über das Internet. Mit Löschpumpen und Motorsägen zogen sie in die Wälder, um die offiziellen BrandbekämpferInnen zu unterstützen. Die nächsten Wochen werden zeigen, wie das offizielle Moskau auf die im Internet geführten Debatten der KremlkritikerInnen über Waldwirtschaft und Umweltschutz reagiert.

Brennt hier was?

Als die russische Waldschutzbehörde am 6. August meldete, dass es im Gebiet Brjansk, südlich von Moskau, «auf radioaktiv verseuchten Flächen 28 Brände» gegeben habe, wurde man im Kreml unruhig. In diesem Gebiet hatte die sowjetische Regierung 1986 eine radioaktive Wolke aus dem Gebiet Tschernobyl, die auf Moskau zusteuerte, künstlich abregnen lassen. Am Nachmittag des 13. August war die Webseite der Behörde dann ­abgeschaltet.

Die Abschaltung wurde vermutlich von Russlands Katastrophenminister Sergej Schojgu initiiert. Dieser hatte sich am Vormittag desselben Tages auf einer Arbeitssitzung seiner Behörde über Gerüchte von brennenden radio­aktiven Wäldern beschwert. Schojgu forderte vom Innenministerium, sich um die Webseite der Waldschutzbehörde «zu kümmern» und erklärte «offiziell, dass es auf dem Territorium des Gebietes Brjansk nicht einen einzigen Brand» gebe. Er liess jedoch offen, ob die Brände in den radioaktiv verseuchten Wäldern zu jenem Zeitpunkt möglicherweise schon gelöscht waren.

Aleksej Jaroschenko von Greenpeace Russland bestätigte, dass es am 9. August in den verseuchten Gebieten drei grosse Brände gab. «Das ist auf Satellitenaufnahmen gut zu sehen», sagte der Umweltschützer gegenüber der Zeitung «Kommersant». Kleine Feuer gäbe es dort zudem «regelmässig». Nach Minister Schojgus Erklärung teilte der russische Wetterdienst «Rosgidromet» dann noch mit, im ganzen Land seien keine erhöhten radioaktiven Werte gemessen worden. Von einer radioaktiven Gefahr wollten die Behörden nichts wissen.

 

veröffentlicht in: Die Wochenzeitung (Zürich)

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