31. März 2014

Russlands Wissenschaft - Retten oder abwickeln?

Aufbau von Elite-Unis, Anwerbung von ausländischen Wissenschaftlern, Konzentration auf die Forschung in Naturwissenschaften, Rüstung und Raumfahrt - Teil 1

Wird sich der Streit zwischen Russland und dem Westen auch auf Bereiche auswirken, die mit der Ukraine nichts zu tun haben? Ist die Zusammenarbeit deutscher und russischer Wissenschaftler, die sich in den letzten Jahren merklich vertieft hat, gefährdet? "Zum jetzigen Zeitpunkt sollen Projekte weder gestoppt noch finanziell gekürzt werden", sagt Jörn Achterberg, Leiter des Moskauer Büros der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), gegenüber Telepolis. "Die Wissenschaft hat sicherlich eine Funktion, die wie Kultur und Bildung auch in schwierigen politischen Zeiten vermitteln kann", so der DFG-Vertreter.

Ähnlich äußert sich auch der Sprecher der Helmholtz-Gemeinschaft, Jan-Martin Wiarda, gegenüber Telepolis. "Auf die Aktivitäten der Helmholtz-Gemeinschaft hat die aktuelle Krise derzeit keine Auswirkungen. Alle unsere Kooperationen mit Russland laufen weiter wie bisher." Wie geplant werde Anfang April in Potsdam ein deutsch-russischer Workshop zum Thema Nachhaltigkeit stattfinden.

Ist das nun Wunschdenken von Wissenschafts-Managern? Oder sind die Bande zwischen deutschen und russischen Wissenschaftlern tatsächlich schon so stark und die Projekte so erfolgversprechend, dass sie politische Krisen überdauern? Zurzeit lässt sich diese Frage noch nicht beantworten. Es steht einiges auf dem Spiel. Denn wenige Jahre nachdem Wladimir Putin Präsident wurde, und Russland in ein stabileres Fahrwasser steuerte, bekam die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland festere Strukturen. 2003 eröffnete die Deutsche Forschungsgemeinschaft ein Büro in Moskau [1]. Zwei Jahre später eröffnete auch die Helmholtz-Gemeinschaft eine Repräsentanz in der russischen Hauptstadt [2]. . Was sich im Bereich der wissenschaftlichen Zusammenarbeit tut, ist beachtlich. Die Helmholtz-Gemeinschaft hat in Russland seit 2006 zusammen mit deutschen Forschungszentren und der Russischen Stiftung für Grundlagenforschung (RFBR) 32 gemeinsame Projekte gefördert. Der Förderumfang beträgt ca. 150.000 Euro pro Jahr und Gruppe, bei einem Förderzeitraum von maximal drei Jahren.

Die russische Seite wirbt massiv um Wissenschaftler aus dem Westen. Beim russischen Projekt "Mega-Grant" bekamen in der bereits vierten Ausschreibung in diesem Jahr sechs deutsche Wissenschaftler [3] die Möglichkeit, vom russischen Staat mit jeweils zwei Millionen Euro geförderte Forschungsprojekte in Russland durchzuführen. Zu den deutschen Wissenschaftlern, die in diesem Jahr über einen Mega-Grant in St. Petersburger Instituten mit Forschungsprojekten beginnen, gehören der Physiker Manfred Bayer von der TU Dortmund und der Chemiker Detlef Bahnemann von der Leibniz-Uni Hannover.

Einer der westlichen Forscher, der schon in der Stadt an der Newa forscht, ist der US-Amerikaner, James Butler. Ihn erkennt man schon von weitem an seinem schlohweißen Haar. Seit Oktober 2013 baut der US-Amerikaner an der St. Petersburger Elektrotechnischen Universität [4] - abgekürzt "Leti" - ein Labor zur Erforschung von künstlichen Diamanten auf. Das russische Ministerium für Bildung und Wissenschaft [5] hat für dieses Forschungs-Projekt Sondermittel von 700.000 Euro bewilligt.

Butler ist einer der ausländischen Professoren, welche das russische Bildungsministerium in den letzten Jahren im Rahmen des "Mega-Grant"-Programms zur Modernisierung und Internationalisierung von Forschung und Lehre angeworben hat.

Die Leti-Uni liegt in einem Gewirr von Büro- und Industriegebäuden, nördlich vom St. Petersburger Stadtzentrum im Petrogradski Rayon. An der Uni, die den Namen von Revolutionsführer Lenin im Namen trägt, ist man mächtig stolz auf den Amerikaner. Denn Butler arbeitete bisher als Experte für Diamanten-Beschichtungsverfahren an dem Naval Research Laboratory [6], dem zentralen Forschungslabor der US-Marine.

Zu Sowjetzeiten war die Universität auf Rüstungsforschung spezialisiert. In den 1980er Jahren entstanden im Keller der Uni Clean-Räume und Labore zur Erforschung von künstlichen Diamanten, die in der Halbleitertechnik eingesetzt werden. In diesen Laboren wird Butler nun mit seiner Forschergruppe arbeiten.

Noch ist keine russische Uni unter den "Top 100" weltweit

Die ausreichende Finanzierung sei einer der Gründe gewesen, warum es ihn gereizt habe, nach Russland zu kommen, erklärt Butler gegenüber Telepolis. Außerdem habe er sich auf die Zusammenarbeit mit den "sehr talentierten und erfahrenen" russischen Wissenschaftlern und die motivierten Studenten gefreut.

Russland liege bei der Erforschung künstlicher Diamanten-Materialien weltweit nur im Durchschnitt, meinte der Amerikaner. Damit die "Leti"-Uni unter die ersten 100 Top-Unis der Welt kommt - wie es die russische Regierung anstrebt -, brauche man "etwa zehn Jahre" und "eine vernünftige Strategie".

Butler, der schon in vielen Ländern gearbeitet hat, erzählt, dass er sich in St. Petersburg als Ausländer sicher fühle. Er wohnt in einem Haus nicht weit von der "Leti", wo die Hochschule für ausländische Gäste eine ganze Etage angemietet hat. Das Verhältnis zu seinen russischen Kollegen beschreibt er als "ausgezeichnet". Und seine Kollegen in den USA? Die hätten ihn zu der Entscheidung, vier Monate im Jahr in Russland zu arbeiten, gratuliert. Was die Zusammenarbeit zwischen russischen Universitäten und dem Westen noch behindere, seien bürokratische Hürden, meint Butler.

"Ohne ausländische Wissenschaftler schaffen wir es nicht"

Die "Leti"-Uni muss sich jetzt anstrengen. Die Hochschule gehört zu den 15 russischen Unis, die in ein ehrgeiziges Förderprogramm der Regierung aufgenommen wurde. Das Förderprogramm mit dem Namen "5-100-2020" soll bewirken, dass es in sechs Jahren fünf russische Universitäten unter die 100 Top-Unis weltweit schaffen. Heute ist keine einzige russische Uni unter den "Top 100". Die bekannteste russische Hochschule, die Moskauer MGU, steht nur auf Platz 116.

Das Bildungsministerium hat die "Leti"-Uni zwar in den erlauchten Kreis der 15 förderungswürdigen Hochschulen aufgenommen und James Butler bekommt das Geld für seine Forschung. Doch weitere Fördergelder fließen erst, wenn sich die Leti-Uni - die mit ihren 7.000 Studenten als "kleine" Hochschule gilt - "freiwillig" mit einer anderen Uni vereinigt und "Lenin" aus ihrem Namen streicht, so die Bedingung des russischen Bildungsministeriums.

Ein neuer, moderner Name für die Leti-Uni und James Butler mit seiner Forscher-Gruppe sollen helfen, die Uni für mehr ausländische Forscher und Studenten attraktiv zu machen und die Zahl der Veröffentlichungen in internationalen Fachzeitschriften zu erhöhen.

Ohne das Anwerben von ausländischen Wissenschaftlern sei es kaum möglich, die Uni auf internationales Niveau zu bringen, meinte "Leti"-Rektor, Wladimir Kutusow [7], im Gespräch mit Telepolis. In den chaotischen 1990er Jahren, als die Unis keine oder nur sehr geringe Gehälter zahlen konnten, setzten sich zehntausende russischer Wissenschaftler in den Westen ab, um sich dort Arbeit zu suchen. Ein anderer Teil blieb in Russland und suchte sich neue Jobs im Handel und im Dienstleistungssektor. Wiederum andere versuchten, kleine Firmen zu gründen und neue Produkte zu entwickeln. So entstand an der Leti in den 1990er Jahren ein "Technopark" zu dem heute fast 50 kleine Unternehmen gehören. Diese Klein-Unternehmen entwickelten alle möglichen Produkte, Werkstoffe für Allweg-Fahrzeug-Karosserien, Messgeräte für den Landeanflug von Flugzeugen, armgroße Röntgengeräte, mit denen Zahnärzte in abgelegenen Gebieten Menschen untersuchen können, sowie Geräte, die das Relief des Meeresbodens vermessen.

Doch die Erfolge bei der Vermarktung sind bescheiden. Das liegt auch daran, dass in Russland die Produktionskapazitäten für High-Tech-Produkte fehlen, so Kutusow. So entwickelt das 1990 in St. Petersburg gegründete IT-Unternehmen Transas [8] zwar Ortungsgeräte und Simulatoren zum Training von Schiffs- und Flugzeugbesatzungen. Doch die Komponenten für die Simulatoren werden auf den Philippinen gebaut, "weil es dort billiger ist".

Haferbrei und Uniformen aus der Zarenzeit

Der große Bruder der "Leti" ist die Polytechnische Universität [9] von St. Petersburg, abgekürzt "Polytech". Die 1899 gegründete Hochschule liegt noch etwas weiter nördlich des Stadtzentrums im Kalininski Rayon umgeben von einem Park. Die Hochschule mit den 30.000 Studenten und 3.300 Lehrkräfte gehört ebenfalls zu den 15 russischen Unis, welche die russische Regierung zu Elite-Einrichtungen ausbauen will.

Es ist sechs Uhr abends. Trotzdem herrscht im "Fabrikations-Labor" (FabLab) der Polytech noch ein Höllenlärm. Das "FabLab" ist in einer großen Fabrik-Halle der Uni untergebracht. Die stellvertretende Direktorin des Kreativ-Zentrums, die blonde, junge Anna Kusnezowa, ist stolz auf die neueste Errungenschaft ihrer Uni. Denn die "Polytech", wie die Studenten ihre Uni nennen, ist die erste Hochschule Russlands, in der es ein FabLab gibt. In der mit Zeichentischen, Computern, Fräsmaschinen und 3-D-Druckern vollgestopften Halle können Schüler und Studenten unter Aufsicht von Ingenieuren eigene Produkt-Ideen entwickeln [10], produzieren [11] und testen [12].

Das produktive Chaos in der großen Halle wirkt fast fremd in dem hierarchisch strukturierten Uni-System. Ungewöhnlich für einen russischen Uni-Rektor ist auch Andrej Rudskoj. Der 56-Jährige ist umgänglich und alles andere als ein steifer Bürokrat. Fast täglich empfängt der Rektor ausländische Gäste und versucht neue Forschungs-Aufträge von in- und ausländischen Industrie-Unternehmen und neue Kooperationen mit ausländischen Unis aufzubauen.

Rudskoj setzt auf eine Mischung aus Tradition und Modernität. Die historischen Säle der Hochschule wurden sorgfältig restauriert. Auf dem 200 Hektar großen Campus wird über Lautsprecher klassische Musik übertragen und manche Studenten tragen aus Begeisterung für die Tradition dunkelblaue Studenten-Uniformen aus der Zarenzeit. Damit kein Student die erste Vorlesung verpasst, hat Rudskoj angeordnet, dass die Mensa den traditionellen russischen Haferbrei ("Kascha") zum Frühstück kostenlos ausgibt.

45 Prozent der Einkünfte erwirtschaftet die Uni selbst

Die Polytech finanziert sich zu 45 Prozent aus selbst erwirtschafteten Einnahmen. Das Geld kommt vor allem über kostenpflichtige Studienplätze in die Uni-Kasse. 3.000 Studenten kommen aus dem Ausland, vor allem aus China und den ehemaligen Sowjetrepubliken. Aber nicht nur Ausländer, auch viele Russen müssen für ihren Studienplatz bezahlen.

Nur 543 Studenten kommen aus Europa und den USA. Nun will man die Zahl der Studenten aus westlichen Ländern erhöhen. Doch dafür muss der Unterricht auf Englisch ausgebaut werden. Die Lehrkräfte, die über 50 Jahre alt sind, könnten Englisch wohl verstehen, aber nicht sprechen. "Sie hatten ein anderes Leben", meint Rektor Rudskoj und spielt dabei auf die Sowjetunion an, wo es überhaupt keine Vorlesungen auf Englisch gab.

Die Zusammenarbeit mit ausländischen Unis laufe gut, so der Rektor. Besonders intensiv sei die Zusammenarbeit mit der Leibniz-Universität in Hannover. Die Zusammenarbeit werde vom Deutschen Akademischen Austauschdienst mit einem auf vier Jahre angelegten Programm und einer Million Euro unterstützt.

"Als wir in den 1990er Jahren Deutschland besuchten, mussten wir noch in Bundeswehrkasernen in Doppelstockbetten schlafen", erinnert sich Vize-Rektor Alexej Borokow beim gemütlichen Abendessen mit unserer Journalisten-Gruppe. In 1990er Jahren galten die russischen Wissenschaftler, die nach Europa kamen, als talentierte, aber arme Leute. Während der chaotisch laufenden Wirtschaftsreformen mussten Dozenten und Professoren oft monatelang auf ihre kümmerlichen Gehälter warten. Jetzt liegen die Gehälter der Lehrkräfte, die heute nach Leistung bezahlt werden, zwischen 440 und 1.300 Euro. Inzwischen werde man im Ausland als Konkurrent wahrgenommen, etwa wenn es um Forschungs-Aufträge bekannter Firmen wie BMW geht, erzählt Pro-Rektor Borokow und schmunzelt zufrieden.

Emigrierte Wissenschaftler kehren zurück

Dass das Verhältnis zwischen der EU und Russland politisch schwieriger geworden ist, scheint die Annäherung auf dem Gebiet der Wissenschaft nicht zu stören. Seit 2011 sind an allen russischen Unis - außer einigen Theater- und Kunstakademien - Bachelor- und Magister-Abschlüsse Pflicht. Diese Abschlüsse hat Russland als Teilnehmer des Bologna-Prozesses übernommen, was den Austausch von Fachkräften mit Europa erleichtern soll. Doch über eine Statistik, wie viele Absolventen der Polytech in Europa weiterstudieren, verfügt die Uni-Verwaltung nicht.

Während sich das russische Uni-System dem System in der EU anpasst, ist die große Lücke, die durch die chaotischen Wirtschaftsreformen in den 1990er Jahren entstanden ist, nach wie vor spürbar. Unter den Dozenten und Professoren sind die mittleren Jahrgänge schwach vertreten. Bis heute lebt die russische Wissenschaft von dem guten Ruf, den sie in der Sowjetzeit mit exzellent ausgebildeten Wissenschaftlern und zahlreichen Nobelpreisträgern erworben hat.

Die russische Regierung will nun mit gezielten Geldspritzen für besonders leistungsfähige Unis einen neuen Aufschwung in der Wissenschaft einleiten. Und wer durch die Forschungslabors der "Polytech"-Institute läuft, kommt aus dem Staunen nicht heraus. An Geld scheint es nicht zu mangeln. In den Laboren stehen modernste Geräte und man trifft fast ausschließlich auf junge, motivierte Wissenschaftler.

Schon vier Institute der Polytech werden von Ausländern geleitet, freute sich Rektor Rudskoj, nämlich die Institute für Thermonuklear-Synthese, Mikrobiologie, Nanobiotechnologie und das Institut für Neurodegeneration, dass sich mit der Demenz-Forschung beschäftigt. Als "Ausländer" gelten an der "Polytech" jedoch auch Russen, die vor Jahren in den Westen ausgewandert sind und nun als gutausgebildete Spitzenkräfte zurückkehren.

In der russischen Forschung beginnt ein Leistungswettbewerb Die russische Regierung unterzieht die Bildungs- und Forschungslandschaft einer grundlegenden Reform. Was sind die wesentlichen Merkmale?

Wettbewerbskriterien. In den Universitäten und Forschungs-Instituten werden Wettbewerbskriterien eingeführt. Mitarbeiter müssen die Zahl ihrer wissenschaftlichen Veröffentlichungen erhöhen und laufend über ihre Tätigkeit Berichte ablegen.
Aufbau von Elite-Unis. Die etwa 1.000 Universitäten in Russland werden auf ihre Effizienz überprüft. Einzelne Universitäten werden bereits zusammengelegt. Gleichzeitig hat die Regierung 2008 ein Programm zur Förderung von 40 besonders "effektiven" Hochschulen gestartet, die jeweils über fünf Jahre mit jeweils 125 Millionen Euro gefördert werden.

Konzentration auf Schwerpunkte. Russland will sich in der Forschung auf die Bereiche konzentrieren, in der das Land immer schon stark war, die Naturwissenschaften und die Forschung in Raumfahrt, Sicherheit und Kernphysik. Die Forschung soll vor allem dem Zweck dienen, marktfähige Produkte zu entwickeln. Einen besonders schweren Stand haben die Geisteswissenschaften. Sie haben sich nach der Sowjetzeit kein neues Image erarbeiten können und sind sehr knapp finanziert.
Forschung wird in die Unis verlagert. Die Regierung will einen großen Teil der Forschung von den Akademie-Instituten in die Universitäten verlagern. Mitarbeiter der RAN rechnen damit, dass die Zahl der bisher 450 RAN-Institute stark reduziert wird.
Anwerbung ausländischer Professoren. 2010 startete die Regierung unter dem Arbeitsnamen "Mega-Grant" ein Programm [13] zur Anwerbung für ausländische Professoren. Für den Aufbau von modernen Laboren erhalten die angeworbenen Professoren pro Jahr eine Million Dollar. Bei den ersten beiden öffentlichen Ausschreibungen 2010 und 2011 wurden 77 Professoren aus dem Ausland ausgewählt. Von den 39 in der ersten Ausschreibung Ausgewählten waren sieben Deutsche, vier Amerikaner, ein Australier und fünf Wissenschaftler aus europäischen Staaten. Bei den Auswahl-Kommissionen wurden das erste Mal in Russland ausländische Experten beteiligt.

Ulrich Heyden
veröffentlicht in: Telepolis

 

Der russischen Grundlagenforschung geht es an den Kragen, Teil 2
06. April 2014
Seit 2010 laufen im russischen Bildungs- und Forschungsbereich grundlegende Reformen, die nach westlichem Vorbild auf Elite-Unis und einen stärkeren Leistungswettbewerb zielen

Parallel zu dem Aufbau von Elite-Unis (siehe Teil 1: Russlands Wissenschaft - Retten oder abwickeln? [1]) durchforstet die russische Regierung seit vier Jahren den gesamten Bildungs- und Forschungsbereich auf Einsparpotentiale. Doch dagegen wehren sich Eltern, Lehrer und Wissenschaftler, zum Teil erfolgreich. Als im Juli 2013 ein geheim gehaltenes Gesetzprojekt der Regierung bekannt wurde, nach dem die Russische Akademie der Wissenschaften (RAN) mit den Akademien für Medizin und Landwirtschaft zusammengelegt werden soll, entstand eine noch nie dagewesene Protestwelle der Wissenschaftler. Allein in Moskau gingen 2.000 Wissenschaftler auf die Straße (Dem intellektuellen Zentrum Russlands droht der Garaus [2]). Betroffen von der befürchteten Zusammenlegung von Instituten, Entlassungen und Gehaltskürzungen sind 100.000 Mitarbeiter der RAN (die Hälfte davon wissenschaftliche Mitarbeiter) und 450 Institute in ganz Russland.

Trotz der Proteste verabschiedete die Duma im September 2013 das Gesetz zur Zusammenlegung der Akademien. Außerdem beschlossen die Abgeordneten die Gründung einer neuen Behörde mit dem Namen FANO. Sie soll die gesamten Finanzen und die Immobilien der RAN verwalten. Die Wissenschaftler fürchten den Verkauf von teuren RAN-Immobilien in Innenstadtlage.

Wladimir Putin haben die Proteste der Wissenschaftler offenbar mehr beeindruckt, als es zunächst den Anschein hatte. Mitte Januar erließ der Kreml-Chef nach einem Treffen mit dem Präsidenten der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAN), Wladimir Fortow, ein Moratorium, nachdem die FANO während einer Übergangszeit von einem Jahr keine RAN-Immobilien verkaufen und keine Wissenschaftler entlassen darf.

Erfolg der Wissenschaftlerproteste

Der Mathematiker Andrej Zaturjan, der als Experte für molekulare Mechanik der Muskeln am Institut für Maschinenwesen der RAN arbeitet und sich an der Organisation der Wissenschaftler-Proteste im letzten Jahr beteiligte, sieht das Moratorium als Erfolg der Proteste.

Putin habe "auf die Öffentlichkeit gehört" und wolle "die Situation nicht verschärfen", erklärt der Wissenschaftler gegenüber Telepolis.

"Wir sind nicht gegen Reformen", so der Mathematiker. Man sei aber gegen eine Reform, "die in einer Geheimoperation ohne Beratung durchgezogen wird". Bis heute sei nicht klar, nach welchen Kriterien entschieden wird, welches der 450 RAN-Institute "nicht effektiv" arbeitet, was eine Schließung oder die Zusammenlegung mit einem anderen Institut zur Folge haben kann. Die Reform der RAN verstärke bei jungen Wissenschaftlern die Tendenz, sich nach einer Arbeit im Ausland umzusehen, meint Zaturjan.

"Dass die RAN hierarchisch aufgebaut, nicht effektiv, sehr groß und bürokratisch war, dass ein kleiner Kreis von Akademikern alles entschieden hat, daran besteht keine Zweifel", meint Zaturjan. Doch jede Reform der Akademie müsste "mit der Aufhebung der Leibeigenschaft beginnen".

Damit meint der Mathematiker die Unterordnung der wissenschaftlichen Mitarbeiter unter die leitenden Akademiker und Professoren. Denn nur sie entscheiden über die Verteilung der Forschungselder. Die Verteilung der Gelder ist in Russland nicht transparent und ausländische Wissenschaftler sind an den Expertenräten, die über Forschungsprojekte entscheiden, in der Regel nicht beteiligt.

Wie Stalin die Wissenschaftler zu Höchstleistungen antrieb: Die Russische Akademie der Wissenschaften (RAN) wurde 1724 in St. Petersburg von Peter dem Großen gegründet. Aufgabe der Akademie ist die Grundlagenforschung. Zu Zeiten der Sowjetunion hatte die Akademie die Aufgabe, die Regierung zu beraten und auch selbst Richtlinien auszuarbeiten. Alle 500 Akademiker hatten zu Sowjetzeiten Anspruch auf ein Auto mit Chauffeur. Bis heute erhalten die 500 Akademiker einen Gehaltszuschlag. Für Stalin waren die Wissenschaftler enorm wichtig, denn sie arbeiteten an der Atombombe und Raumfahrtprojekten. Finanzielle Vergünstigungen gibt es für den kleinen Kreis der Akademiker bis heute.

Die 45.000 wissenschaftlichen RAN-Mitarbeiter können von ihren Gehältern dagegen nicht leben und müssen sich als Bankangestellte oder als Nachhilfelehrer etwas dazuverdienen.

Zum neuen Präsidenten der RAN wurde im Mai 2013 auf einer Allgemeinen Versammlung der Akademie der 68 Jahre alte Wladimir Fortow gewählt. Zur Allgemeinen Versammlung der RAN gehören 500 Akademiker und 700 Korrespondent-Mitglieder. Die Allgemeine Versammlung wählt das Präsidium. Zum Personal der RAN gehören 45.000 wissenschaftliche Mitarbeiter und 50.000 Hilfskräfte wie Hausmeister, Küchen- und Wachpersonal.

Die Regierung hat sich mit ihren Reformen im Bildungsbereich viel vorgenommen
Schon jetzt werden Eltern an der Finanzierung des Unterrichts ihrer Kinder beteiligt [3]. Die Streichung von Pflichtfächern an den Schulen konnten Eltern und Lehrer verhindern.

Russische Wissenschaftler werden heute nach Leistung bezahlt. Viele Wissenschaftler haben bereits befristete Arbeitsverträge. Ziel der Regierungspolitik sind Elite-Unis, die Schließung und Zusammenlegung "nichteffektiver" Hochschulen und Institute.

Parallel zu dieser Entwicklung versucht die Regierung mit großzügigen Fördermitteln ausländische Wissenschaftler anzuwerben. Sie sollen helfen, die Hochschulen für Studenten und Wissenschaftler aus dem Ausland attraktiv zu machen. In den wenigen gut finanzierten Hochschulen gibt es zwar heute modernes Gerät und gute Forschungsmöglichkeiten. Doch nur ein kleiner Teil der 450 RAN-Institute für Grundlagenforschung wird die Reformen überleben, befürchten Kritiker.

"Liberale Finanzpolitik führt zum wirtschaftlichen Niedergang"

Aleksandr Schipljuk [4] ist Doktor der physikalischen Mathematik. Der 47-Jährige ist stellvertretender Leiter des Instituts für theoretische und angewandte Mechanik (ITPM) in Nowosibirsk und Leiter des Laboratoriums für Überschall-Technologie. Das Institut gehört zur Russischen Akademie der Wissenschaften (RAN), dessen Präsidium Schipljuk angehört. Außerdem lehrt der Wissenschaftler am Lehrstuhl für Aerohydrodynamik der Technischen Universität von Nowosibirsk.

Wie wirkt sich die Reform der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAN) auf ihre Arbeit aus?

Aleksandr Schipljuk: Reale Veränderung wird es erst ab 2015 geben. Worin diese Veränderungen bestehen, ist bisher nicht bekannt. Bis Ende 2014 wird die neugegründete Föderale Agentur für die wissenschaftlichen Organisationen (FANO) die Effektivität der einzelnen Institute ermitteln. Dann kann man mit organisatorischen Konsequenzen rechnen. Nach welchen Kriterien die Institute bewertet werden, ist allerdings nicht bekannt. Dadurch dass unser Institut jetzt der FANO untersteht, gibt es jetzt erstmal mehr Bürokratie.

Sind die Gehälter ihrer Mitarbeiter gesichert?

Aleksandr Schipljuk: Nach einer Anordnung des Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, vom Mai 2012 soll das durchschnittliche Einkommen der wissenschaftlichen Mitarbeitet bis 2018 erhöht werden. Für die Mehrheit der wissenschaftlichen Einrichtungen in Nowosibirsk, die zur RAN gehören, bedeutet das eine Erhöhung der Gehälter um 50 Prozent. Allerdings wird das Budget der wissenschaftlichen Einrichtungen nicht erhöht. Die Regierung überträgt die Entscheidung über die Erhöhung der Gehälter damit den Leitern der wissenschaftlichen Einrichtungen, die jetzt zusätzliche Finanzierungsquellen finden oder den Personalbestand drastisch kürzen müssen. In letzterem Fall wären vor allem die jungen wissenschaftlichen Mitarbeiter betroffen.

Wie müsste Ihrer Meinung nach die Reform der RAN durchgeführt werden?

Aleksandr Schipljuk: Beginnend mit der Schocktherapie 1991 wurde in Russland eine große Zahl an Wirtschaftsreformen durchgeführt. Doch jetzt ist gut sichtbar, dass die liberale Finanz- und Wirtschaftspolitik, wie sie in Russland durchgeführt wird, zum wirtschaftlichen Niedergang führt, das wissenschaftlich-industrielle Potential des Landes zerstört sowie Korruption und eine unbeschreibliche soziale Ungerechtigkeit zur Folge hat. Der Öl- und Gassektor kann sich entwickeln, aber das auch nur wegen den hohen Preisen für Öl und Gas.

Das ist ein düsteres Bild.

Aleksandr Schipljuk: Auf der anderen Seite beginnen verschiedene Personen in der Leitung des Landes zu verstehen, wohin diese Entwicklung führt. Es gibt das Verständnis, dass Russland ohne entsprechende Gesetze, die strenge Kontrolle der Durchführung dieser Gesetze und eine beschleunigte wissenschaftlich-technische Entwicklung keine würdige Zukunft hat. Deshalb bleibt die Hoffnung, dass die liberalen Reformen in der RAN vom Staat streng kontrolliert werden und die neugegründete Finanzagentur konstruktiv mit den Wissenschaftlern zusammenarbeitet.

Inwieweit helfen neue Programme, wie "Mega-Grant", mit denen Professoren aus dem Ausland angeworben werden sollen, die Situation der Wissenschaft zu verbessern und die Abwanderung junger Wissenschaftler ins Ausland zu stoppen?

Aleksandr Schipljuk: Natürlich verbessern diese Programme die Situation. Man sollte ihr Wirkung jedoch nicht überschätzen. Die Zahl der Universitäten und wissenschaftlichen Mitarbeiter, die an diesen Programmen teilnehmen, liegt bei nur einem Prozent. Umfassende positive Änderungen der Wissenschaft in Russland sind nur zu erreichen, wenn sich die gesamte Wissenschaft stabil entwickelt.

Wie wirkt sich die Reform der RAN auf die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland aus?

Aleksandr Schipljuk: Für das Institut für theoretische und angewandte Mechanik in Nowosibirsk hat die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit den deutschen Wissenschaftlern Priorität. Seit zwanzig Jahren arbeiten wir mit dem Institut für Aerodynamik und Gasdynamik der Universität Stuttgart zusammen. Es wurden über 30 gemeinsame Projekte durchgeführt. Unsere Wissenschaftler bekamen Stipendien und Auszeichnungen der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Ich selbst habe in Windkanälen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Göttingen Experimente durchgeführt. Immer wieder kommen deutsche Wissenschaftler zu längeren Arbeits-Aufenthalten an unser Institut in Nowosibirsk.

Wie werden die deutsch-russischen Forschungsprojekte auf dem Gebiet der Naturwissenschaften finanziert?

Aleksandr Schipljuk: Die Projekte werden von der Russischen Stiftung für Grundlagenforschung (RFFI) und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert. Leider ist die finanzielle Unterstützung der RFFI proportional niedriger als die der DFG. Der russische Anteil bei der Projektförderung für eine Gruppe von zehn Wissenschaftlern liegt in der Regel bei 12.500 Euro. Mit diesem Geld kann man nur ein bis zwei Wissenschaftler finanzieren.
Allerdings hat die russische Regierung jetzt Maßnahmen zur Anwerbung von ausländischen Wissenschaftlern beschlossen. Durch die Gründung der Russischen Wissenschafts-Stiftung (RNF) stehen neue Fördermittel bereit. Wie der Direktor der Stiftung, Aleksandr Chlunow, erklärte, wird der Fond etwa zehn Arbeitsgruppen mit Forschern aus verschiedenen Ländern unterstützen. Die Arbeitsgruppen sollen von jeweils zwei oder drei international bekannten Wissenschaftlern geleitet werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Ulrich Heyden

veröffentlicht in: Telepolis

Teilen in sozialen Netzwerken