2. Februar 2007

Skandal auf der Säuglingsstation

Krankenschwestern verklebten schreienden Neugeborenen die Münder. Die Bilder schockieren ganz Russland.

Durch die Stäbe eines Gitterbettchens sah man ein Baby, dass sich mit den Armen immer wieder durchs Gesicht fuhr. Dem Baby war nach dem Füttern von der Krankenschwester der Mund mit einem Pflaster verklebt worden.

Die Szenen, die der Fernsehsender NTW von einer Babystation in Jekaterinenburg nahe des Ural, zeigte, schockierten ganz Russland. Jelena Kurizina, eine Mutter, die mit ihren zwei Kindern auf der Nachbarstation untergebracht war, hatte die Bilder mit einem Handy aufgenommen. "Ich hörte das Wimmern des Kindes in der Nachbarabteilung. Als ich dorthin ging, sah ich, dass der Mund des Kindes mit einem Pflaster verklebt war, es konnte nicht schreien, nur wimmern. Mir wurde gesagt, ich solle mich nicht um fremde Angelegenheiten kümmern." Auf der Station lagen 40 Neugeborene: 20 Kinder, von denen sich die Mütter unmittelbar nach der Geburt losgesagt hatten, und 20 kranke Kinder. Nach einem Bericht der "Komsomolskaja Prawda" drohte Jelena Kurizina einer Krankenschwester, die Pflaster abzunehmen, andernfalls werde sie das Fernsehen informieren. Die Krankenschwester nahm ein Pflaster ab. Aber nach zwei Tagen sah die Mutter, dass einem anderen Kind erneut der Mund zugeklebt war. Jelena sei so lange vor der Glaswand der Abteilung gestanden, bis die Krankenschwester das Pflaster abgenommen hatte. "Nun kannst Du hören, wie er die ganze Nacht schreit", meinte die Schwester daraufhin. Laut Bericht hat die Krankenschwester das Kind in der Nacht dann nicht mehr betreut. Die Schwester begründete ihr Verhalten damit, dass das Kind sehr unruhig sei. Wenn man ihm den Mund mit dem Schnuller festklebe, schlafe es irgendwann ruhig ein. Eine Krankenschwester äußerte sich auch gegenüber dem Fernsehkanal NTW. Sie begründete ihr Verhalten ohne jedes Anzeichen von Scham mit der Überbelastung des Personals. Mit dem Pflaster solle nur verhindert werden, dass der Schnuller heraus falle. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen brutaler Behandlung von Babys. Die Zeitung "Moskowski Komsomolez" berichtete, dass die Leitung des Krankenhauses wegen ähnlicher Fälle schon mehrmals Disziplinarstrafen verhängt und Prämien gekürzt habe, doch das Verhalten der Schwestern habe sich nicht geändert. Beobachter meinen, dass es sich bei dem Fall in Jekaterinenburg nur um die Spitze eines Eisberges handelt. Trotz der vom Kreml groß angekündigten nationalen Sozialprogramme, von denen auch die Krankenhäuser profitieren sollen, ist die Lage in dem völlig unterfinanzierten russischen Gesundheitssystem menschenunwürdig und katastrophal. Brutales Verhalten gegenüber Patienten ist ein altes Leiden im russischen Gesundheitswesen. Es ist Überbleibsel des sowjetischen Systems, in dem Dienstleistungen für einfache Bürger oft widerwillig und ruppig ausgeführt wurden. Vor kurzem wurde die russische Öffentlichkeit durch einen anderen Skandal im Bezirkskrankenhaus der südrussischen Stadt Krasnodar geschockt. In der Neujahrsnacht hatte eine offenbar betrunkene Krankenschwester beim Ansetzen eines Katheters die Arterie der zwei Monate alten Sonja Kuliwez verletzt. In dem Arm des Babys bildete sich eine Thrombose. Die Ärzte sahen sich deshalb gezwungen, den rechten Arm der Neugeborenen zu amputieren.

Ulrich Heyden, Die Presse

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