6. November 2020

Wie Deutschland gespalten wurde – deutscher Journalist hat gründlich recherchiert

Sputnik / Boris Barabanov
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13:17 05.11.2020(aktualisiert 13:30 05.11.2020)Zum Kurzlink

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Bei den alljährlichen Feiern zur deutschen Einheit wird in den Hintergrund gedrängt, wie es eigentlich 1949 zur Gründung von zwei deutschen Staaten kam und welche Position die Kommunistische Partei Deutschlands zur Frage der deutschen Einheit vertrat, meint Ulrich Heyden, der Moskauer Korrespondent der Wochenzeitung „der Freitag“.

Im Sputnik-Interview, sagte der Autor des Buches "Wie Deutschland gespalten wurde“, es sei kaum bekannt, „dass die KPD, die 1947 in den Westzonen 320.000 Mitglieder hatte, eine der entschiedensten Kräfte war, die für die deutsche Einheit und gegen die Gründung eines ,westdeutschen Separatstaates‘ eintrat. Mit ihren Aktivitäten auf den Gebieten Entnazifizierung, Kampf gegen den Hunger, Wiederaufbau und Sozialisierung der Schlüsselindustrien leistete die KPD einen wichtigen Beitrag für den Aufbau der Demokratie in Westdeutschland.“

Das Thema werde einfach ausgeklammert, und eine sehr wichtige Phase der deutschen Geschichte sei nicht mehr bekannt, bedauert Heyden.

„Und viele Probleme, die wir heute in Deutschland mit dem Frieden und der Verständigung mit Russland sowie mit sozialer Gerechtigkeit haben, sind auch schon in den Jahren von 1945 bis 1949 angelegt worden, wo Westdeutschland eine bestimmte Marschrichtung eingenommen hat. Und sie hat zu Problemen geführt, die heute stärker virulent sind.“

Deswegen hat der Journalist nach seinen Worten dieses Buch geschrieben. Er arbeitete in mehreren Archiven, darunter auch im Hamburger Staatsarchiv, und hat Zeitzeugen befragt. Dabei hat er sich auf die Kommunistische Partei und ihre „Hamburger Volkszeitung“ als wichtigste Quelle konzentriert. Heyden wollte wissen, wie eigentlich Deutschland nach dem Krieg aussah und was die wichtigsten Forderungen der Kommunisten waren und warum sie schließlich an den Rand gedrängt wurden und dann in den 50er Jahren im politischen Geschäft nicht mehr erwünscht waren.

Einheit Deutschlands auf den KPD-Fahnen

Die Kommunistische Partei in Westdeutschland habe versucht, schildert der Buchautor, die Einheit Deutschlands auf ihre Fahnen zu schreiben und das ins politische Geschäft einzubringen, „stieß aber seit 1945 auf Widerstand aller anderen Parteien, die sich entschieden haben, dass Westdeutschland nicht mit Ostdeutschland vereinigt wird, sondern Teil eines westlichen Wirtschafts- und Militärblocks wird. Trotzdem hat die KPD versucht, auf Grund der Bestimmungen des Potsdamer Abkommens, dass Deutschland antifaschistisch-demokratisch und einheitlich wird, zu arbeiten.“

Das Potsdamer Abkommen wurde aber von der CDU und der Militärbesatzung in Westdeutschland unterlaufen, merkt Heyden an.

„Die KPD hatte Probleme, sich mit ihrer Forderung Gehör zu verschaffen, weil begonnen wurde, die Sowjetunion und das ostdeutsche System, das sich erst etablierte, als Bedrohung, als unannehmbar für Westdeutsche und unverträglich mit den Grundprinzipien der Freiheit und Demokratie darzustellen. Gleichzeitig wurde die Zeitung der KPD in der britischen, französischen und amerikanischen Zone für bestimmte Monate verboten, wenn sie die Militärregierung kritisierte und an ihrem Ziel der Einigung Deutschlands festhielte.“

Gleichzeitig weist der Journalist darauf hin, dass die SPD in ihrer Agitation damals viel radikaler war, „wenn sie sagte, sie baue den Sozialismus auf, und griff die KPD an, dass sie keinen Sozialismus wollte. Die KPD plädierte erst mal nur für eine antifaschistische Demokratie, denn das Potsdamer Abkommen biete die Gelegenheit, durch die Dezentralisierung der Wirtschaft und die Säuberung der Betriebsleitung von Nazis, schon sehr viele Möglichkeiten, um in die Richtung des Sozialismus zu gehen. Seit 1947 wollten die USA die Sowjetunion und alle, die in der ,Unfreiheit‘ die Sowjetunion unterstützen, eindämmen und bekämpfen. Da hat auch die KPD in Westdeutschland ihren Kurs geändert und wieder stärker den Sozialismus betont und sich nicht mehr auf Antifaschismus beschränkt.“

„Seit 1945 ist eine Konstante in der westdeutschen Politik, dass die Dienste und ,Leitmedien‘ gegen Linke Misstrauen schüren, und die Öffentlichkeit hat sich an diesen Zustand gewöhnt …“, schreibt Ulrich Heyden im Vorwort zu seinem Buch und erläutert: „Es ist einfach, wer die Medien in der Hand hat, sie kontrolliert und die Stimmung dort vorgibt, der hat auch den Einfluss auf die öffentliche Meinung. Die KPD hatte zwar in allen westdeutschen Ländern und Städten ihre Zeitung, musste sich aber für die sogenannte Frontvereinigung von SPD und KPD in der sowjetischen Besatzungszone und für die sogenannte Berlin-Blockade rechtfertigen. Die Berlin-Blockade war aber eine Reaktion auf die Einführung der B-Zone und der Währungsreform, die dem Potsdamer Abkommen widersprach.“

Warum wurden die Kommunisten in die Randzone gedrängt?

„Es wurde geschafft“, antwortet der Journalist, „sie mit Diktatur, Verfolgung und Stalinismus gleichzusetzen. Nicht jeder Mensch aber möchte sich als Anhänger einer Diktatur anklagen lassen, selbst wenn er an den Ideen des Kommunismus hängt. Es gab natürlich Stalinismus. Aber das war kein Grund, alle Angebote der Sowjetunion auszuschlagen. Zum Beispiel das Angebot Stalins 1952, ein neutrales Deutschland aufzubauen und alle Armeen abzuziehen.“

Adenauer sei nicht darauf eingegangen, erinnert der Buchautor. „Er hat gesagt, das sei ein Störmanöver, wir bauen unser westliches freies Deutschland. Die Kommunisten hatten es immer schon schwer in Deutschland. Seit 1956 sind die Kommunisten in Deutschland verboten, ihre Partei. Auch in der heutigen Ukraine sind die Kommunisten verboten. Da gibt es eine Parallele.“

Spaltung Deutschlands noch nicht überwunden

„Auch nach 30 Jahren der Einheit nicht“, meint Heyden. „Das einheitliche Deutschland, das 1990 versprochen wurde, wurde nicht realisiert. Dies betrifft die ganzen sozialen Daten. Die Löhne sind in Ostdeutschland 20 Prozent niedriger. Die ostdeutsche Industrie wurde unter dem Vorwand zerschlagen, sie sei nicht effektiv. Einzelne Kerne blieben erhalten oder werden noch ausgebaut, aber da findet man keinen ostdeutschen Konzern. Es gibt vielleicht im Energiebereich einen, aber das sind alles Konzerne, die den Westdeutschen gehören oder von Westdeutschen geleitet werden.“

Es gebe keine ostdeutschen Kapitalisten, fügt der Journalist hinzu. „Das wäre nötig, um eine wirtschaftliche Parität und eine gleichzeitige Entwicklung zu gewährleisten. Vor allen Dingen auch in der Biografie der Ostdeutschen, dass die Ostdeutschen das Gefühl haben, sie haben die gleichen Chancen. 30 Jahre sind genug Zeit, um zu zeigen, wir nehmen euch auf und wir vereinigen euch mit uns und geben euch die Chancen, die wir auch haben.“

Unter Entscheidungsträgern dominiert die westdeutsche Elite

Diese Chancen seien aber nicht gegeben, so Heyden, aus vielen Gründen nicht. „Man hat nicht diese Netzwerke und nicht Erbschaften, die eher in Westdeutschland größere Summen als in Ostdeutschland sind. Es gibt in den westdeutschen Gerichten und in den wichtigen staatlichen Institutionen so gut wie keinen einzigen Ostdeutschen. Vielleicht einen oder zwei gibt es, aber Generäle, Richter usw., unter ihnen gibt es keine Ostdeutschen. Dagegen sind in Ostdeutschland fast alle Top-Positionen mit Westdeutschen besetzt. Zu einer Einheit gehört an erster Stelle Chancengleichheit, eine soziale und politische, dass alle gleich sind. Das ist nicht gegeben.“

Haben die Linken eine Chance in Deutschland?

„Die Linken haben riesige Chancen“, antwortet der Freitag-Korrespondent. „Wir haben große soziale Probleme. Die traditionellen Themen der Linken sind heute brennend aktuell. Die Leute sind nicht mehr sicher, ob dieses System, in dem sie leben, ihnen die Sicherheit gibt, die es versprochen hat. Ob das Grundgesetz wirklich eingehalten wird, freie Versammlung und Meinungsäußerung, ob das alles so gesichert ist, sind die Leute sich nicht mehr so sicher, dass die Menschen Arbeit und ein sicheres Auskommen haben, dass sie nicht ständig fürchten müssen, dass die Unkosten sich erhöhen — das ist alles nicht mehr gesichert.“

Die Linken müssten eigentlich jetzt ihre beste Zeit haben, urteilt der Buchautor. „Aber das Gegenteil ist der Fall. Sie haben sich in die vorgegebene Marschrichtung integriert, die die großen deutschen Medien angeben. Sie haben einen Vertrag abgesteckt, wo sie sich äußern können, und alles, was darüber hinaus geht, was radikalere Umverteilung von den Reichen zu den Armen zum Beispiel fordert, wird überhaupt nicht diskutiert und einfach ausgeklammert.“

„Eine Partei, die sagt, wir wollen nicht, dass die Bundeswehr im Ausland Krieg führt, hält man schon für unanständig“, meint Ulrich Heyden abschließend. „Wenn man aber in das Jahr 1945 zurückgeht, war das eine allgemeine Parole, die von allen deutschen Parteien vertreten wurde. Sogar die CDU war damals für Sozialisierung der Schlüsselindustrien. Das hatte sie in ihrem Programm. Und dass Deutsche wieder mit Gewehren im Ausland tätig sind, konnten sich nur wenige Menschen vorstellen, weil der Krieg so massiv Deutschland zerstört hatte. Für alle war klar, dass so was nie wieder passieren darf. Und Russland wurde damals selbst von Antikommunisten und Leuten, die Russland nicht mochten, als Macht anerkannt, die Europa befreit hat.“

veröffentlicht in "Sputnik"

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