27. März 2019

Wie lange noch schweigen über den Brand in Odessa am 2. Mai 2014?

Screenshot aus YouTube-Video https://www.youtube.com/watch?v=D6hLMUh5A6o&feature=youtu.be
Foto: Screenshot aus YouTube-Video https://www.youtube.com/watch?v=D6hLMUh5A6o&feature=youtu.be

Oleg Musyka, ein Überlebender des Brandes im Gewerkschaftshaus, stellte auf der Buchmesse in Leipzig sein Buch über die Katastrophe vor

Auf der Buchmesse in Leipzig, die am Sonntag zu Ende ging, befanden sich in der Halle 5 die Stände der kleinen Verlage. Dort, in Nachbarschaft der Stände von "Die Zeit", den Walddorfschulen und dem Papyrossa-Verlag, gab es einen kleinen Stand mit der Aufschrift "Oleg Musyka 2. Mai Odessa". Ab und zu blieben Menschen stehen und erkundigten sich, was da für ein Buch angeboten wird. Oft waren es Messebesucher, die schon mal in Odessa waren oder die in der Sowjetunion geboren wurden und jetzt in Deutschland leben. Angeboten wurde das Buch "2. Mai Odessa. Fünf Jahre danach", das im letzten Jahr in russischer Sprache und in diesem Jahr in deutscher Sprache erschien. Für Gespräche mit Interessierten standen die Autoren Oleg Musyka, Saadi Isakov und Lilia Bersuch bereit.

Ich beobachtete die Situation vor dem kleinen Stand und stellte fest, dass viele Menschen, angesprochen auf das Thema Gewerkschaftshaus Odessa, unsicher und manchmal auch ängstlich reagierten. Ich hörte Äußerungen wie, "da fehlt mir das Wissen". Das ist doch erstaunlich dachte ich mir. Regierung und Medien in Deutschland sind ja seit dem Maidan in Kiew so etwas wie ein Schutzpatron der Ukraine. Doch was in der Ukraine genau vor sich geht, wissen viele Menschen nicht.

"Ich habe den Brand im Gewerkschaftshaus überlebt. Wir wollen das Schweigen über das Thema brechen", erklärte Oleg Musyka, interessierten Messebesuchern (Die Tragödie von Odessa). Seit fünf Jahren tourt der Aktivist mit Vorträgen und Foto-Ausstellungen durch Europa. Er könne nicht ruhen, schreibt er in seinem Buch. Er tue das alles für seine verstorbenen Freunde. 42 Menschen starben beim Brand im Gewerkschaftshaus. Die Familie von Musyka lebt immer noch in Odessa (Tragödie vom 2. Mai 2014 in Odessa weiter unaufgeklärt).

Oleg Musyka und Saadi Isakov im Gespräch mit einem Messebesucher. Bild: Ulrich Heyden

In Deutschland anerkannt als politischer Flüchtling

Musyka lebt seit Herbst 2014 in Berlin. Er wurde in Deutschland als politischer Flüchtling anerkannt. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Von 7000 Ukrainern, die politisches Asyl in Deutschland beantragten, wurde nur neun dieser Status zuerkannt. Dies geht aus der Antwort der Bundesregierung vom 9. März 2018 auf eine Kleine Anfrage von Abgeordneten der Partei Die Linke hervor.

Ausführlich stellt Oleg Musyka in dem Buch die Versuche der "Freunde der Ukraine" in Deutschland dar, ihn politisch kalt zu stellen. Er berichtet, wie die "Freunde der Ukraine" in Deutschland immer wieder durchsetzten, dass Kinos und Kulturzentren Veranstaltungen mit ihm absagten. Mit einem "russischen Nationalisten" dürfe man keine Veranstaltung machen, forderten die "Freunde der Ukraine" ultimativ.

Musyka erklärt, er sei kein Nationalist. Er habe sich in Odessa auch deshalb so wohl gefühlt, weil es eine Stadt mit vielen Nationalitäten war. "Früher haben wir in den Kneipen mit Ukrainern und Russen Lieder auf Russisch, Ukrainisch und Jiddisch gesungen."

In dem Buch mit seinen 145 Seiten gibt es Stellen, an denen man Schmunzeln muss. So als der Aktivist schildert, wie er in Paris in einem teuren Hotel einen Vortrag vor Senatoren, früheren Generälen und Aristokraten hielt. Während Musyka sprach, nahmen die Senatoren ein mehrgängiges Essen ein. Der Vortragende bemerkte, dass die Teilnehmer der Versammlung meist auf ihren Teller guckten und nur dann zu ihm schauten, wenn er über sein ganz persönliches Leiden im Gewerkschaftshaus sprach. Er habe das Gefühl gehabt, dass er nur für Zerstreuung sorgen sollte. In der "teuren Umgebung" habe er sich "unwohl gefühlt".

Der Lernprozess in Europa

Musyka machte während seiner Reisen durch Deutschland und Europa, wie er schreibt, einen Lernprozess durch. Nach den ersten Veranstaltungen in Deutschland, auf denen der Zeitzeuge aus Odessa auftrat, war er begeistert über das große Interesse. "Deutschland empfing mich damals aufgeschlossener als alle anderen Länder. Es gibt dort aufgrund seiner Vergangenheit eine sehr starke antifaschistische Grundstimmung."

Erst später merkte der Polit-Emigrant, dass das nur eine "Randnotiz" in der deutschen Öffentlichkeit war. "Damals wusste ich noch nicht, wie die deutsche Gesellschaft strukturiert ist. Ich war naiv, unvorsichtig und redete mit dem einen und dem anderen. War der rechts oder links? Das war für mich damals ohne Belang."

Mit dieser Bemerkung deutet Musyka etwas an, was ihm fast zum Verhängnis wurde. 2014 stand er neben einem deutschen Ultranationalisten, einem Angehörigen der "Reichsbürger", auf einer Bühne in Berlin. Auftritte mit deutschen Nationalisten gab es seitdem nicht mehr. Aber der Vorfall in Berlin reichte aus für eine Riesen-Kampagne der "Freunde der Ukraine", die im Internet gegen den Polit-Emigranten eine Rufmord-Kampagne führen.

"Ich wollte nicht das Leben von Zehntausend gefährden"

Sonnabendabend wurde das Buch "2. Mai Odessa. Fünf Jahre danach" in einem Künstleratelier des Leipziger Kulturzentrums "Monopol" vorgestellt. 40 Zuhörer waren gekommen. Neben Oleg Musyka hat das Buch noch drei weitere Autoren, die sich vorstellten.

Saadi Isakow wurde in Moskau geboren und lebt sein 1991 in Deutschland. Er war Chefredakteur der 2014 eingestellten "Jüdischen Zeitung". Seit 2002 ist er Mitglied der CDU. Wegen eines Interviews mit Musyka bekam Isakow im April 2016 auf dem Flughafen von Odessa ein fünfjähriges Einreiseverbot für die Ukraine in seinen deutschen Pass gestempelt. In dem Buch schreibt Isakow, er sei Sympathisant des Maidan gewesen, denn er sei "Befürworter gesellschaftlicher Veränderungen". Doch nach den Vorfällen in Odessa am 2. Mai 2014 sei seine Sympathie für den Maidan "dahin gewesen".

Buchvorstellung im Leipziger Künstler-Atelier - von links Moderator Aleksej Danckwardt, Jefgenia Biltschenko und drei der Buchautoren. Bild: Ulrich Heyden

Ein weiterer Autor des Buches ist Frank Schumann. Er war, Anfang der 1990er Jahr Chefredakteur der Jungen Welt. Schumann gelang es am 2. Mai 2018 nach Odessa zu fahren. Dort wurde er Augenzeuge "eines gespenstischen, rechtsradikalen Marsches zum vierten Jahrestag des Sieges von Odessa". Schumann hörte, wie die Chefin des Rechten Sektors in Odessa, Tatjana Sojkina, auf der Abschlusskundgebung rief: "Die Ukraine wird den Ukrainern gehören und nicht den Juden, nicht den Oligarchen." Der ukrainische Innenminister Arsen Awakow bezeichnete diesen Aufruf als unzulässig. Doch juristische Konsequenzen gab es nicht. Die vierte Autorin ist Lilia Bersuch, eine in der Ukraine geborene Übersetzerin und Journalistin, die seit 1989 in Deutschland lebt.

Ein Diskussionsteilnehmer fragte, wie sich die Geschäftsleute in Odessa im Schicksalsjahr 2014 verhalten haben. Warum sie sich nicht am Anti-Maidan beteiligten? Ob sie auf Geld aus den USA hofften? Die Geschäftsleute in Odessa hätten Angst gehabt, dass sie mit ihrer Unterstützung des Anti-Maidan "etwas verlieren", antwortete Buchautor Musyka.

Eindrücklich berichtete der Aktivist wie er und 70 weitere Häftlinge am 4. Mai 2014 unter dem Druck von 3000 Demonstranten aus dem Untersuchungsgefängnis von Odessa befreit wurden. In den deutschen Medien war diese Befreiungsaktion damals ein großes Thema. Die deutschen Medien hielten damals noch größere Unruhen in Odessa für nicht ausgeschlossen.

Musyka, der einer der bekannteren Aktivisten des Anti-Maidan war, berichtete, dass es ihm damals nicht leicht gefallen sei, eine Entscheidung über das weitere Vorgehen zu treffen. Seine Freunde hätten ihn auf Händen aus dem Untersuchungsgefängnis getragen und ihn auf ein in Beton eingefasstes Blumenbeet gestellt. Es gab viele Fernsehkameras.

"Natürlich gehen wir jetzt zum Gouverneur Nemirowski und fordern ihn auf, wegen der vielen Toten Stellung zu nehmen." So in etwa habe er damals zu der Menge geredet. "Die Leute griffen meine Worte auf. Sie riefen Hurra und klatschten Beifall. Doch dann begann ich nachzudenken und die Situation zu analysieren. Ich sah, dass sich vor allem Frauen versammelt hatten. Es waren erwachsene Menschen, aber sie hatten keine Waffen. Ich begriff, jetzt etwas Außerordentliches zu machen, wäre ein sinnloser Schritt, der zu noch mehr Toten führen würde."

Nachdem ihm dann noch mitgeteilt wurde, dass sich im Stadtzentrum an der Potjomkin-Treppe ukrainische Nationalisten mit Waffen versammelt hatten, forderte er die Versammelten auf, nach Hause zu gehen.

Ein Zuhörer in Motorradkluft warf ein, die Menschen im Donbass hätten doch auch keine Waffen gehabt, aber sie hätten sich trotzdem erhoben. Musyka antwortete, die Situation im Donbass sei eine andere gewesen. Der Donbass grenze an Russland und im Donbass habe es einen Aufstand der Menschen und Leute wie Igor Strelkow (ehemaliger Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes) gegeben. "Ich bin nicht Marschall Schukow, um so eine Entscheidung zu treffen", erklärte Musyka. "Über mein eigenes Leben kann ich eine Entscheidung fällen aber ich war nicht bereit das Leben von Zehntausenden aufs Spiel zu setzen."

Ist die Föderalisierung noch eine Lösung?

Ein anderer Teilnehmer der Buchvorstellung fragte, ob es für die Föderalisierung der Ukraine noch eine Chance gibt. Der Autor dieser Zeilen erklärte, für eine Föderalisierung der Ukraine, wie sie im Frühling 2014 vor allem von Demonstranten im Südosten der Ukraine gefordert wurde, gäbe es noch eine Chance. Sie sei nur möglich, wenn Russland, die USA und Europa sich aus humanistischen Gründen auf so ein Modell einigen. So eine Lösung würde den sehr unterschiedlichen Regionen mit ihren eigenen Kulturen und Sprachen Rechnung tragen.

Buch-Autor Frank Schumann entgegnete, es sei sehr unwahrscheinlich, dass es zu einer Föderalisierung kommt, "denn das Chaos, das wir jetzt in der Ukraine erleben, ist von den USA und der Nato herbeigeführt worden. Warum sollen sie ihre Entscheidung revidieren? Sie haben die Ukraine als Keil zwischen Westeuropa und Russland benutzt. Putin brachte 2001 im deutschen Bundestag die Idee eines eurasischen Wirtschaftsraums ins Gespräch. Genau das wollten die USA verhindern, deshalb sind sie in die Ukraine reingegangen."

Auch Oleg Musyka erklärte, er sehe nach Bürgerkrieg mit Tausenden von Toten und Millionen Flüchtlingen keine Chance für eine Föderalisierung mehr. Er könne sich nicht vorstellen, in einer Stadt mit Menschen zu leben, welche die im Gewerkschaftshaus Verbrannten verhöhnt haben oder wie Sewa Gontscharenko mit Knüppeln auf Menschen einschlugen, die aus dem brennenden Gebäude gesprungen waren.

Wenn er einmal nach Odessa zurückkehren werde, müsse er sich ständig umdrehen "aus Angst, verfolgt zu werden. Aber auch die Anderen werden ständig Angst haben müssen, dass sie verfolgt werden. Das ist das Problem des Bürgerkrieges." Die Täter müssten zur Verantwortung gezogen werden, erklärte Musyka. Dass die Ukraine als Staat erhalten werden kann, das ist für Musyka offenbar unwahrscheinlich.

Vorbeugende Gespräche mit dem Geheimdienst SBU

Eine andere Lösung zur Beendigung des ukrainischen Bürgerkrieges entwarf die junge Kulturwissenschaftlerin Jefgenia Biltschenko aus Kiew, die extra zur Buchvorstellung angereist war. Biltschenko lehrt an Universitäten in Kiew zu Fragen des Humanismus und Antirassismus. Die Wissenschaftlerin und Prosaistin war begeisterte Anhängerin des Maidan, tritt aber heute für eine Versöhnung zwischen Russen und Ukrainern ein. Es gäbe zwischen Ukrainern und Russen wichtige Verbindungen in der Kultur, Sprache und Religion, auf die man sich besinnen müsse. Vom Krieg profitierten nur liberale, kapitalistische Eliten im Westen und in Russland. Dass sich die einfachen Leute jetzt gegenseitig mit Waffen töten, müsse man schleunigst beenden.

Doch das sei nicht einfach. Die zentralen Institutionen in der Ukraine würden vom CIA gesteuert. Der ukrainische Geheimdienst SBU lade sie zu "vorbeugenden Gesprächen" ein. Sie müsse an diesen Gesprächen teilnehmen. Aber zu verbergen habe sie nichts. Sie mache nichts Ungesetzliches. Eine schwache Hoffnung setzt die Wissenschaftlerin auf den Präsidentschaftskandidaten Wladimir Selenski. Der Schauspieler und Kandidat sei bisher nicht durch Russophobie aufgefallen.

Ulrich Heyden

veröffentlicht in: Telepolis

 

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