25. Januar 2011

Auge um Auge

Die Regierung in Moskau setzt auf Rache und Revanche, um das Attentat auf dem Flughafen Domodedowo zu sühnen – eine neue Kaukausus-Politik ist das allerdings nicht

Wird es Dmitri Medwedjew nach dem Terroranschlag von Domodedowo gelingen, die Bevölkerung auf Besonnenheit einzustimmen und russische Jugendliche von Racheaktionen gegen kaukasische Gastarbeiter in Moskau abzuhalten?

Immerhin, in seiner Rede vor Geheimdienstlern nach dem Attentat meinte der Präsident, das „Schüren von nationalem und religiösem Hass“ müsse verhindert werden. Sein Premierminister hingegen setzt nach solchen Gewaltakten ungerührt auf Revanche – man werde die Terroristen finden und schonungslos vernichten. Ähnliches war von Wladimir Putin auch nach dem Anschlag auf die Moskauer Metro im März 2010 zu hören.

Ob Medwedjew genügend Handlungsstärke und Willen besitzt, nicht nur gegen Terroristen zu kämpfen, sondern auch Ultra-Nationalisten Paroli zu bieten, die vor dem Kreml den Hitler-Gruß zeigen und in der U-Bahn „Töten, töten“ skandieren, wird sich noch zeigen. Der Präsident sollte zuerst penetrante Scharfmacher wie den Ultranationalisten Wladimir Schirinowski zügeln, der kurz vor dem jüngsten Anschlag in einer Sendung des Staatskanals Rossija 1 provoziert hatte, die Kaukasier „wollen und können nicht arbeiten“ – „sie rauben alles“. Es folgte ein Proteststurm der Kreml loyalen Administrationen im Nordkaukasus.

Um diese Region zurückzugewinnen, müsste Russland ganz anders mit ihr umgehen. Heute fühlen sich Dagestaner, Tschetschenen und Inguschen – sie alle haben russische Pässe – wie Ausländer, wenn sie nach Moskau kommen. Im russischen Kernland werden energische Stimmen lauter, man möge den Nordkaukasus endlich in die Unabhängigkeit schicken. Die Separatisten sich selbst zu überlassen, sei der einzige Ausweg, dem Terror zu entkommen. Es rächt sich, dass in Moskau gegenüber Tschetschenien quasi seit dem Ende und der Selbstauflösung der Sowjtunion Ende 1991 zunächst vorrangig auf militärische Lösungen gesetzt wurde, so dass zivile Alternativen heute wenig glaubwürdig erscheinen. Zu etabliert sind zudem korrupte Clans in den Verwaltungsstrukturen des Nordkaukasus. Eine ganze Generation kennt in den kaukasischen Republiken nichts als Verunsicherung und Vetternwirtschaft. Von einer sezessionistischen Peripherie abgesehen, gibt es dort jedoch keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass die Bevölkerung die Abkehr von Russland will oder einem Leben im Kalifat, dem islamischen Gottesstaat, etwas abgewinnen kann. Was es gibt, ist ein islamisch-fundamentalistisch gefärbter Untergrund, der von arabischen Stiftungen gefördert wird, die Bereitschaft junge Kaukasier, in die Wälder zu gehen und zu kämpfen.

Das verbindet sich mit der Gewissheit, je länger die Konflikt im Nordkaukasus in Gewalt münden, desto mehr radikalisieren sie sich. In den neunziger Jahren kämpften zunächst säkulare tschetschenische Separatisten gegen Russlands Armee, es gab noch keine Selbstmordanschläge und so viel Respekt voreinander, dass regulärer Gefangenenaustausch selbstverständlich war. Seit jedoch 1998 aus arabischen Ländern eingeschleuste Wahhabiten dem tschetschenischem Separatismus das islamistische Siegel prägten, wurde die Blutspur des Terrors immer länger. Darauf weiter die aus Moskauer Sicht allein adäquate Antwort zu suchen und einem Wunsch nach Rache nachzugeben, wird zu wenig sein. Soviel ist klar: Eine wirksame Abwehr von Korruption, eine demokratische Mitsprache der Bevölkerung und die soziale Sanierung einer zurückgebliebenen Gegend können mittelfristig mehr bewirken, als archaische Säuberungsaktionen.

veröffentlicht in: der Freitag

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