14. November 2021

Die Vertrauenskrise (Rubikon)

Catarina Belova/Shutterstock.com
Foto: Catarina Belova/Shutterstock.com

Die Vertrauenskrise

Während die russische Regierung den Impfdruck erhöht, bleibt die Bevölkerung zurückhaltend — man ist traditionell skeptisch gegenüber der Politik.

von Ulrich Heyden

Unter den bunten Zwiebeltürmen wird wieder wild getestet. Auf Geheiß der Putin-Regierung werden die russischen Bürger nun verstärkt als virologische Babuschka-Puppen betrachtet, die immerzu eine Virenlast in sich tragen könnten. Das heißt testen, bis irgendwann vielleicht der Arzt kommt, um gesunden Menschen zu erklären, sie seien krank. Die Impfkampagne im Riesenland wird indes auch immer aggressiver. Die Impfbereitschaft ist unter den Menschen Russlands äußerst gering. Prozentual liegt die Impfquote unter dem Alkoholgehalt der bekanntesten russischen Wodka-Sorten. Nicht einmal ein Drittel der Russen haben sich zum Piksen verleiten lassen. Geprägt durch die Erfahrungen der chaotischen 90er-Jahre, haben die Russinnen und Russen einen gewissen Argwohn gegenüber Experimenten entwickelt — das gilt wohl auch für experimentelle Impfstoffe.

In Russland steigt die offizielle Zahl der Corona-Infizierten und der am Coronavirus Gestorbenen. Wladimir Putin hatte deshalb für ganz Russland vom 30. Oktober bis zum 7. November eine Arbeitsruhe angeordnet.

In Moskau hatte die Arbeitsruhe bereits am 28. Oktober begonnen. Restaurants, Kinos und Veranstaltungszentren waren geschlossen. Nur Lebensmittelgeschäfte haben geöffnet. Für Schüler wurden Ferien angeordnet. Moskauer Studenten sollen zehn Tage lang auf Distanz lernen.

Die Leiterin der russischen Verbraucherschutzbehörde Anna Popowa erklärte, „die kommenden neun oder sieben Tage sind kein Lockdown. Wir müssen uns auf die Neujahrsfeiertage vorbereiten. Diese sieben Tage sind notwendig, um zu impfen. Das ist die einzige Möglichkeit, die Ausbreitung des Virus zu stoppen und gut ins neue Jahr zu kommen“. Die Neujahrsfeiertage gelten in Bezug auf Infektionen als „gefährliche Zeit“.

Eine Beschränkung in Russland zu reisen, wurde bisher nicht verhängt. In einzelnen Regionen gibt es strengere Vorschriften als in Moskau, wie zum Beispiel nächtliche Ausgangssperren. In Sewastopol auf der Krim werden an Straßen und auf dem Bahnhof die Dokumente von Reisenden kontrolliert. In die Stadt wurde nur gelassen, wer einen negativen PCR-Test und eine Impfbescheinigung vorweisen konnte.

Auf dem Weg zum Schnelltest

Ich hatte gehört, dass man bei mir um die Ecke im neugebauten Moskauer Einkaufs- und Veranstaltungszentrum „Okeanija“ einen kostenlosen Corona-Schnelltest machen kann. Das Einkaufszentrum liegt am mehrspurigen Kutusowski-Prospekt, westlich vom Stadtzentrum. Der Saal für den Schnelltest befindet sich im dritten Stock des mit Leuchtdioden verzierten Betonklotzes.

Gleich im Erdgeschoss fiel mein Blick auf eine Schlange von Menschen, die in Seelenruhe auf irgendetwas warteten. Sie waren alle gut gekleidet. Auch sahen sie wohlgenährt aus. Als ich jemanden aus der Schlange fragte, worauf er wartete, lautete die Antwort „Wyigrysh“ (Gewinn).

Dann sah ich, dass am Kopf der Warteschlange ein großer Behälter aus Plexiglas stand. Darin stapelten sich gebündelte Fünftausend-Rubel-Scheine. Es handelte sich um eine Lotterie. Ich fragte mich: Haben diese gut gekleideten Menschen nichts Besseres zu tun, als in einer Schlange zu stehen und auf einen wenig wahrscheinlichen Gewinn zu warten?

Die alten Moskauer Freiluftmärkte, von denen nur noch wenige existieren, besuchte ich immer gerne. Dort war es geradezu gemütlich. Die Händler und Händlerinnen lächelten freundlich und machten Scherze. Es roch nach frischem Brot, Fisch oder etwas Gebratenem.

Besuche in den neuen Moskauer Einkaufszentren, die in den vergangenen zwanzig Jahren überall in der Stadt entstanden sind, versuche ich nach Möglichkeit zu vermeiden. Mir fehlt in diesen Tempeln der Konsumgesellschaft die Ruhe und Konzentration. Popmusik schallt aus diversen Lautsprechern. Überall blinkt und leuchtet es in grellsten Farben. Es herrscht eine unangenehme Hektik, und es ist so warm, dass man gerne den Mantel ablegen würde. Doch eine Garderobe gibt es nicht.

Ich frage mich manchmal: Ist es das worauf die Menschen in der Sowjetunion in den 1980er-Jahren so sehnsüchtig gewartet haben?

Die Betäubung des Verstands durch einen ausgefeilten Mix aus Licht, Musik und sündhaft teuren Waren?

70 kostenlose Schnellteststellen in Moskau

Mein Weg führt mich auf Rolltreppen weiter hinauf in die dritte Etage. Dort befindet sich ein Saal, in dem die Stadtverwaltung kostenlose Corona-Schnelltests anbietet. Auf dem Portal der Stadtverwaltung wird für die Schnelltests geworben. Insgesamt gibt es 70 Schnelltestzentren in Moskau.

Als ich am Vortag vor dem Testzentrum stand, war es 20.45 Uhr und man wollte mich nicht mehr reinlassen. Die jungen Damen am Eingang des Zentrums erklärten, man teste nur bis 21 Uhr. Im Portal der Stadtverwaltung ist dagegen angegeben, dass bis 22 Uhr getestet wird. Aber die jungen Damen im Testzentrum erklärte mir, diese Angabe sei „falsch“.

Diesmal kam ich um 19.45 Uhr und hatte Glück. Ich musste nur ein paar Minuten warten. Eine junge Frau wies mich an, meine persönlichen Angaben in einem Formular einzutragen. Dann wies mich eine ältere Krankenschwester an, mich auf einen Stuhl zu setzen. Sie öffnete kleine orangene Kanülen, beugte sich über mich und steckte mir Stäbe in die Nasenlöcher, die sich wie Bürsten anfühlten. Wie immer bei diesen Tests muss ich niesen. Freundlich reichte mir die Krankenschwester ein Taschentuch.

Die freundliche Schwester hatte sofort mein Mitgefühl. Ihre Arbeit mit gebeugtem Rücken schien mir äußerst anstrengend. Auf Nachfrage erklärte sie, dass ihre Schicht zwölf Stunden dauere. Als ich weiter fragte, erklärte sie, man habe sie aus einer Poliklinik zur Teststation delegiert.

Die Testprozedur dauerte nur ein paar Minuten. Danach ging ich im „Okeanija“ spazieren, kaufte mir ein Eskimo-Eis, verspeiste das Eis auf einer Kinderschaukel und kam nach einer halben Stunde wieder ins Testzentrum, um mich über mein Testergebnis zu erkundigen.

Auf einem Tisch sah ich vorbereitete Zettel liegen. Nachdem ich meinen Namen genannt hatte, griff eine jüngere Krankenschwester einen Zettel vom Tisch. Darauf standen mit meiner Handschrift mein Name und mein Geburtsdatum. Mit fremder Handschrift war die Nummer „158“, das Testdatum sowie der Vermerk „(-) neg.“ eingetragen.

Ich bat die jüngere Krankenschwester, diesen Zettel durch eine Unterschrift und einen Stempel zu einem echten Dokument zu machen. Doch die Dame wandte sich, ohne ein Wort zu sagen, mit mürrischem Gesicht von mir ab.

Als ich etwas lauter wurde und bat, mir wenigstens etwas über die Technologie des Testes zu sagen, gab mir die ältere Krankenschwester eine schriftliche Instruktion der Firma „All Test“. Auf diesem Zettel stand in sehr kleiner Schrift, dass der Schnelltest „zur qualitativen Feststellung von spezifischen Antigenen von SARS-CoV-2“ benutzt wird. Als autorisierter Vertreter des Testes in Russland war die Firma medcar.ru angegeben.

Als ich auf das Portal von medcar.ru gehe, erfahre ich, dass der Schnelltest aus der Volksrepublik China kommt und von der „Hangzhou AllTest Biotech Co“ hergestellt wird. Ich wunderte mich. Warum China? Ist nicht in Russland die SARS-CoV-2-Forschung besonders weit vorangeschritten? Kann Russland solche Schnelltests nicht selbst herstellen?

Auf dem Portal der Moskauer Stadtverwaltung las ich später, dass der Schnelltest nur als Information für Bürger gedacht ist, die etwas über ihren Gesundheitszustand wissen wollen. Wenn bei dem Schnelltest jemand positiv getestet wird, muss der Betreffende sich umgehend einem PCR-Test unterziehen.

Der Schnelltest — so meine Schlussfolgerung — hat also medizinisch nur begrenzten Aussagewert. Warum wird auf dem Portal der Stadtverwaltung trotzdem für den Test geworben?

Etwa um an die Adressen von Infizierten ohne Symptome zu kommen? Doch stärkt so eine Maßnahme das Vertrauen in das Gesundheitssystem? Wohl eher nicht. Merkwürdig auch: Als ich kurz vor 21 Uhr als einer der Letzten mein Testergebnis abholte, lagen auf dem Tisch noch etwa zehn Zettel mit Schnelltestergebnissen, die niemand abgeholt hatte.

Als ich das Einkaufszentrum „Okejanija“ verließ, standen die Menschen im ersten Stock immer noch Schlange nach einem Lotteriegewinn. Und ich dachte mir: In einer Zeit großer Gefahren suchen die Menschen offenbar nach Ablenkung. Und die darf ruhig auch sinnlos sein.

Tourismus in Moskau weiter möglich

Immer wieder fragen mich Deutsche, die nach Moskau reisen wollen, welche Covid-19-Hygieneregeln es in der russischen Hauptstadt gibt. Informationen auf Englisch siehe hier.
Wie mir Vertreter der großen Moskauer Hotels, Ismailowo und Kosmos am Telefon erklärten, ändert sich während der von Wladimir Putin wegen steigender Coronazahlen angeordneten arbeitsfreien Zeit, die in Moskau vom 28. Oktober bis zum 7. November dauert, nichts an den Regeln für die Einquartierung ausländischer Touristen.

Die einzige Maßnahme für Hotelbesucher sei eine Temperaturkontrolle am Hoteleingang und die Pflicht, im Hotel eine Maske zu tragen.

Für Theater- und Ausstellungsbesuche ist in Moskau vom 28. Oktober bis zum 7. November ein QR-Code Pflicht. Den Code erhält über das Portal Mos.ru, wer geimpft ist, einen PCR-Test gemacht hat oder in den zurückliegenden sechs Monaten eine Corona-Erkrankung überstanden hat.

Restaurants waren in Moskau vom 28. Oktober bis 7. November geschlossen. Sie lieferten aber Speisen außer Haus. Restaurants in Hotels arbeiteten weiter.

Die allgemeine Regel in Moskau sah in den vergangenen Monaten so aus, dass man sich frei in der Stadt bewegen konnte. Die einzige Bedingung war, dass man in Geschäften, Theatern und in der U-Bahn eine Maske tragen musste.

Inzwischen gibt es in der russischen Regierung Pläne, den QR-Code verpflichtend für eine noch nicht genau benannte Zahl öffentlicher Einrichtungen zu machen. Von einem weitreichenden QR-Code wären dann auch Touristen aus dem Ausland betroffen, soweit sie nicht mit einem russischen Impfstoff geimpft sind. Eine Impfung mit einem westlichen Impfstoff wird in Russland nicht anerkannt.

„Wie viele Menschen müssen noch sterben, bevor du dich impfst?“

Die Impfbereitschaft der Russen ist nach wie vor gering. In vielen Betrieben, staatlichen Einrichtungen und im Dienstleistungssektor ist eine Impfung faktisch Pflicht. Bis heute haben nach offiziellen Statistiken nur zwischen 34 und 39 Prozent der Bevölkerung die zweistufige Impfprozedur absolviert. Der Grund für die geringe Impfbereitschaft ist das mangelnde Vertrauen der Bevölkerung gegenüber allem, was die offiziellen Stellen über die Pandemie verkünden.

Schon seit Monaten bringen führende Politiker, wie der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin, die steigenden Coronazahlen mit der mangelnden Impfbereitschaft in der Bevölkerung in Zusammenhang.

Im Moskauer Umland sah ich aggressive Pro-Impf-Plakate mit Slogans wie diesen: „Wie viele Menschen müssen noch sterben, bevor du dich impfst?“

Aber der steigende Impfdruck der Politik führt nicht zu dem gewünschten Resultat. Das hängt mit dem geringen Vertrauen der Russen gegenüber Politikern und gegenüber dem Gesundheitssystem zusammen. Auch gibt es seit den chaotischen 1990er-Jahren, als Russland im Schnelltempo in einen wilden Kapitalismus schlitterte, einen verbreiteten Fatalismus gegenüber lebensgefährlichen Situationen.

veröffentlicht in: Rubikon

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